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Bankenkrise: Warum ich meinen Bonus will

Er ist Investmentbanker. Bei einer Bank, die mit Steuergeldern vor der Pleite gerettet wurde. Die will ihm seinen Bonus mitten in der Finanzkrise aber nicht mehr zahlen. Aber er besteht darauf, notfalls will er vors Gericht ziehen. Er sagt, er hätte sich das verdient.

Von Axel Hildebrand

Er hat gearbeitet, nun will er auch seinen Bonus haben - obwohl die Steuerzahler sein Institut retten mussten. Gegenüber stern.de äußert sich der Investmentbanker. Auf dem Symbolbild ist er nicht zu sehen

Er hat gearbeitet, nun will er auch seinen Bonus haben - obwohl die Steuerzahler sein Institut retten mussten. Gegenüber stern.de äußert sich der Investmentbanker. Auf dem Symbolbild ist er nicht zu sehen

Einen Nadelstreifenanzug trägt er, dazu ein feines hellblaues Hemd, ebenfalls mit dünnen weißen Streifen durchzogen. Seine Krawatte ist sauber gebunden, sein Haar mit Gel gescheitelt. Der Mann heißt in dieser Geschichte Martin, weil seine Bank nicht wissen darf, dass er sich äußert, und weil das, was er sagen möchte, in der Öffentlichkeit nicht gut ankommt.

Er ist Investmentbanker und seine Bank hat ihm den Bonus gestrichen. Das will er nicht hinnehmen. Um seinen Bonus will er kämpfen, notfalls vor Gericht. Aber der Reihe nach.

Sein Arbeitgeber hat sich verzockt

Sein Arbeitgeber ist eine der Banken, die mit hochriskanten Aktien- und Wertpapiergeschäften gezockt haben. Das ist in vielen Fällen, wie auch in diesem, besonders gründlich schief gegangen. Der Staat muss mit einem zweistelligen Milliardenbetrag bürgen.

Nun gibt es deutsche Banken, die sich vom Staat retten ließen und dennoch Bonuszahlungen verteilen wollten. Die Kanzlerin und der Außenminister haben das scharf kritisiert. Angela Merkel fand es "unverständlich, dass Banken, denen der Staat unter die Arme greift, in vielen Fällen gleichzeitig riesige Bonussummen auszahlen".

"Versager in Nadelstreifen"

Vielfach ist in diesen Tagen nicht mehr von Geldhäusern und deren Bankiers die Rede, sondern von "Drecksbanken" und "Versagern in Nadelstreifen". Als Investmentbanker muss sich Martin in diesen Tagen gegenüber Freunden und Kunden oft verteidigen und erklären. Er faltet die Hände und atmet tief durch.

Um seinen Fall zu vermitteln, muss er ein wenig ausholen. Seine Abteilung begleitet Transaktionen (Mergers & Acquisitions, kurz M&A). Sie bewerten Unternehmen, koordinieren einen Verkauf oder eine Übernahme. Bezahlt werden sie nach dem Wert der Transaktion. Je höher der ist, desto höher fällt die Provision aus. Mit Aktien- und Wertpapiergeschäften, mit komplizierten neuen Finanzprodukten, die am Ende keiner mehr verstand, mit Wetten auf Schuldverschreibungen - mit all dem hat dieser Investmentbanker nichts zu tun. Die Kollegen in seiner und anderen Banken, die die Finanzkrise verursachten, hätten "Mist gebaut", sagt er. Die Empörung in der Öffentlichkeit kann er verstehen.

Diese Investmentbanker haben vernünftig gewirtschaftet

Doch seine Abteilung fuhr - entgegen dem Trend - den größten Gewinn seit Jahren ein. Diese Investmentbanker haben vernünftig gewirtschaftet und konnten mehrere Millionen Euro Gewinn an die Bank überweisen. Und natürlich war auch Geld zurückgelegt worden, um die Boni auszuzahlen. Dabei hatten sich ihre Möglichkeiten, Geld zu verdienen, ab dem Sommer 2008 drastisch verschlechtert. Als die ersten Anzeichen der Finanzkrise sichtbar wurden, fanden weniger Firmenkäufe und -übernahmen statt. Die Jungs aus der M&A-Abteilung mussten Gas geben.

