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Zweitkarriere: Heugabel statt Aktenkoffer

Sie kommen aus Recklinghausen, Esslingen, Ludwigsburg, Mannheim oder dem Vogtland. Und sie waren früher als Stewardess, Veredlungstechnikerin oder Hotelfachfrau tätig. Heute sind sie Bergbäuerinnen mit Leib und Seele.

Wo die Liebe hinfällt: Knapp die Hälfte der Frauen im Arbeitskreis "Bergbäuerinnen Unterjoch" stammt nicht aus dem malerischen Örtchen am Fuße der Allgäuer Alpen, sondern sind irgendwann hier "hängen geblieben". Meist waren ein Mann und die landschaftlichen Reize der Region Grund dafür, ein schickes Arbeitskostüm gegen Stallanzug und Gummistiefel einzutauschen.

Professionelle Selbstdarstellung

Die zwischen 29- und 48-jährigen Frauen präsentieren ihr "etwas anderes Urlaubsangebot" in einem Prospekt so, wie man es von echten Bergbäuerinnen erwartet: Im Dirndl, auf dem Heuwagen, mit Heugabel, umgeben von Schafen und Milchkannen, mitten in einer bunten Blumenwiese. Keiner würde je glauben, dass etwa die blonde Frau im blauen Dirndl aus dem Vogtland kommt und noch vor nicht allzu langer Zeit als Stewardess zur See gefahren ist. Heute ist Bärbel Gehring (38) leidenschaftliche Bauersfrau auf dem Wendlarhof. Die nötigen Kenntnisse hierfür hat sie sich in der Landwirtschaftsschule in Mindelheim erworben, erzählt sie. "Bäuerin zu werden, war bisher die größte Herausforderung in meinem Leben. Aber ich habe diesen Schritt nie bereut."

Aus der Großstadt in die Einöde zog es auch Angelika Lipp (43), gebürtige Recklinghauserin, die heute mit ihrem Mann den Hotzenbauer-Hof in Unterjoch bewirtschaftet. Mit Landwirtschaft, Gästezimmern und vier Söhnen hat die staatlich geprüfte Wirtschafterin alle Hände voll zu tun, "aber viel Freude, wenn auch wenig Freizeit bleibt".

Ins Bäuerinnen-Sein geheiratet

Im Alter von 17 Jahren hat sich Angelika Steinmüller aus Esslingen für das raue Leben auf dem Land entschieden und ihren Max aus Unterjoch geheiratet. Heute bewirtschaftet die sechsfache Mutter mit dem Max den Ferienhof Steinmüller mit fünf Ferienwohnungen. Auch Marion Weber (36) aus Ludwigsburg hat es schon jung ins Allgäu gezogen. Nach dem Abi und einer Lehre als Hotelfachfrau in ihrer Heimat nahm sie hier eine Stelle an und lernte bald darauf ihren Alois kennen, den sie 1992 heiratete. Zusammen mit den Schwiegereltern bewirtschaften sie heute einen Bergbauernhof mit Ferienwohnungen.

Ohne zu zögern schließlich tauschte eine ehemalige Ski-Europacup-Fahrerin ihr "Kofferleben" gegen eine Leben in der Natur ein. Sabine Gehrung (38), die einst rund 200 Tage im Jahr zu Trainingszwecken in Frankreich, Bulgarien, Jugoslawien oder Spanien unterwegs war, ist heute Bäuerin mit Leib und Seele. "Ich war schon immer ein eher sesshafter Typ", gesteht die gelernte Kauffrau.

Tourismus als zweites Standbein

Ein völlig neues Leben schließlich begann die 29-jährige Judith Beißwenger mit ihrem Mann Eric. Seit 1997 bewirtschaftet das aus Mannheim stammende Paar einen Biohof mit drei Ferienwohnungen in Unterjoch. Judith, die ihr Studium der Agrarwissenschaften abgebrochen hat, entschloss sich ganz bewusst für dieses Leben mit Milchschafen, Hühnern, Kaninchen, Schweinen, Bienen und Pferden. "Wir haben es bis heute nicht bereut", erzählt die junge Frau. "In Unterjoch gibt es schon sehr lange Tourismus. Deshalb sind wir Gästen gegenüber mehr als aufgeschlossen", sagt die ehemalige Arbeitskreisvorsitzende Friedl Ammann. So sei es kein Wunder, dass aus einem Skiurlaub manchmal auch der Bund fürs Leben im Allgäu werde.

Susanne Lorent-Munkler/DPA / DPA
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