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BayernLB: Chronologie eines Desasters

Die Flucht nach vorne hat nicht mehr geholfen: Bayerns Finanzminister Erwin Huber wird der künftigen Landesregierung nicht mehr angehören. Die schwere Krise der BayernLB hat den einstigen CSU-Chef endgültig zu Fall gebracht. Eine Chronologie des bayerischen Milliarden-Desasters.

Von Marcus Gatzke

Am Montag hat er nochmal alles auf eine Karte gesetzt: "Die BayernLB ist von der globalen Finanzkrise unmittelbar und heftig betroffen" - Erwin Huber ließ die Hosen runter. Keine Ausreden mehr, kein Verschleiern, kein Verschleppen und kein Beschönigen.

Die Landesbank machte nur einen Tag später deutlich, was Huber mit "unmittelbar und heftig" meint: Die BayernLB braucht Geld und zwar dringend - insgesamt 6,4 Milliarden Euro sollen aus dem von der Bundesregierung aufgelegten Hilfsfonds beantragt werden, wie das Institut eingestehen musste. Damit ist die Bayern LB die erste Bank, die offiziell in Berlin anklopft und um Hilfe bittet.

Auf ganzer Linie versagt

Die Krise der BayernLB, die zur Hälfte dem Sparkassenverband und zu anderen Hälfte dem Freistaat gehört, ist eine Geschichte voller Pleiten und Pannen - und sie ist die Geschichte von Finanzminister Erwin Huber. Lange wurden die Probleme klein geredet. Mehrfach die Krise für beendet erklärt. Es war halt Wahljahr. Die von Huber zuletzt vollmundig angekündigten "gewaltige Umstrukturierungen" und die Mahnung zur Eile ("Wer schnell hilft, hilft doppelt") gleichen einem Offenbarungseid. Die Aufsicht hat auf ganzer Linie versagt.

Aber der Reihe nach: Schon Anfang des Jahres machen Gerüchte die Runde, die Finanzkrise könnte auch die BayernLB massiv treffen. Huber, der auch im Verwaltungsrat des Unternehmens sitzt, wischt mögliche Probleme als Spekulation vom Tisch: Es lägen noch keine belastbaren Zahlen vor, behauptet er am 12. Februar im bayerischen Landtag.

Keine Zahlen? Nur einen Tag später wendet sich die BayernLB selbst an die Presse und gesteht: Die Finanzkrise sorgt für zu zusätzlichen Belastungen von 1,9 Milliarden Euro. Insgesamt habe die Bank vier Milliarden in das hochriskante Marktsegment der US-Subprime-Wertpapiere investiert.

Keiner will es gewusst haben

Huber wird von der Opposition der Lüge bezichtigt. Er soll bereits seit Monaten von den Problemen gewusst haben, berichtete die "Süddeutsche Zeitung". Huber selbst will die Öffentlichkeit nach "bestem Wissen und Gewissen" informiert haben. Der Sparkassenverband spricht von einer Kommunikationspanne, der damalige Chef der Bank, Werner Schmidt, muss seinen Stuhl räumen.

Huber macht weiter wie gewohnt: Die Bank sei ausreichend mit Kapital ausgestattet und brauche kein zusätzliches Geld von den Eigentümern, behauptet er. Kein Geld von den Eigentümern? Bereits vier Wochen später, am 17. März, muss das Institut erneut mit einer Hiobsbotschaft vor die Presse treten: Es gebe weiteren Korrekturbedarf - Höhe ungewiss. Huber schweigt, der CSU-Chef befindet sich nach einem Bericht des "Spiegels" im Urlaub.

Stattdessen prescht Ministerpräsident Günther Beckstein - ohne Absprache mit seinem Finanzminister - vor und spricht von vier Milliarden, die die BayernLB zusätzlich abschreiben muss. Die Bank selbst sieht insgesamt sogar Wertpapiere in einem Volumen von 24 Milliarden Euro als gefährdet an. Die Eigentümer der BayernLB sollen für mögliche Ausfälle in Höhe von sechs Milliarden Euro garantieren. Die Bank schreibt im ersten Quartal einen dreistelligen Millionenverlust.

Huber räumt ein, dass er seit Monaten über die jeweils aktuelle Einschätzung der Risikolage der Bank informiert war. Dies seien aber vorläufige und keine belastbaren Zahlen gewesen. Nur wenige Tage nach dem Zahlen-Gau stimmt der Haushaltsausschuss des Landtages staatlichen Garantien für die BayernLB zu.

Und als ob es noch nicht genug gewesen wäre: Eine Woche vor den Landtagswahlen schlägt eine neuerliche Bombe ein. Die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers kostet die BayernLB weitere 300 Millionen Euro. Huber schweigt und verliert die Wahl.

Jetzt soll der Staat für die Probleme bei der Bank geradestehen. Aus dem Rettungspaket der Bundesregierung, an dem sich Huber zu Anfang gar nicht beteiligen wollte, sollen 6,4 Milliarden an die BayernLB fließen. Dann sind alle Probleme gelöst? Mitnichten. "Kein Mensch kann die Entwicklung der internationalen Finanzmärkte voraussehen", sagte Huber. Damit wird aber nicht mehr viel zu tun haben. Der CSU-Politiker will der neuen Landesregierung nicht mehr angehören.