HOME

Reportage aus Großbritannien: Undercover bei Aldi: Vergammelte Lebensmittel und Scherben im Knie

Eine britische Investigativ-Sendung hat Missstände bei Aldi in Großbritannien aufgedeckt. Die Undercover-Reporter berichten über schlimme Arbeitsbedingungen und schimmelige Waren.

Aldi-Filiale in London: Großbritannien ist Aldi-Süd-Territorium

Aldi-Filiale in London: Großbritannien ist Aldi-Süd-Territorium

Mit Schrecken verfolgen manche Briten den Siegeszug deutscher Discounter auf der Insel. Aldi und Lidl eröffnen Laden um Laden, während die alteingesessenen Supermarktketten wie Tesco immer mehr ins Hintertreffen geraten. Der Erfolg der Billigheimer aus Deutschland ist vielen Briten unheimlich. Gute Qualität zu einem so günstigen Preis - geht das überhaupt?

Die Investigativ-Sendung "Dispatches" von Channel 4 liefert in ihrer aktuellen Ausgabe allen Aldi-Kritikern reichlich Futter. "Wer bezahlt den Preis für deinen Schnäppcheneinkauf?", fragt "Dispatches". Die Antwort der Reportage: Vor allem die Mitarbeiter baden es aus, aber auch die Qualität der Ware ließ zum Teil zu wünschen übrig.

Undercover Regale einräumen

Für den Bericht schleuste der TV-Sender zwei Reporter als Aushilfskräfte bei Aldi ein und stattete sie mit einer versteckten Kamera aus. Einer der beiden erlebt schon beim Dienstantritt sein blaues Wunder. Es wird erwartet, dass er sich bereits 15 Minuten vor Dienstbeginn einfindet, um schon einmal durch den Laden zu gehen und gegebenenfalls Regale aufzufüllen. Bezahlt wird diese Aufwärm-Viertelstunde nicht. Das unbezahlte Warm-up hatte Aldi UK sogar in seinem Mitarbeiter-Handbuch festgehalten, mittlerweile sei man aber davon abgerückt, erklärt der Konzern.

Zerquetschte und verschimmelte Waren

Auch während der offiziellen Arbeitszeit erfahren die Undercover-Reporter, was Zeitdruck ist. Die Aushilfen werden angewiesen, Waren wie Brot in die Regale zu werfen statt zu legen, um Zeit zu sparen. Die Hektik am Regal hat Folgen: Einer der Reporter findet an zwölf von 20 Tagen, zerquetschte, beschädigte oder schimmelige Waren in seiner Filiale: Verschimmelte Salatgurken, matschige Kirschen und Tiefkühl-Bacon, der schon seit drei Monaten abgelaufen ist. "Ich glaube nicht, dass du hier so gründlich sein musst", sagt die Chefin dem Undercover-Reporter, als der zum wiederholten Male gammelige Kirschen aussortieren will.

Und ein anderer Manager sagt vor versteckter Kamera ganz ehrlich, dass die Zeit fehlt, um alle Haltbarkeitsdaten zu überprüfen. Denn Aldi setzt laut dem Report in seinen 600 britischen Filialen deutlich weniger Personal ein, als seine Mitbewerber, um Kosten zu sparen und Produkte günstiger anbieten zu können. In den kommenden fünf Jahren will der Konzern die Zahl der Läden in Großbritannien verdoppeln.

Unverständliche Haltbarkeitsdaten

Ein weiterer Vorwurf: Die Haltbarkeitsdaten sind nicht so transparent wie bei anderen Supermärkten. Statt eines Datums findet man auf den Karotten nur einen Code, den ein normaler Kunde nicht entschlüsseln kann. Ein Testeinkauf in einem Laden in Bristol lässt vermuten, warum das so sein könnte: Der Testkäufer braucht nur fünf Minuten, um einen ganzen Korb voll abgelaufenem Obst und Gemüse zu füllen.

Aldi sagt dazu, dass das meiste Obst und Gemüse innerhalb eines Tages verkauft wird und man sich beim Angeben von Ablaufdaten an alle Gesetze halte. Bei dem beobachteten laxen Umgang mit abgelaufenen Waren handle es sich um Einzelfälle.

Verrammelte Notausgänge, splitterndes Glas

Auch bei der Arbeitssicherheit geht offenbar vieles nicht nach Vorschrift. Notausgänge im Warenlager sind mit Paletten und Kisten zugestellt. Ein Notausgang in einem Laden, durch den im Notfall Kunden fliehen müssten, ist ebenfalls nicht frei zugänglich. Zudem unternehmen viele Mitarbeiter einigermaßen halsbrecherische Manöver, um an die oberen Regale zu kommen.

Obwohl jegliche Kletterei laut Aldi-Vorschrift verboten ist, steigen Mitarbeiter auf die unterste Stufe des Kühlregals, um ans oberste Fach zu kommen. Ein Reporter erwischt seinen Vorgesetzten, wie er im Warenlager auf dem obersten Regalbrett direkt unter der Decke herumklettert. Und der andere eingeschleuste Reporter wird sogar Zeuge eines Arbeitsunfalls: Beim Versuch, ein Regal hinter der Kühltruhe zu befüllen, bricht eine Kollegin mit den Knien durch das Glas der Truhe und verletzt sich an den Scherben.

Aldi Großbritannien sieht sich durch den Bericht falsch dargestellt. Die Dokumentation beruhe auf "selektiven Informationen". Im Übrigen sei man sehr stolz darauf, im Ranking des britischen Verbrauchermagazins "Which?" zum vierten Mal als bester Supermarkt ausgezeichnet worden zu sein.