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Baltische Staaten: Vom Boom zum Bankrott

Sie waren die Tiger-Staaten des neuen Europa. Jetzt stehen die Länder des Baltikums am Rand der Pleite. Und die Bürger verlieren, was sie gerade erst mühsam geschaffen haben. Ein Besuch bei Nachbarn in der Krise.

Von Tilman Müller

"Meine 1000 Euro Gehalt wurden im Januar einfach halbiert", sagt Elina Pavlovska noch morgens am Telefon. Mittags kommt die Grafikerin von dem Büro für Werbung und Design, in dem sie seit einem Jahr angestellt ist, herüber in eine der schicken Lounges in der Altstadt von Riga. Sie ist blond, sportlich, 24 Jahre alt, für das Layout von Büchern und Broschüren zuständig. Die Arbeit macht ihr Spaß.

500 Euro brutto im Monat? Damit wäre Elina zur Normalverdienerin abgerutscht. Eigentlich wollte sie erzählen, wie sie die Krise trotzdem meistert. Da bricht es aus ihr heraus. Den Tränen nahe berichtet sie, dass sie gerade entlassen wurde. "Nächsten Montag ist Schluss. Über die Kündigung habe ich bisher noch nicht einmal mit meiner Mutter gesprochen." Vier Monate lang wird Elina demnächst Arbeitslosengeld bekommen, erst 85 Prozent des letzten Gehalts, dann 50 Prozent. Und danach? Sie schüttelt den Kopf: "Ich weiß nicht."

Ganz Lettland steht vor den Trümmern eines kurzen, hitzigen Wirtschaftswunders, befeuert vom enormen Nachholbedarf der Konsumenten und leicht erhältlichen Krediten ausländischer Banken. Kleinkredite bis 2000 Euro konnte man binnen Minuten per SMS abrufen. Nach dem Ende des Strohfeuers ließ sich ein Staatsbankrott nur mit Steuererhöhungen und Notkrediten aus dem Ausland in Höhe von 7,5 Milliarden Euro abwenden.

Überbleibsel des schnellen Geldes

Im Januar stürmten Tausende das Rigaer Parlament aus Wut über den neuen Sparkurs der Regierung. Bis heute ist der kleine EU-Staat auf Hilfe von außen angewiesen. Doch wegen zu geringer Sparquote verweigerte ihm der Internationale Währungsfonds im April eine Zahlung. Bleibt nun die nächste Kreditrate in Höhe von einer Milliarde Euro aus, wäre Lettland endgültig pleite - pünktlich zu Beginn der Europawahlen.

Auffälligste Überbleibsel des schnellen Geldes sind die schnellen Wagen. Rigas Zentrum wirkt wie ein Autosalon vor Jugendstil-Kulisse. Fabrikneue Audi Quattros stehen neben Straßenpanzern der Marke Hummer oder Range Rover. Blockiert die Polizei einen Parksünder, hängt die Kralle schon mal an einem fast 120.000 Euro teuren Porsche 911 GT3. Und jeder kennt die Geschichte des Valerijs Kargin, der sich in einer Maybach-Limousine umherkutschieren ließ, bis seine Parex-Bank, die zweitgrößte im Land, im November 2008 an den Staat verkauft wurde für gerade mal zwei Lats - knapp drei Euro. Andere leisteten sich Luxus-Handys, Designerklamotten, teure Reisen und Restaurants. Selbst ein einfacher Kaffee kostet in Riga immer noch drei Euro.

Die Grafikerin Elina hat nie auf großem Fuß gelebt. Sie wohnt noch zu Hause in Jurmala. Und um die zwei Lats für den Zug zu sparen, fuhr sie die 25 Kilometer von dem Vorort oft mit dem Fahrrad nach Riga zur Arbeit und abends wieder zurück. Die Mutter ist schließlich nicht überrascht, als die Tochter mit der Nachricht von ihrer Kündigung kommt. Livija Pavlovska hatte so was geahnt. Die 69-Jährige bezieht eine der in Osteuropa üblichen Mini-Renten, 120 Euro. Um über die Runden zu kommen, arbeitet die Witwe als Kunstdozentin. Auch sie musste Einschnitte hinnehmen. "An meiner Privatschule blieben plötzlich die Schüler weg, nun unterrichte ich statt an vier noch an zwei Tagen." Für das halbe Gehalt, 500 Euro.

