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AIRLINES: Ryanair: Billiger geht's nimmer

Während große Fluglinien Bankrott gehen oder Massenentlassungen ankündigen, expandiert die irische Ryanair sogar noch. Am Service kann's nicht liegen.

Ein wenig Masochismus gehört schon zum Fliegen in der irischen Billigklasse: Weil es keine Bordkarten gibt, starten Ryanair-Flüge regelmäßig mit einem zünftigen Gerangel um die besten Plätze, später in der Luft werden Snacks und Getränke zum Selberzahlen gereicht, und die Landung findet meist auf einem eher ländlichen Flughafen statt, den nur Luftfahrtexperten kennen. Trotzdem begeistern sich immer mehr Passagiere für die Billigflieger mit der golden Harfe auf der Heckflosse: Während weit größere Fluglinien Bankrott gehen oder Massenentlassungen ankündigen, haben die Iren seit den Anschlägen vom 11. September noch expandiert. Auf Dauer wollen sie der Lufthansa auch mit innerdeutschen Flügen Konkurrenz machen.

Misere hausgemacht?

Für Ryanair-Chef Michael O'Leary, der Interviews mit Vorliebe in Jeans und offenem Sporthemd gibt, ist das Erfolgsrezept ganz einfach: »Nach dem 11. September haben alle großen Fluglinien ihr Katastrophenszenario ausgepackt und befürchtet, dass jetzt kein Mensch mehr fliegen will. Konsequent haben die Manager daher die Zahl der Flüge reduziert und die Preise erhöht - und sich gewundert, dass die Buchungen um 25 Prozent zurückgingen«, sagt O'Leary.

Auf großer Einkaufstour

Ryanair hat die Preise dagegen weiter gesenkt - und seit dem 11. September ungefähr zehn Prozent mehr Geschäftsleute auf der Passagierliste als zuvor. Wie im Vorjahr ist die Fluglinie in den drei Monaten September, Oktober und November um etwa 30 Prozent gewachsen, sagt O'Leary. »Wir haben nichts verloren durch die Anschläge«. Im Gegenteil: Ryanair kauft derzeit im großen Stil gebrauchte Flugzeuge ein, die nach den Anschlägen besonders billig zu haben sind.

Kennen Sie den Flughafen Hahn?

Natürlich wollten viele der neuen Geschäftskunden der Ryanair nach dem 11. September einfach billiger fliegen, räumt O'Leary ein. »Aber sie wollten auch die plötzlich sehr langwierigen Sicherheitskontrollen an den großen Flughäfen umgehen. Und in der allgemeinen Furcht vor weiteren Anschlägen war ihnen klar, dass wahrscheinlich kaum jemand ausgerechnet einen Billig-Carrier auf dem Flughafen Hahn im Hunsrück angreifen würde«. 300.000 Passagiere hat Ryanair in diesem Jahr über den Flughafen Hahn transportiert, in sieben bis acht Jahren sollen es drei bis fünf Millionen sein. Um die 200 Mark kostet laut Anzeige ein Hin- und Rückflug mit Ryanair von Hahn nach London-Stansted.

Expansion statt Übernahmen

Für die größeren, aber personalstarken Wettbewerber in der Branche hat O'Leary nur Spott übrig. Die KLM etwa transportiert mit 26.000 Mitarbeitern 15 Millionen Passagiere, während Ryanair mit nur 1.700 Beschäftigten schon zehn Millionen Fluggäste stemmt, gibt er den Vergleich vor. »Was machen die eigentlich bei der KLM? Wahrscheinlich sitzen sie nur da und zählen ihre Leute«, sagt er aggressiv. Der Personalbestand ist auch der Grund, weshalb Ryanair keine Konkurrenten kauft, sondern lieber selbst expandiert.

Nur drei Große bleiben übrig

Nach einer Marktbereinigung in den kommenden Jahren werden in Europa ohnehin nur die drei Großen British Airways, Lufthansa und Air France mit ihren Allianzen überleben - und ein bis zwei große Billig-Fluggesellschaften, prognostiziert der Manager. »Von Punkt zu Punkt werden die Leute billig mit uns fliegen, für Umsteige- oder Langstreckenflüge dagegen werden sie zur Lufthansa oder einer anderen großen Gesellschaft gehen«.

Nächster Gegner: Lufthansa

Die Lufthansa, die zurzeit noch mit den Folgen der Anschläge in den USA kämpft, ist es auch, die sich O'Leary als nächsten Gegner ausgesucht hat. »Wir werden sie zwingen, die Preise zu senken«, kündigt der Ire an. Das gilt vorerst nur für die insgesamt zehn Routen, auf denen Ryanair der Lufthansa ab dem kommenden Jahr Konkurrenz macht. Frühestens ab 2003 will Europas größte Billig-Fluggesellschaft den Deutschen aber auch auf ihrem eigenen Territorium, bei den innerdeutschen Verbindungen, Konkurrenz machen.

Gegen die »Phantasie-Preise«

»Ein Flug von Frankfurt nach Berlin sollte nicht 1.000, sondern 100 Mark kosten«, stellt O'Leary fest. »Die Lufthansa hat seit 50 Jahren ein Monopol, nur deshalb kommt sie mit diesen Fantasie-Preisen durch«. Allerdings will er der Lufthansa weniger Kunden abjagen, sondern vielmehr Nichtflieger in die Luft bringen. »Zu günstigeren Preisen werden viel mehr Passagiere fliegen, und der Markt wird aus sich heraus wachsen«. Dennoch erwartet er für die nächsten ein bis zwei Jahre Preiskriege mit der Lufthansa - und weitere Gerichtsverfahren wie das um die vergleichende Werbung der Ryanair.

Ryanair ist siegessicher

Große Chancen räumt O'Leary der Lufthansa dabei nicht ein und verweist auf den Streit mit den Deutschen darum, ob Ryanair den eine Autostunde entfernten Hahn nun als Frankfurter Flughafen bezeichnen darf oder nicht. »Die Sabena hat uns auch immer wieder gesagt, dass unser belgischer Knotenpunkt Charleroi kein Brüsseler Flughafen ist. Heute ist die Sabena pleite«, sagt O'Leary lächelnd.