Martin arbeitet seit acht Jahren in der Branche, zuvor war er bei einer großen Investmentbank in London. Für ihn ist es normal, dass das Grundgehalt im besten Fall durch den Bonus noch einmal verdoppelt wird. Das sollte auch für das vergangene Jahr gelten - sobald seine persönlichen Ziele und die der Abteilung erreicht worden waren. Zwar ist die Bank fast pleite: Aber diese beiden Ziele sind erreicht worden.

Leben in einem "Hamsterrad"

Der Preis für den Gehaltszuschlag ist hoch. "Die Leute sind in einem Hamsterrad", sagt er: "Wer immer weiterläuft, kriegt am Ende seine Möhre." So sei das mit dem Bonus. Wenn der wegfällt, fühle sich das wie Schläge an. "Es gibt keine härtere Bestrafung für uns."

Martin strebte mit aller Macht nach der Möhre. Morgens kam er um neun Uhr ins Büro, abends ging er um zehn, manchmal um elf Uhr. Wie alle seine Kollegen. Im Urlaub und am Wochenende musste er seinen Blackberry anlassen und E-Mails zügig beantworten. Von seinen 30 Tagen Urlaub konnte er nur zehn nehmen. Er kennt das nicht anders. In manchen Jahren hat er "All-Nighters" gemacht: Man arbeitete einen Tag, die darauf folgende Nacht und dann wieder den nächsten Tag. 36 Stunden am Stück. Im vergangenen Jahr habe er mindestens 1000 Überstunden gemacht. "Manchmal ist das ein Scheiß-Leben", sagt er. Aber er habe sich bewusst dafür entschieden.

"Kein Geld der Welt kann wiedergutmachen, worauf ich verzichte"

Martin lehnt sich zurück in den roten Ledersessel, streicht über die Lehne. Er lächelt unsicher. Stolz ist er darauf nicht. "Kein Geld der Welt kann wiedergutmachen, worauf ich verzichte." Die acht Jahre in der Branche seien "weg".

Deshalb ist ihm der Bonus so wichtig. Es geht ihm nicht allein um das Geld. Wären die Boni gezahlt worden, würde er rund 200.000 Euro verdienen. Ohne ihn bekommt er etwa 100.000 Euro. Natürlich könne er davon gut leben. Aber in seinem Arbeitsvertrag steht, dass alle Überstunden durch das fixe und variable Gehalt abgegolten sind. "Das ist ein Schmerzensgeld für die ganze Arbeitszeit." Es ist ein symbolischer Wert, aber für einen, der sein Privatleben unter der Woche fast aufgibt, ist das ein hoher Wert.

Er fühlt sich betrogen

Nun fühlt er sich betrogen. "Ich habe gearbeitet, weil ich glaubte, dafür entlohnt zu werden. Das war der Antrieb." Boni gegen Lebenszeit. Das war der Deal. Jetzt sagt er: "Dieses Vertrauen wurde missbraucht."

Martin nimmt das Wort "Arbeitgeber" nicht in den Mund. Für ihn ist die Bank ein "Vertragspartner". Er gehört nicht zu denen, die um einen Arbeitsplatz bangen müssen. Zweisprachig aufgewachsen, spricht er heute sechs Sprachen fließend. Über klassische Musik kann er sich genauso gut unterhalten wie über die Feinheiten des nordamerikanischen Konsumgütermarktes. Er gilt als Experte für mathematische Modelle. Sein Team hat gerade ein Angebot bekommen, sie könnten ins Ausland wechseln. Er überlegt das ernsthaft. "Wenn kein Bonus kommt, ist die Bank für mich tot."

"Gier ist aber das letzte, was ich mir vorwerfen lassen will"

Zusammen mit Kollegen überlegt er, seinen Arbeitgeber notfalls zu verklagen. Seinen Teil des Vertrages habe er eingehalten. Nun soll die Gegenseite liefern. Staatsbürgschaft hin oder her, klar sei das schwierig. "Gier ist aber das letzte, was ich mir vorwerfen lassen will." Aber warum, fragt er, solle er für die Fehler anderen hinhalten?

Er glaubt, er hat gute Argumente. Wer arbeitet, müsse auch sein Geld bekommen. Und wer gut arbeitet, müsste doch auch gut bezahlt werden. So war das doch immer, oder? Warum nicht auch heute, in diesen Zeiten?