Flucht vor der Krise

Elinas langjähriger Freund Martins ist der Nächste in der Kette der Krisenopfer. Der Berufssoldat, 24, ein strammer Infanteriegefreiter, der im Winter gerne Skitouren unternimmt, muss befürchten, dass sein ohnehin kärglicher Sold um 20 Prozent gekappt wird; 230 der 5000 Mann starken Berufsarmee im Nato-Land droht dieser Tage die Entlassung.

Aber es ist nicht sein Job, um den sich Martins am meisten Sorgen macht, sondern es sind Elinas Pläne. Er fürchtet, sie könnte ins Ausland gehen, so wie ihre Schwester Zanda.

Die 34-Jährige ist vor einem Jahr vor "der Krise weggerannt", wie die Mutter sagt. Mit ihrem Mann gehört sie nun in London zur Entourage eines reichen Russen. "Die beiden", erklärt Livija bekümmert, "mussten ihr Apartment verkaufen, weil plötzlich das Geld für die Tilgungsraten fehlte."

Jeder dritte Immobilienkäufer Lettlands konnte bereits Anfang 2007 seine Kredite nicht mehr bedienen - Europarekord. Oft hatten Familien das Zehnfache ihres Jahreseinkommens aufgenommen. Gerade in Riga, wo die Verbindungen zu Russland enger und die Geschäfte dunkler sind als anderswo im Baltikum, entfachte der Immobilienboom einen unwiderstehlichen Sog. "Die Grundstückspreise in den besten Lagen waren zeitweilig höher als die an der Côte d'Azur", sagt der EU-Abgeordnete und frühere Premier Guntars Krasts. "Die Leute leisteten sich auf Pump für 50.000 Euro neue Apartments, die bald mit 150.000 taxiert wurden, und dachten, sie seien nun reich, liehen sich noch mehr Geld und kauften wie die Wilden - bis die Blase platzte."

Sparsame Alternativen

Livija Pavlovska ist froh, dass wenigstens ihre Wohnung mit dem großen Atelierfenster schuldenfrei ist; auf dem Dach wurde sogar ein kleiner Wintergarten angelegt, in dem sie malen kann. In ihrem Leben hat die Künstlerin schon so manches schwierige Jahr gemeistert; sie weiß, wie man mit billigen Lebensmitteln vom Land und Eingemachtem über die Runden kommt. Auch Elina macht sich bisher keine großen Sorgen. "Wir gehen jetzt eben kaum noch zum Essen aus", sagt sie.

Für viele Letten sind Rigas Restaurants, wo die Preise genauso hoch sind wie in Rom oder Paris, längst unerschwinglich geworden. Das brachte Mikus Meirans, 30, auf eine zündende Idee. Der freiberufliche Kameramann, dessen Auftrags- wie Kontostand dramatisch gefallen war, begann in der eigenen Wohnung öfters mal für seine Freunde zu kochen. Und da die Zahl der Hungrigen schnell wuchs, verlangte er pro Kopf ein paar Lats. Bald bekam sein "Untergrund-Restaurant" mehr Zulauf, auch die Lokalpresse interessierte sich dafür. Die Nation habe schon das Joch des deutschen Feudalismus und des Sowjetregimes überstanden, heißt es in einem Artikel, "die Untergrund-Küchen sind ein erneuter Beweis unseres Überlebenswillens - nieder mit der verdammten Rezession".

Meirans, verheiratet, Vater eines vierjährigen Sohns, wie viele seiner Generation Englisch und Russisch sprechend, war auch dabei, als im Januar in Riga die Unruhen ausbrachen. "Es flogen Backsteine", erzählt er, "ich war überrascht und froh, dass die Leute ihren Unmut auf die Straßen trugen, Gott sei Dank gab es weder Tote noch Verletzte." Dass die Arroganz der Mächtigen bestraft wurde und seither der erst 37-jährige Premier Valdis Dombrovskis das Problemland regiert, ist für ihn eher irrelevant. Er glaubt nicht so sehr an Parteien oder politische Konzepte, sondern vielmehr an die Kraft und den Beitrag des Einzelnen zur Verbesserung der Gesellschaft. Aber dass sein Land zur EU gehört, findet der umtriebige Lette gut, und deshalb wird er wahrscheinlich demnächst zum ersten Mal in seinem Leben zu einer Abstimmung gehen - bei den Europawahlen.

