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Banken in der Schuldenkrise 100 Milliarden Euro gesucht


Die europäischen Banken sollen ihre Eigenkapitalpolster erheblich aufstocken, verlangen die EU-Finanzminister. Nur so können sie einen radikalen Schuldenschnitt Griechenlands überstehen.

Die größten Banken in Europa werden sich in den nächsten Monaten bis zu 100 Mrd. Euro besorgen müssen. Auf diese Summe lief es dem Vernehmen nach am Samstagabend nach Gesprächen der Finanzminister der 27-Länder in Brüssel hinaus. Mit dem aufgestockten Kapitalpolster sollen die als systemisch relevant angesehen Banken in die Lage versetzt werden, deutlich höhere Ausfälle auf ihre griechischen Staatsanleihen zu verkraften. Jetzt müssen die Staats- und Regierungschefs das noch abnicken. Sie treffen sich am Sonntag sowie am kommenden Mittwoch in Brüssel.

"Wir haben zehn Stunden zusammengesessen, aber wir haben wirkliche Fortschritte gemacht", sagte Großbritanniens Finanzminister George Osbourne am Samstagabend nach den Beratungen mit seinen Amtskollegen. "Wir haben die Grundlagen für eine Einigung zu den Banken gelegt", sagte Schwedens Finanzminister Anders Borg. Die Summe von rund 100 Mrd. Euro nannten weder Osbourne noch Borg. In den vergangenen Tagen hatte aber bereits die EU-Bankenaufsicht EBA einen Bedarf von 90 bis 100 Mrd. Euro ermittelt und auch Österreichs Finanzministerin Maria Fekter davon gesprochen, dass rund 100 Mrd. Euro nötig seien.

Bleibt es am Ende bei dieser Summe wäre, dies für die Banken eine enorme Herausforderung - zumal es für sie gerade äußerst schwer ist, sich am Kapitalmarkt zu refinanzieren. Am Ende müssten dann die einzelnen Staaten oder der europäische Rettungsfonds EFSF aushelfen. Allerdings bliebe die Summe hinter Schätzungen vieler Analysten zurück, die in den vergangenen Wochen einen noch höheren Kapitalbedarf errechnet hatten.

Die Finanzminister sowie die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder und der 17 Euro-Ländern diskutieren an diesem Wochenende bei einer Vielzahl von Treffen in Brüssel, wie eine unkontrollierte Pleite Griechenlands verhindert werden kann. Die Sorge ist, dass dieser Fall die Eurozone als Ganze ins Wanken brächte - was auch dramatische Folgen für die EU-Staatengemeinschaft haben könnte. Auch ist die Angst groß vor möglichen Folgen für die Weltwirtschaft, sollten die Europäer ihre Probleme nicht in den Griff bekommen.

Schuldenschnitt von mindestens 50 Prozent

Im Juli hatten die Banken in Europa zugestimmt, einen Schuldenschnitt von rund 21 Prozent auf griechische Staatsanleihen in Kauf zu nehmen, um einen Beitrag zur Rettung Griechenlands zu zahlen. Inzwischen gilt dieser Beitrag aber nicht mehr als ausreichend. Die EU-Staaten dringen deshalb auf einen Schuldenschnitt von mindestens 50 Prozent, sagte Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker in Brüssel. Das aber würde große Löcher in die Bankbilanzen reißen, die deshalb mehr Geld brauchen.

Wie lange die Banken Zeit bekommen, sich das frische Kapital zu beschaffen, war bis zum späten Samstagabend umstritten. Je kürzer die Frist, desto wahrscheinlicher scheint es, dass die Staaten wieder Geld in die Hand nehmen müssen, da die Institute dann kaum die Möglichkeit haben, sich am Markt zu versorgen. Zuletzt war die Rede davon, dass die Banken bis Mitte 2012 Zeit bekommen sollten.

Die Kapitalbeschaffung wollen die EU-Staaten dadurch erzwingen, indem sie den systemisch wichtigen Banken vorübergehend höhere Anforderungen an ihre Kernkapitalausstattung abverlangen. Das Kernkapital haftet als erstes für Verluste und gilt als entscheidender Maßstab für die Risikotragfähigkeit einer Bank. Die zeitweise zu erfüllende Quote soll bei neun Prozent liegen. Diese Summe hatte auch die EU-Bankenaufsicht EBA vorgeschlagen.

Wenn sich die Banken das Geld nicht am Markt beschaffen können, sollen nach den EU-Plänen zunächst die Mitgliedsstaaten einspringen und, wenn das nicht reicht, die EFSF. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Italien und Spanien versuchten, sofort EFSF-Gelder locker zu machen, um nicht selbst einspringen zu müssen. In beiden Ländern ist die finanzielle Lage angespannt. Sie kämpfen darum, das Vertrauen der Investoren zurückzubekommen. Spanien hatte besondere Bedenken gegen die Bewertung ihrer Anleihen zu Marktpreisen angemeldet, da dies spanische Banken besonders treffen würde.

Diesen Text haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

Mark Schrörs, Peter Ehrlich, Brüssel FTD

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