Lehrstellenmisere Euch kann keiner brauchen


Hauptschulklasse 9d aus Schwerin: Von 24 Schülern haben nur vier eine Lehrstelle bekommen. Für die anderen beginnt das Leben auf dem Abstellgleis.

Die gute Nachricht kam per SMS. Stephanie Gustke, 16, saß gerade in der Mathestunde, als ihr Handy vibrierte: "Hab eine große Überraschung für dich, freu mich, bis nachher, deine Ma." Steffis Mutter hatte den Brief von der Berufsfachschule für Kinderpflege bereits geöffnet und gesehen, dass Steffi zum Herbst eine Zusage für die Ausbildung zur Kinderpflegerin hatte. "Das ist genau die Stelle, die ich wollte", sagt Steffi. "Ich bin ziemlich glücklich. Ich spür so eine innere Ruhe, die einem sagt, du musst dir jetzt keine Gedanken für die nächsten zwei, drei Jahre machen." Auch drei Mitschüler hatten Glück: Marcel fand eine Lehrstelle als Handelsfachpacker, Kathleen als Hauswirtschafterin, und Sabrina hat ebenfalls einen Platz in der Kinderpflegeschule.

Vier Lehrstellen und Schluss. Die restlichen 20 Schüler der Klasse 9d der Werner-von-Siemens-Schule in Schwerin gingen leer aus. Sie stehen kurz vor Beginn des neuen Lehrjahres noch immer ohne Ausbildungsplatz da, und die allermeisten werden wohl auch keinen mehr finden.

Das ist Gesundbeterei

Mehr als 70.000 Jugendliche werden nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeit (BA) dieses Jahr auf der Strecke bleiben. Nicht weil sie schlechter sind als frühere Bewerber, sondern weil landauf, landab jede zehnte Lehrstelle gestrichen wird. Häufigste Begründung: die schlechte wirtschaftliche Lage. Bis Ende Juni fragten 650.000 Schulabgänger beim Arbeitsamt nach einer Lehrstelle, die Wirtschaft hatte aber nur 450.000 gemeldet. Während der Bundeskanzler den Betrieben bereits mit einer Ausbildungsabgabe drohte, behaupten die Bildungsministerin und die Arbeitgeber unverdrossen, dass die Lehrstellenmisere noch behoben werden könne. Doch das ist Gesundbeterei.

Die meisten Schüler, die bis jetzt keinen Platz gefunden haben, werden ab Herbst eine sinnlose Warteschleife drehen - damit wenigstens die Statistik nicht ganz so hart aussieht. Sie absolvieren dann auf Kosten der Länder ein Berufsvorbereitendes Jahr (BVJ) oder die zehnte Hauptschulklasse, oder auf Kosten des Arbeitsamtes einen einjährigen Grundausbildungs- oder einen Förderlehrgang.

"Wir schieben da eine immer größere Bugwelle vor uns her"

Jeden fünften Lehrstellenbewerber, genau 154.000 Schüler, haben die Arbeitsämter und Kultusministerien schon im vergangenen Jahr in solchen Warteschleifen entsorgt. Allein das Arbeitsamt gab dafür 472 Millionen Euro aus. Den Schülern hilft das kaum. Denn die meisten, die BVJ, Grundausbildungs- oder Förderlehrgang durchlaufen haben, gelten als zweite Wahl und werden auch im kommenden Jahr nicht eingestellt. Zudem stammen 40 Prozent der Lehrstellenbewerber aus dem Vorjahr. "Wir schieben da eine immer größere Bugwelle vor uns her", klagt Volker Rebhan von der BA.

Wie fühlt man sich aber, wenn man 15 Jahre alt ist und nur Absagen bekommt? Dennis sitzt in seinem Zimmer aus Pressspanmöbeln und weiß nicht so recht, was er antworten soll. Es sei eben blöd mit den Absagen. In der achten Klasse absolvierte Dennis ein Praktikum bei Maler Bartlau, in der neunten ging er in eine Tischlerei. "Wir mussten bei alten Fenstern die Farbe abkratzen und dann abschleifen. War recht lustig, wir haben jeden Tag Überstunden gemacht. Aber die haben auch gleich gesagt, wir nehmen keine Lehrlinge."

Das zehnte Hauptschuljahr - eine Auszeichnung

Anfang des Jahres schrieb Dennis acht Bewerbungen für eine Lehrstelle als Maler oder Tischler, viermal kam eine Absage, viermal kam gar nichts zurück. "Ich glaube, da kommt jetzt auch nichts mehr." Im Herbst wird Dennis auf die ebenfalls in Schwerin gelegene Hans-Beimler-Schule wechseln und ein zehntes Hauptschuljahr belegen. "Vielleicht hat man danach bessere Chancen", sagt er. "Aber ich will eigentlich nicht mehr in die Schule gehen. Das ist halt eine Absicherung, dass man nicht auf der Straße sitzt."

Zusammen mit sieben Mitschülern aus der 9d besichtigt er an diesem Morgen die neue Schule. Auf den Bänken stehen Schokokekse, "Finale-Cola" und Plastikbecher. Ihre Klassenlehrerin Gisela Arendt, 49, begrüßt sie mit den Worten: "Dass ihr die Zehnte hier machen dürft, ist eine Auszeichnung, das muss euch bewusst sein. Wer sich hier nicht halten kann, der muss gehen." Die Schüler schweigen. Nachdem sie draußen sind, sagt Frau Arendt: "Ob sie nach der Zehnten bessere Karten haben, weiß ich auch nicht."

