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Banken im Test: Die EU verträgt den Stress nicht

Mit simulierten Szenarien wurden 91 europäische Banken auf ihre Krisenfestigkeit geprüft. Das Ziel: Vertrauen in die Märkte schaffen. Aber der Verlauf des Stresstests zeigt, vor allem die Uneinigkeit der EU gefährdet Europas Wirtschaft.

Von Sebastian Huld

Die weltweite Wirtschaftskrise hat das Vertrauen in europäische und amerikanische Banken schwer erschüttert. Finanzmanager hatten zuvor Geld verzockt, das sie nicht hatten, und investierten es in komplizierte Produkte, die sie nicht verstanden. Reihenweise Banken sind seitdem bankrott gegangen. US-Finanzminister Timothy Geithner hatte deshalb im vergangenen Jahr eine gute Idee: den sogenannten Stresstest. Mit simulierten Szenarien wurde durchgespielt, ob die Banken neue Krisen verkraften würden. Mit Erfolg: Der Test demonstrierte den Marktteilnehmern, dass viele Banken krisenfest sind, das Vertrauen wurde wieder hergestellt. Ein Triumph, der der EU voraussichtlich versagt bleibt.

Wenn heute um 18 Uhr, kurz nach Börsenschluss, das Ergebnis des europäischen Stresstests veröffentlicht wird, setzen Europas Politiker und Manager zwar auf denselben Effekt wie in den USA. Doch egal, wie das Ergebnis aussieht, das erhoffte Vertrauen wird wohl ausbleiben. Indes wird deutlich, dass Europa noch immer nicht in der Lage ist, seine Finanzmärkte zu koordinieren. Das Ergebnis ist ein Stresstest, dessen Aussagekraft schon jetzt bezweifelt wird.

Drei Szenarien, eine Katastrophe

Mit drei möglichen Entwicklungen wurden die 91 Banken getestet. Im ersten Szenario wurde die Entwicklung des Eigenkapitals und anderer wichtiger Kennziffern für den Fall getestet, dass sich die europäische Wirtschaft so entwickelt, wie es die Kommission Anfang Mai vorausgesagt hat. Demnach wächst die Wirtschaft in diesem Jahr in der EU um 1,0 Prozent, im Jahr 2011 um 1,5 Prozent.

Im zweiten Szenario wächst die Wirtschaft deutlich schwächer als erwartet. Außerdem gibt es Turbulenzen an den Geldmärkten. Die Zinsen entwickeln sich nicht wie erhofft, die Anleihen der Banken geraten unter Druck, das Eigenkapital der Banken sinkt. In diesem Szenario würden zwar die Gewinne sinken, fast alle Banken sollten aber dieser Entwicklung standhalten können.

Richtig kribbelig wird es für die Bankmanager erst im dritten Szenario: Nicht nur, dass sich die Wirtschaft so schlecht entwickelt wie in Szenario zwei, es gibt auch noch einen Crash am Markt für Staatsanleihen. Wenn Staaten sich Geld leihen, geben sie Anleihen aus. Da Staaten im Regelfall gute Schuldner sind, haben viele Banken solche Staatsanleihen aufgenommen. Wenn aber Länder hochverschuldet sind und nicht einmal mehr die Zinsen bedienen können, geraten auch die Banken ins Straucheln. So geschehen im Mai 2010 auf dem vorläufigen Höhepunkt der Griechenlandkrise. In Süd- und Osteuropa lauern noch mehr solcher Wackelkandidaten, dieses Szenario kann sich also schnell wiederholen. Deshalb will die EU jetzt wissen, wie sich die Banken bei einer Wiederholung schlagen würden.

Deutsche Banken sehen gut aus

Die Ergebnisse des Stresstests für die 14 deutschen Banken werden heute vom Vizechef der Bundesbank, Franz-Christoph Zeitler, und dem Chef der Bankaufsicht BaFin, Jochen Sanio, präsentiert. Die beiden haben wohl gute Nachrichten: Finanzexperten gaben in einer Umfrage an, dass sie damit rechnen, dass insgesamt zehn Banken der 91 den Stresstest nicht bestehen. Nur eine davon kommt demnach aus Deutschland: die Hypo Real Estate (HRE).

