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Bahn: Doch komplizierter als in Lummerland

Die erste Praxiswoche in der Vorweihnachtszeit hat dafür gesorgt, dass bei vielen Fahrgästen und Bahn-Beschäftigten die Nerven blank liegen. Praktisch jeder ärgert sich über jeden.

Von wegen Lummerland. In vielen Bahnhöfen hängen zwar immer noch die Plakate: «Es gibt nur ein Land, in dem Bahnfahren ab dem 15.12. einfacher ist: Lummerland!» Aber nach acht Tagen mit dem neuen Preissystem ist allen klar, dass es bei der Deutschen Bahn auch künftig keine idyllischen Zeiten wie auf der Kinderbuch-Insel geben wird. Im Gegenteil: Die erste Praxiswoche in der Vorweihnachtszeit hat dafür gesorgt, dass bei vielen Fahrgästen und Bahn-Beschäftigten die Nerven blank liegen. Praktisch jeder ärgert sich über jeden.

Auch Konzernchef Hartmut Mehdorn ist dabei keine Ausnahme. Der oberste Bahnmanager hält die anhaltende Kritik an den neuen Tarifen mit Rabatten für Frühbucher und Gruppen für ungerecht und typisch deutsches Genörgele. Als erste bekam seinen Zorn die Stiftung Warentest zu spüren, die dem Preissystem nach gründlicher Prüfung nur die Note 4+ verpasst hatte. Noch mehr Ärger handelte sich jetzt der Fahrgastverband Pro Bahn ein.

Der Verband gab zunächst nur eine Erfahrung wieder, die viele Fahrgäste seit dem 15. Dezember selbst schon gemacht haben - dass die neuen Tarife nämlich auch den Leuten hinter den Schaltern noch einige Mühe bereiten. Denn immer noch ist es so, dass es beim Ticket für die Fahrt von A nach B erhebliche Preisunterschiede geben kann und für den günstigsten Fahrschein kräftig gerechnet werden muss. Pro-Bahn- Chef Karl-Peter Naumann ließ sich dann jedoch von der «Bild am Sonntag» auch noch mit dem Satz zitieren: «Jeder zweite Kunde zahlt zu viel für sein Ticket.»

Mehdorn droht dem Verbandschef nun mit einer Schadensersatzklage wegen geschäftsschädigendem Verhalten. «Aus schierem Populismus mal eben zu behaupten, wir würden täglich die Hälfte von Millionen Kunden übers Ohr hauen, ist unglaublich.» Daraufhin ruderte der Pro-Bahn- Funktionär am Montag zurück. Naumann rechtfertigte sich damit, dass das Zitat «verkürzt» wiedergegeben worden sei. Die Bahn will trotzdem die Anwälte einschalten. «Hier ist bewusst die Unwahrheit gesagt worden, um uns zu schaden», sagt Bahnsprecher Gunnar Meyer.

Unabhängig von dem Streit mit den Verbandsleuten ist aber auch dem größten europäischen Bahnkonzern klar, dass es Verbesserungsbedarf gibt. Die Eisenbahner-Gewerkschaft Transnet zum Beispiel berichtete am Montag, dass es auch nach Einschätzung vieler Beschäftigter gravierende Probleme bei der Reservierung der günstigsten Preise gebe. «Hier sind die Kontingente oftmals vergriffen», klagt Gewerkschaftschef Norbert Hansen. «Dadurch entsteht an den Schaltern weiterer Beratungsbedarf.»

Jetzt zu Weihnachten, wenn die Bahn an einem einzigen Wochenende 1,5 Millionen Menschen durch die Lande fährt, hat dies lange Schlangen zu Folge. So stellte dann auch die Bundesregierung am Montag bei dem Staatskonzern «offensichtliche Startschwierigkeiten» fest.

Kurzfristige Änderungen soll es trotzdem nicht geben. Bis Ende März ist aber ein Zwischenbericht geplant, in dem Vor- und Nachteile des neuen Preissystems detailliert aufgelistet werden. Und auch die Stiftung Warentest arbeitet derzeit an einer neuen Untersuchung, mit der die Beratung an den Schaltern beurteilt wird. Das Preissystem gehört also zu den Themen, die Mehdorn auch 2003 noch kräftig beschäftigen werden.

Bis dahin dürften dann auch die letzten «Lummerland»-Plakate abgehängt sein. Zumal auch der Bahn klar ist, dass die Erwartungen ohnehin nie einzuhalten waren. Auf der Insel von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, ist das Bahnfahren seit jeher kostenlos.