Der Unmut wächst

Etwa 40 Prozent der Letten sind laut Umfragen tief enttäuscht von der Politik. In Litauen, wo die "Nationale Wiedergeburts"-Partei drittstärkste Kraft im Parlament ist, vertrauen sogar nur vier Prozent der Bürger den Regierenden. Auch in Vilnius wurde im Januar vor dem Parlament revoltiert, mit Schneebällen und Eiern. 80 Prozent der Litauer sagen, dass sich ihre finanzielle Situation dramatisch verschlechtert hat; auch hier ächzt vor allem der Mittelstand unter den unerbittlichen Gehaltskürzungen. Dabei geht es nämlich nicht um ein paar Prozentpunkte, sondern häufig um ein Drittel oder die Hälfte des Einkommens. Der Chef der lettischen Post etwa, mit umgerechnet 8000 Euro im Monat ein Spitzenverdiener des Landes, sollte in Zukunft 60 Prozent weniger bekommen - und kündigte daraufhin. Jetzt fehlt nur noch eine Abwertung des lettischen Lats, des litauischen Litas oder der estnischen Krone, Währungen, die alle an den Euro gekoppelt sind - dann müssen die privaten Haushalte noch mehr bluten für ihre Kredite, die sie zu Boomzeiten bei schwedischen und westeuropäischen Banken relativ preiswert aufgenommen haben.

Über 80 Prozent beträgt in Estland der Anteil der Fremdwährungskredite. Der kleinste Staat des Balten-Trios steht vor seiner größten Herausforderung seit dem postsowjetischen Zusammenbruch. Die vielen neuen Hotels in Tallinn, dem alten Reval, stehen leer, und die Zahl der Arbeitslosen nimmt ständig zu. Ähnlich wie für Elina, die jetzt in Riga auf Arbeitssuche ist, bestehen für viele junge Esten immer weniger Berufschancen. Piret Ujok, 29, etwa fürchtete, nach der Babypause Ende vorigen Jahres auf dem Abstellgleis zu landen. Da die Familie knapp bei Kasse war und Telefonkosten sparen musste, rief sie Freunde und Verwandte nur noch über den kostenlosen Internetanbieter Skype an. Im Dezember sah sie dort einen Link mit Jobangeboten. Es folgten Mails und Bewerbungsgespräche, nun ist sie die persönliche Referentin des Chefs.

"Es ist ein Traumjob", sagt Piret, eine strahlende Erscheinung mit strohblondem Haar und tief sitzender Röhrenhose. In Pumps führt sie durch die postmodernen Räume des Software-Unternehmens im außerhalb von Tallinn gelegenen "Technopolis"-Quartier. Die Programmierer, junge Leute aus 30 Nationen, arbeiten in Schichten rund um die Uhr in Großraumbüros an ihren PCs, hocken bei Besprechungen im Schneidersitz am Boden, spielen Billard im "Fun-Raum" oder gehen nebenan in die Sauna. Manche schlafen auch in der Firma. Essen und Bier bekommt man gratis in der Kantine. Der schon leicht füllige Geschäftsführer Sten Tamkivi, 31, Pirets Chef, hat kein eigenes Büro und zieht sich zu vertraulichen Gesprächen mit seinem Laptop in eines der telefonkabinenartigen Separees zurück. "Bei uns", sagt er, "sind die Hierarchien flach."

Ein Lichtblick

Skype, seit 2005 eine Ebay-Tochter, ist ein Phänomen: 405 Millionen Nutzer weltweit, und täglich kommen 380.000 dazu. PC-zu-PC-Verbindungen sind kostenlos, Geld verdient wird indes reichlich durch PC-Gespräche auf Handys. 300 der global 500 bei Skype beschäftigten Mitarbeiter sitzen in Estland, der Heimat von insgesamt 2000 IT-Firmen.

Darum überrascht es auch nicht, dass Piret an die Zukunft glaubt. Am besten am neuen Job gefällt ihr, dass sie jederzeit mit ihrem Laptop auch von zu Hause arbeiten kann, wenn das Kind mal krank ist. "Wir leben in ungewissen Zeiten", sagt sie, "aber furchtbare Sorgen mache ich mir im Augenblick nicht."

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