Die Krisenbank, die nach der Lehman-Pleite zusammenbrach, musste 2008 vom Staat übernommen werden. Bislang sind knapp acht Milliarden Euro aus dem Bankenrettungsfonds SoFFin geflossen, um das Institut wieder aufzupäppeln. Dennoch ist die Eigenkapitaldecke zu dünn. Die Bank hat bereits weitere zwei Milliarden Euro beim SoFFin beantragt. Außerdem ist die HRE noch immer durch eine gigantische Summe wertloser Papiere belastet. Diese werden demnächst in eine sogenannte Bad Bank ausgelagert. Diese neu geschaffene Bank erhält alle risikobehafteten Investitionen, damit die Bilanz der HRE wieder wettbewerbsfähig wird.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der Stresstest sein Ziel, Vertrauen zu schaffen, wohl nicht erreichen wird.

Unrealistische Simulation

Die Banken anderer Länder könnten in dem Stresstest deutlich schwächer abschneiden als die deutschen. Das gilt vor allem für jene Banken, die viele Staatsanleihen von hochverschuldeten Staaten aufgenommen haben. Ob der Stresstest aber überhaupt eine Aussagekraft hat, wird schon jetzt bezweifelt. Denn der im dritten Szenario durchgespielte Wertverlust von Staatsanleihen wird nicht auf alle Staatsanleihen angewandt, die die Banken tatsächlich besitzen. In die Simulation fließen nur jene Papiere ein, die im Handelsbuch stehen, also demnächst zum Verkauf bestimmt sind. Bei diesen Papieren haben die Banken aber jetzt schon Verluste eingerechnet, sodass ein weiterer Wertverlust die Banken nicht so sehr belastet. Viele andere Papiere stehen aber im so genannten Bankbuch. Sie sollen bis zu ihrer Fälligkeit, also dem Datum, an dem der Schuldner den Kredit zurückzahlt, behalten werden. Was im Bankbuch steht, fließt wiederum nicht in die Simulation mit ein. Eine große Summe risikobehafteter Papiere bleibt also im Stresstest außen vor.

Des Weiteren kritisieren Beobachter, dass der Test insgesamt zu lax und konservativ ist. Die Banken würden keinen wirklich schlimmen Katastrophen ausgesetzt. Daher würde ein positives Ergebnis des Stresstests auch nicht die Marktteilnehmer beruhigen. Der erhoffte Effekt bleibt demnach aus.

Zerstrittene EU-Staaten

Dass der Stresstest dermaßen in der Kritik steht, ist vor allem ein Ergebnis der europäischen Uneinigkeit. Verantwortlich für den Stresstest ist der CEBS, ein Ausschuss, in dem Vertreter aller nationalen Bankaufsichten sitzen. Doch im CEBS gilt das Prinzip der Einstimmigkeit, die nationalen Vertreter wiederum müssen immer die Position ihrer Länder vertreten. Zwist ist deshalb vorprogrammiert.

Ursprünglich war geplant, nur die 25 wichtigsten Banken zu testen. Spanien aber bestand darauf, auch kleinere Banken zu testen, was methodische Probleme aufgeworfen hat, da die diversen Banken nicht ohne Weiteres vergleichbar sind. Außerdem sollten die Ergebnisse detailliert veröffentlicht werden. Die deutschen Banken sträubten sich dagegen, auch Frankreich wollte zumindest nicht bekanntgeben, wie viele Staatsanleihen seine Banken halten. So kam es, dass die Vorbereitung mehr chaotisch als professionell verlief. Im Unterschied zum amerikanischen Vorbild wollen die Europäer auch ihr Simulationsmodell nicht transparent machen.

Im kommenden Jahr soll als Konsequenz aus der Finanzkrise der CEBS zur Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA reformiert werden. Die EBA soll künftig die europäische Finanzmarktpolitik koordinieren. Doch in vielen EU-Ländern ist die Bankenaufsicht nicht unabhängig vom Staat. Diese laufen jetzt Sturm gegen eine zu autonome EBA. Um die Finanzmarktaufsicht bahnt sich erneut Streit in der EU an. Eine effiziente Koordinierung zwischen den einzelnen Bankaufsichten in Europa bleibt damit in weiter Ferne - in der Simulation, wie auch im Ernstfall.

mit Reuters/DPA / DPA