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Manager-Gehälter: Front des Schweigens bröckelt

Die Bundesregierung will die deutschen Großunternehmen vorerst nicht zur Offenlegung ihrer Vorstandsgehälter zwingen. Immer mehr Konzerne tun dies mittlerweile freiwillig.

Und sie bewegen sich doch. Nach langem Zögern und massivem Druck kündigen nach und nach immer mehr deutsche Konzerne an, die Gehälter ihrer Topmanager offen zu legen. Mit Siemens, der Allianz und Volkswagen sind drei weitere Schwergewichte im Deutschen Aktien-Index (DAX) eingeschwenkt. Auch in anderen Vorstandsetagen hat längst ein Umdenken begonnen, dem Drängen von Anlegern und Politik nachzukommen. In der ersten Börsenliga könnte bald erstmals eine Mehrheit unter den 30 Großen die Geheimhaltung ablegen - bevor sie ein Gesetz dazu zwingt. Die Front des Schweigens bröckelt.

Kein Zwang per Gesetz

Die Bundesregierung hat angekündigt, die im deutschen Aktienindex (DAX) registrierten Unternehmen vorerst nicht per Gesetz zu zwingen, die einzelnen Gehälter ihrer Vorstände offen zu legen. Erst im Sommer kommenden Jahres wolle das zuständige Justizministerium prüfen, ob eine ausreichende Zahl dieser 30 Kapitalgesellschaften die Daten auf freiwilliger Basis veröffentlicht, sagte eine Sprecherin am Freitag in Berlin. Dann werde sich entscheiden, ob doch noch eine gesetzliche Regelung notwendig werde. Auf eine konkrete Zahl, von der an die Regierung auf ein Gesetz verzichtet, wollte sie sich nicht festlegen.

Aktionärsschützer beobachten

Aufmerksam beobachten nicht nur Aktionärsschützer, wie Bewegung in die verschlossenen Zirkel der Firmenelite kommt. "Es wird immer schwerer zu argumentieren, warum man die Bezüge nicht offen legt", sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Zwar gefällt es vielen Wirtschaftskapitänen eigentlich nach wie vor nicht, ihr Salär vor den Aktionären und damit vor aller Augen zu offenbaren. Laut Bundesjustizministerium haben inzwischen aber acht weitere Konzerne signalisiert, die Diskretion zu beenden. Schon zuvor hatten einige Große angedeutet, sich nicht gegen einen breiteren Trend zu sperren. "Der Zug ist abgefahren", ahnte ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme bereits im Sommer.

Tempo lässt zu wünschen übrig

Das Tempo ließ allerdings bisher zu wünschen übrig, wie auch die Bundesregierung immer wieder monierte. Derzeit weisen gerade einmal neun der 30 DAX-Konzerne die Vergütung für jedes Mitglied von Vorstand und Aufsichtsrat einzeln aus. So empfiehlt es der "Corporate Governance Codex" zur guten Unternehmensführung, den eine Regierungskommission um Cromme vor zwei Jahren vorlegte. Das Ziel: das Vertrauen der Anleger nach der Börsenkrise zu stärken. Zwei weitere Konzerne nennen immerhin das Gehalt des Vorstandschefs. Die meisten schreiben vorerst nur eine Summe für den gesamten Vorstand in die Geschäftsberichte. Vor allem internationale Investoren verlangen aber mehr Klarheit. Schließlich sind die Millionenbezüge der Chefs auch Kostenfaktoren.

Druck auf Geheimniskrämer

Wie stark der Druck auf die hartnäckigen Geheimniskrämer sein wird, muss sich jedoch erst erweisen. So tastet sich auch Volkswagen, das sich trotz staatlicher Beteiligung erst lange nach Post und Telekom zum Mitmachen entschloss, nur Schritt für Schritt voran. Im Geschäftsbericht 2004 will für das Management allein VW-Boss Bernd Pischetsrieder den Schleier lüften. Die Bezüge der Vorstandskollegen sollen erst ein Jahr später transparent sein. Ähnlich ging schon der Berliner Pharmakonzern Schering vor, der nun alle Gehälter einzeln nennen will.

Brisante Frage

Die Bundesregierung setzt in der brisanten Frage vorerst weiter auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Der Trend sei erfreulich, heißt es im Haus von Justizministerin Brigitte Zypries (SPD). Sie will zögernden Konzernen weiterhin noch bis zu den Hauptversammlungen 2005 Zeit lassen. Dann habe jedoch klar zu sein, ob Ankündigungen auch Taten folgen, sagt ein Sprecher. Merklich mehr DAX-Konzerne müssten bis dahin auf dem Weg der Transparenz sein. Die Drohung, eine Offenlegung notfalls per Gesetz zu erzwingen, steht weiter im Raum. Bayern hatte angekündigt, stärker aufs Tempo drücken zu wollen und noch in diesem Jahr eine Initiative in den Bundesrat einzubringen.

Offenheit für Anleger

Dass die gewünschte Offenheit für die Anleger ganz ohne rechtliche Vorgaben zu erreichen sein wird, glauben Aktionärsschützer indes nicht. Wenn Unternehmen die Vorstandsbezüge aufschlüsseln, geschehe dies meist viel zu kompliziert, zu unübersichtlich und sei kaum vergleichbar. Einen Standard, zum Beispiel wie Tabellen in den Geschäftsberichten aussehen sollten, müsse wohl der Staat vorgeben, sagt DSW-Sprecher Kurz. "Sonst haben wir Transparenz, aber der Aktionär versteht sie nicht."

DPA / DPA