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Metallindustrie: Stahl wird 2004 "knapp und teuer"

Stahl ist momentan gefragt wie nie zuvor. Grund ist der "Stahlhunger" vieler Schwellenländer - besonders Chinas. Doch die Verknappung des Werkstoffes wird keine neuen Arbeitsplätze schaffen.

Für die Stahlindustrie brechen glänzende Zeiten an. "Der Werkstoff Stahl ist gegenwärtig gefragt wie nie zuvor in seiner langen Geschichte", stellt der Präsident der Düsseldorfer Wirtschaftsvereinigung Stahl, Dieter Ameling, fest. Ausgelöst wurde der "weltweite Hunger nach Stahl", so der Branchen-Präsident, durch den wirtschaftlichen Aufholprozess in vielen Schwellenländern, allen voran in China. Experten warnen bereits vor einer Verknappung des für viele Industriezweige unverzichtbaren Werkstoffs. «Stahl wird in 2004 knapp und teuer», sagt Ameling.

Ständiger Produktionsanstieg

Nach einem Anstieg der Weltrohstahlproduktion im vergangenen Jahr um sieben Prozent auf 964 Millionen Tonnen rechnen Branchenkenner nun 2004 mit einem weiteren Produktionsanstieg auf mehr als eine Milliarde Tonnen. Damit habe sich die Rohstahlproduktion binnen zehn Jahren um rund ein Drittel erhöht, so Ameling. Allein China stockte die eigene Rohstahlproduktion um 40 Millionen Tonnen auf 220 Millionen auf und erreichte damit ein Plus in der Größenordnung der gesamten deutschen Produktion von knapp 45 Millionen Tonnen im Jahr 2003.

ThyssenKrupp läutet neue Stahlpreisrunde ein

Auch die deutschen Hochöfen werden 2004 ihren Ausstoß nach einer Prognose des Essener Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) um gut drei Prozent auf 46,3 Millionen Tonnen weiter erhöhen. Deutschlands größter Stahlkonzern ThyssenKrupp nutzte den ungebremsten Nachfrage-Boom, um zum Jahresbeginn eine weitere Stahlpreisrunde einzuläuten.

Historischer Höchststand

Kehrseite der weltweit riesigen Nachfrage sind drastische Verteuerungen bei Rohstoffen wie Eisenerz, Kohle oder Schrott, deren Preise mittlerweile vielfach auf "historische Höchststände" geklettert sind. Bei Eisenerz sei die Versorgungslage mittlerweile "kritisch". Auch bei Kokskohle habe die deutsche Stahlindustrie allein seit Jahresanfang Preisanhebungen um bis zu 25 Prozent hinnehmen müssen, berichtete der Düsseldorfer Branchenverband. Bei den Frachtraten im Überseehandel sei seit dem Jahr 2002 nahezu eine Verfünffachung eingetreten.

Boom schafft keine Arbeitsplätze

Während die deutschen Stahlwerke auch künftig weiter mit Hochdruck produzieren, können die Beschäftigten an den Hochöfen nicht auf neue Arbeitsplätze oder auch nur ein Ende der seit Jahren laufenden Stellenstreichungen hoffen. "Wir rechnen auch in Zukunft mit einem weiteren Arbeitsplatzabbau in der deutschen Stahlindustrie", sagte der RWI-Experte Roland Döhrn. Die Zahl von derzeit rund 94.500 Beschäftigten in der deutschen Stahlindustrie soll nach Schätzungen des Essener Instituts um weitere 2000 Stahlkocher auf 92.500 Mitarbeiter im Jahresdurchschnitt 2005 weiter abgebaut werden. "Die Jagd nach immer weiteren Produktivitätsfortschritten und damit der Abbau von Arbeitsplätzen wird weitergehen", sagte der Experte voraus.

Jobverlust durch Emissionshandel

Weitere Arbeitsplatzverluste von bundesweit mehreren tausend Stellen drohen in der Stahlindustrie nach Einschätzung des ThyssenKrupp-Gesamtbetriebsrats bei zusätzlichen Kostenbelastungen durch den so genannten Emissionshandel. Der Handel mit Emissionszertifikaten soll von 2005 an europaweit eine Reduzierung des klimaschädlichen Kohlendioxid-Ausstoßes ermöglichen. Lediglich die Zeiten des dramatischen Personalabbaus gehören in der Branche offenbar der Vergangenheit an. Innerhalb der vergangenen 25 Jahre hat die Branche bereits weit mehr als 200.000 Arbeitsplätze gestrichen: Noch 1979 beschäftigte allein die westdeutsche Stahlindustrie noch 300.000 Menschen, während des wirtschaftlichen Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit noch weit mehr als 400.000.

Uta Knapp, dpa / DPA