Fernando Saager, 16, wäre an diesem Morgen auch gern hier. Doch er hat in Religion und Bio eine Fünf und darf deshalb die Zehnte nicht machen. Fernando ist der Mädchenschwarm der 9d, sein Klassenlehrer sagt, dass fast jede Mitschülerin schon mal ein bisschen in ihn verliebt war. Fernando kickt auch ziemlich gut, Kreisliga, man trifft ihn nachmittags meist am Bolzplatz gegenüber der Schule.

"Die schöne Zeit des Erwachsenseins"

Zwölf Bewerbungen hat er geschrieben: vier als Einzelhandelskaufmann, drei als Koch, dann noch als Maurer, Fliesenleger und Mechaniker. Nur auf drei bekam er überhaupt eine Antwort - natürlich Absagen. Seine Mutter sagt: "Wenn ein großer Briefumschlag kommt, weiß ich schon, es ist eine Absage mit den besten Wünschen für die weitere berufliche Zukunft. Ich suche immer nach kleinen Umschlägen." Fernando hat eine Tante in Hamburg, bei der er wohnen könnte, 110 Kilometer weit weg von Schwerin. Da sei die Situation besser. Aber auch aus Hamburg kam eine Absage. Fernando weiß nicht, weshalb er nichts findet. Okay, er habe kein Superzeugnis, aber auch kein richtig schlechtes, zwei Fünfen in Nebenfächern könnten ja nicht das endgültige Aus sein. Zumal er in seinen Praktikanten-Zeugnissen immer gute Noten bekam. "Er hat alle ihm übertragenen Aufgaben mit Fleiß und zu unserer vollsten Zufriedenheit ausgeführt", bescheinigte ihm etwa der Filialleiter des Media Markts Schwerin. Seine Mutter, die als Verkäuferin bei Nanu-Nana arbeitet, sorgt sich jetzt, dass Fernando gar nichts findet. "Der Junge kann doch nicht nur zu Hause sitzen und nichts tun oder Fußball spielen." Sie lebt mit ihm allein in einer kleinen Wohnung in der Plattenbausiedlung neben der Schule. "Ich hab mal gehört, dass man bei der Volkshochschule den Realschulabschluss nachmachen kann", sagt sie, "aber das kostet auch 205 Euro pro Semester."

Vor ein paar Tagen gab es Zeugnisse für die 9d. Es ist ein Abschiedsnachmittag in der Aula, die Eltern sitzen auf den hinteren Stuhlreihen. Zu Beginn singt eine Mitschülerin mit langen blonden Haaren einen Song von Nena nach: "Wunder gescheh'n, ich hab's geseh'n, es gibt so vieles, was wir nicht versteh'n." Die Rektorin ruft den Schulabgängern munter zu, dass jetzt "die schöne Zeit des Erwachsenseins" beginne, und Klassenlehrer Jörg Gnoza, 41, überreicht jedem noch ein Grundgesetz.

Sie sind wahrscheinlich schon auf einem Abstellgleis

Nach der Feier sitzt Gnoza auf einer Holzbank neben dem Eingang. Einige Schüler kommen zu ihm und bedanken sich, manche erzählen, dass sie jetzt noch mal ein paar Bewerbungen losschicken wollen. Auch Matthias, 16, hat die Hoffnung nicht ganz aufgegeben. Er ist derjenige in der Klasse, der die meisten Bewerbungen geschrieben hat: genau 68. Dabei will er nur Handelsfachpacker werden. Er ist ein kräftiger Kerl, und selbst Jörg Gnoza versteht nicht, warum sich für Matthias nichts auftut.

Gnoza ist die 9d ein wenig ans Herz gewachsen. Er weiß, wie es bei den meisten zu Hause zugeht, dass viele Eltern arbeitslos sind, manche ihre Kinder auch mal schlagen, manche trinken. "Angesichts der Verhältnisse, in denen sie aufwachsen, sind sie ganz vernünftig." Über die Zukunft machen sich die meisten aber keine großen Gedanken. "Viele haben wahrscheinlich noch gar nicht realisiert, dass es jetzt zu Ende ist, die glauben, es geht nach den Sommerferien weiter." Gnoza zündet sich eine Zigarette an und wird ein wenig melancholisch. "Bisher hat immer jemand für diese Kinder gesorgt. Jetzt werden sie vom Leben überholt. Sie sind wahrscheinlich schon auf einem Abstellgleis und merken es noch nicht einmal."

Lehrstellen: Die Betriebe streichen

Im Vergleich zu 2002 gibt es in diesem Jahr rund zehn Prozent weniger Ausbildungsplätze
Hamburg-14,7
Schleswig-Holstein-12,2
Baden-Württemberg-12,0
Bayern-12,0
Hessen-11,6
Sachsen-Anhalt-11,5
Nordrhein-Westfalen-10,6
Rheinland-Pfalz-9,8
Thüringen-8,8
Saarland-8,4
Bremen-6,7
Sachsen-6,7
Mecklenburg-Vorpommern-6,1
Brandenburg-6,2
Niedersachsen-5,5
Berlin-1,8
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