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Nachhaltige Kleidung Tom Illbruck, was hat Fair Fashion mit dem Produktionsland zu tun?

Tom Illbruck mit einem Teil seiner Mitarbeiter
Tom Illbruck mit einem Teil seiner Mitarbeiter
© Dennis Weck
Tom Illbruck (41) kennt sich mit Fair Fashion aus. Und das aus einem guten Grund: Er produziert nachhaltige Kleidung. Ein Thema, für das er brennt, sind Zertifikate für nachhaltige Mode wie GOTS (Global Organic Textile Standard ) oder Oeko-tex. Denn die bilden oft die soziale Wirklichkeit nicht ab.
Tom Illbruck, Gründer, Inhaber und Geschäftsführer der global tactics Textilmanufaktur
Tom Illbruck, Gründer, Inhaber und Geschäftsführer der global tactics Textilmanufaktur
© Dennis Weck

Tom Illbruck, ehemaliger Basketball Nationalspieler, nach dem Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaft in Essen, Düsseldorf und Bochum selbstständig tätig in der Modebranche seit 2003, Gründer, Inhaber und Geschäftsführer der global tactics Textilmanufaktur mit eigenen Produktionsstätten in Portugal und Serbien.

Tom Illbruck, warum sollten wir bei Fair Fashion weniger auf Labels und Zertifizierungen und dafür mehr auf Herkunftsländer achten?

"Allem voran: Wir sind der Ansicht, dass Zertifikate und Labels ein essenzieller Beitrag zur Transparenz in der Modebranche sind, gerade was die Herkunft von Stoffen anbelangt.

Allerdings, und das ist unser Aufhänger, gehen diese Zertifikate gerade in Hinblick auf soziale Standards nicht weit genug und suggerieren die Sicherheit, ein durchweg faires Produkt zu kaufen. Und das ist oft ein trügerisches Gefühl. Das Gros der Kleidung, die als fair gehandelt gelabelt ist, kommt nach wie vor aus Südostasien, primär aus Bangladesch.

Alle gängigen Labels, die eine faire Herkunft der Kleidung garantieren sollen, setzen als Parameter dafür den örtlichen Mindestlohn an. Fair bedeutet hier also, dass der Mindestlohn in Bangladesch garantiert wird - dieser liegt bei 5.300 Taka (=62,5 $) Aber die Lebenshaltungskosten, also das, was eine typische Familie zum Leben braucht, liegen zwischen 10.000 und 14.000 Taka (=120-165 $). Das Zahlen der Lebenshaltungskosten ist bei fairen Labels nur ein mittelfristiges Ziel innerhalb der nächsten zehn Jahre.

Kurz gesagt: Wenn ein faires Label nur garantiert, dass der staatlich verordnete Mindestlohn gezahlt wird, der aber von vorne bis hinten nicht für ein auskömmliches (Über-)Leben reicht, ist das einfach nur Green- beziehungsweise Socialwashing. Und gibt so dem Käufer ein gutes Gefühl, das man eigentlich nicht haben dürfte.

Tom Illbruck mit Teilen seines Teams
Tom Illbruck mit Teilen seines Teams
© Dennis Weck

Zum Vergleich: Der Mindestlohn in unserem Produktionsland Portugal liegt bei 665 €, also circa 10 Mal so hoch wie in Bangladesh. Unser Anspruch ist die Transparenz der gesamten Lieferkette. Dazu gehören auch Zertifikaten, was Stoffherkunft und Umweltstandards von Druckereien und Färbereien anbelangt.

Die Arbeitsbedingungen hingegen bedürfen keiner Zertifizierung in Portugal, da wir hier durch europäische Normen sämtliche in Fernost zertifizierungswürdige Aspekte wie Arbeitszeiten, Gleichstellung, gerechtes Einkommen per se als fair und gerecht gelöst betrachten können.

Einem unserer portugiesischen Partner die Frage zu stellen, wie es denn um Kinderarbeit bestellt sei, wird als Beleidigung empfunden und augenzwinkernd mit der Gegenfrage beantwortet, ob wir jemals darauf gekommen sein, bei Mercedes in Sindelfingen nachzufragen, wie es dort um Kinderarbeit in der Fertigung bestellt sei.

Als letzter Aspekt: Neben sozialen Faktoren werden Lieferwege bei Zertifikaten bislang kaum erfasst. Was im innerdeutschen Endkundengeschäft noch durch DHL Klimazertifikate wie GO Green abgebildet und kompensiert werden kann, findet weitgehend noch keine Berücksichtigung. Frachtschiffe, die mit Schweröl betrieben werden, bringen Textilien aus Bangladesh um die halbe Welt nach Europa. Im Gegensatz dazu liegt der Radius einer europäischen Fertigung bei 1.500 bis max. 2000 km."


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