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BAHN: Der Koloss bewegt sich

Dienstag wird das neue Preissystem beschlossen. Wieder wird heftiger Widerstand erwartet: Bahncard-Kunden wollen nicht auf ihren Rabatt verzeichten.

Bis ein Koloss ins Rollen kommt, muss an vielen Stellen gedrückt und gezogen werden. Bahnchef Hartmut Mehdorn zieht derzeit fast täglich neue Register, um den ehemaligen Staatskonzern flexibler, schlanker und ertragreicher zu machen. Kaum sind die Proteste gegen die Streichung der Interregios zum Fahrplanwechsel Anfang des Monats verklungen, streiken tausende Beschäftigte gegen die Schließung von Instandhaltungswerken. Auch beim neuen Preissystem, das Europas größter Verkehrskonzern in der kommenden Woche verabschieden will, wird es Gegenwind geben. Bahncard-Kunden möchten auf ihren 50-Prozent-Rabatt nicht verzichten.

Neues Tarifsystem für mehr Transparenz

Das Tarifsystem, das ursprünglich schon vor Jahren für mehr Transparenz beim Fahrkartenkauf sorgen sollte, soll jetzt im Herbst Sind Sie auch davon überzeugt, dass die Bahn auf dem richtigen Weg ist? Die Diskussion läuft im Bahnforum... kommenden Jahres Wirklichkeit werden. An diesem Dienstag wird es der Vorstand beschließen, am Mittwoch liegt es dem Aufsichtsrat vor. Die Tendenzen sind bekannt. Und wie das so ist mit Änderungen - einige werden davon profitieren, andere müssen tiefer in die Tasche greifen.

Streichung von Sonderangeboten

Diverse Sonderangebote stehen auf der Streichliste, für die Bahncard soll es nicht mehr 50 Prozent Preisrabatt geben. 25 Prozent sind im Gespräch. Dafür soll die weiße Plastikkarte aber weniger kosten als bisher, wo zwischen 70 bis 540 DM fällig waren. Für Kinder soll sie eventuell umsonst sein, auf jeden Fall sollen Familien günstiger fahren. Rabatte wird es im neuen Ticket-Zeitalter aber vor allem für die geben, die schon im voraus buchen. So kann die Bahn besser planen und die Reisenden auf nicht so stark ausgelastete Züge verteilen. Für die Frühbucherrabatte gibt es nur feste Kontingente.

Je früher, je billiger

Drei Rabattklassen soll es geben - je nachdem wie früh und verbindlich gebucht wird. Diese Rabatte sind mit dem der Bahncard verrechenbar, so dass der Kunde im besten Fall rund 60 Prozent vom Grundpreis spart. Der Grundpreis pro Kilometer wiederum wird auf kurzen Strecken teurer, auf langen billiger. »Insgesamt geht das System in die richtige Richtung«, wertet Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Auf Strecken zwischen 200 und 500 Kilometer baut die Bahn ihre Überlegenheit gegenüber anderen Verkehrssystemen aus und wird durch Neukunden Einnahmen steigern.

Ende der Spontanität

Der Kritik einiger Verkehrsexperten, dass Bahnfahren prinzipiell von der Spontanität lebt, teilt Naumann nicht. Für Gruppenreisen gibt es solche Preisnachlässe schon seit Kurzem - und sie sind ein voller Erfolg. Auch bei dem Internetangebot Surf and Rail legen sich die Kunden vorher fest auf einen Zug fest, wenn das Kontingent dafür noch nicht ausgeschöpft ist. Allerdings, mahnt Naumann an, muss auch für Spontanfahrer eine attraktive Lösung gefunden werden.

Nahverkehr vergessen?

Größter Kritikpunkt am neuen Preissystem ist der Nahverkehr. Spöttisch sprechen Kritiker davon, dass man merke, dass vor allem ehemalige Lufthansa-Manager mit der Entwicklung betreut waren. »Wir haben den Eindruck, dass man bei den Anstrengungen den Nahverkehr vergessen hat«, sagt Naumann. Bis zu einer Grenze von rund 150 Kilometern sind nämlich keine Frühbucherrabatte vorgesehen. Durch die neue Bahncardregelung würde eine Fahrkarte aber um die Hälfte teurer.

Erster Widerstand regt sich

Die ersten Bundesländer, wichtige Finanziers der Bahn, haben schon Widerstand angekündigt. Auch Holger Jansen, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, einem Verbund aus Umwelt-, Fahrgast- und Gewerkschaftsverbänden, zählt auf deren Druck. »Da ist noch eine Menge Spielraum«. Prinzipiell aber denkt auch er, dass es keine Alternative zu einem neuen Preissystem gibt.

Umfassender Transportanbieter

Der Dschungel von Sonderangeboten, die der Computer nicht kennt und Fahrkartenverkäufer nicht mehr überblicken, soll verschwinden. Zusätzlich sollen die Tickets inklusive Bahncard-Rabatt in Städten gelten. Ein Schritt mehr zur Bahn als umfassendem Transportanbieter. Man kauft sich eine Karte, fährt damit innerhalb der Städte oder steigt in Leihautos oder auf Leihräder der Bahn um. Doch die Verkehrsverbünde werden nicht so einfach zuschauen.

Nicole Bastian