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Zerrbild: Viele Jobsucher fallen durchs Statistik-Netz

Nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern sind in der offiziellen Statistik der Bundesanstalt für Arbeit (BA) nur rund zwei Drittel der tatsächlichen Arbeitslosen erfasst. Die BA orientiert sich dabei an der eng gefasste "Arbeitslosen"-Definition.

Schon die offiziellen Zahlen vom Februar waren alarmierend, dabei spiegeln selbst sie nur einen Teil der Arbeitsmarktmisere wieder: Die im Vormonat auf 4,7 Millionen gestiegene Zahl der Erwerbslosen hat die Diskussion um die Aussagekraft der offiziellen Arbeitslosenzahlen neu belebt. Denn nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern sind in der offiziellen Statistik der Bundesanstalt für Arbeit (BA) nur rund zwei Drittel der tatsächlichen Arbeitslosen erfasst. Die BA orientiert sich dabei an der eng gefassten "Arbeitslosen"-Definition des Gesetzgebers.

Wer hingegen den Begriff weiter fasst, stößt nach Berechnungen von Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg aktuell auf rund 7,2 Millionen Arbeitslose. Zu den derzeit 4,7 Millionen kämen nämlich noch rund 2,5 Millionen erwerbslose Männer und Frauen in der so genannten Stillen Reserve. Das IAB unterscheidet dabei zwischen der Stillen Reserve im engeren und der Stillen Reserve im weiteren Sinne.

Größter Brocken: ältere Arbeitslose

Zur Stillen Reserve im engeren Sinne gehörten nach Spitznagels Berechnung im Jahresdurchschnitt 2002 etwa jene 1,743 Millionen Männer und Frauen, die sich nicht mehr oder gar nicht erst arbeitslos melden. "Das sind Leute, deren Arbeitslosengeld-Anspruch erloschen ist. Viele haben nach langer Arbeitslosigkeit entmutigt aufgegeben, obwohl ein Teil eigentlich arbeiten will", erläutert Spitznagel. Allerdings räumt er ein: "Es gibt in dieser Gruppe aber auch einige, die gar nicht mehr den Versuch machen, Arbeit zu bekommen."

Unberücksichtigt bleiben in der offiziellen Arbeitsmarktstatistik ferner arbeitslose Männer und Frauen, die berufliche Fort- und Weiterbildungskurse absolvieren, Deutsch-Kurse belegen oder sich in Rehabilitation befinden. Auch ein Teil der geförderten Jugendlichen fällt unter dieser Kategorie. "Den größten Brocken machen ältere Arbeitslose aus, die - trotz Bezugs von Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe - nicht mehr vermittelt werden und deshalb aus der offiziellen Statistik herausfallen", berichtet der IAB-Vertreter. Alles in allem belief sich dieser Teil der Stillen Reserve im Jahresdurchschnitt 2002 auf rund 784.000 Männer und Frauen, die nicht als Arbeitslose registriert waren.

"Aus der Arbeitslosigkeit in die Nichterwerbstätigkeit"

Allerdings, so betonen Fachleute, habe es die Stille Reserve schon immer gegeben. Sie sei keineswegs eine Erfindung der rot-grünen Koalition. In der Regierungszeit von Helmut Kohl (CDU) war sie sogar schon mal deutlich höher - im Jahre 1995 etwa bei 2,9 Millionen. Dennoch war die Geschichte der Arbeitsmarktzahlen immer auch vom Bemühen der jeweils Regierenden geprägt, den Begriff des "Arbeitslosen" noch enger zu fassen.

Da macht auch die rot-grüne Bundesregierung keine Ausnahme. So drängt etwa das zum Jahresanfang 2002 in Kraft getretene Job-Aqtiv-Gesetz mit seinen angezogenen Daumenschrauben viele angeblich Arbeitsunwillige systematisch aus der Arbeitsmarktstatistik heraus. Etliche Zehntausend haben sich - wie es offiziell heißt - seit Jahresanfang 2002 "aus Arbeitslosigkeit in Nichterwerbstätigkeit" abgemeldet. Im Klartext: Nachdem sie wegen mangelnder Initiative bei der Job-Suche Arbeitslosengeld oder -hilfe gestrichen bekamen, haben sich viele von ihnen nach Ende der Sperrzeit nicht wieder beim Arbeitsamt gemeldet.

Arbeitsmarktstatistik transparenter gestalten

Auch die im Zuge der Hartz-Reform geplanten Personal-Service-Agenturen (PSA) werden nach Einschätzung von Arbeitsmarkt-Beobachtern den Arbeitsmarkt nicht gerade transparenter machen. Denn jeder PSA-Beschäftigte - gleich ob die Leiharbeit-Agentur für ihn einen Arbeitsplatz gefunden hat oder nicht - gilt fortan als beschäftigt und taucht damit nicht mehr in der Arbeitsamtsstatistik auf. Und auch die jüngsten Bestrebungen von Bundeswirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD), die deutsche Arbeitsmarkt-Statistik an Berechnungsmethoden der EU anzugleichen, wird die offiziell Arbeitsmarktstatistik um rund 800.000 entlasten.

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