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Rede auf CSU-Parteitag: Wenn Horst Seehofer erblüht

So eins war Horst Seehofer selten mit sich und seiner Partei. In München hat der vor Kraft und Harmoniewillen strotzende CSU-Chef die Losung für 2013 vorgegeben: Bayern gehört uns - ganz alleine.

Von Florian Güßgen

Im Jahr 2005, als Edmund Stoiber am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen war, schleuderte ein Landtagsabgeordneter dem damaligen CSU-Chef einen Satz entgegen, der ihn ins Mark traf: "Edmund", sagte der Abgeordnete, "du hast den Bayern den Stolz genommen - und dem Freistaat seinen Nimbus." Das saß. Mit Stoiber und der CSU ging es fortan stets und steil bergab. Stoiber selbst wurde entmachtet, seine glücklosen Nachfolger Günther Beckstein und Erwin Huber konnten die Erosion der Partei nicht aufhalten - und 2008 verlor die CSU die absolute Mehrheit im Lande. Sie musste mit der FDP koalieren, um zu regieren. Was für eine Schmach. Ein Jahrzehnte geltendes politphysikalisches Gesetz schien widerlegt: Bayern und die CSU, das ist eins.

Glaubt man Horst Seehofer, dann ist diese Phase der christsozialen Verbannung von der absoluten Macht bald vorüber, dann wird ein vermeintlicher historischer Irrtum spätestens bei den Landtagswahlen im Herbst 2013 ein für alle Mal korrigiert werden. Über eine Stunde hat Seehofer in seiner Grundsatzrede auf dem CSU-Parteitag in München die vermeintliche bildungs-, finanz-, und sozialpolitische Sonderstellung Bayern in allen denkbaren Varianten gepriesen, verbunden mit der These, dass nur die CSU in der Lage sei, die bayerische Wohlfahrt dauerhaft zu sichern. Bayern sei eine "Insel der Stabilität", sagte Seehofer. "Wer das starke Deutschland sehen will, muss nach Bayern kommen." Den Koalitionspartner FDP unterschlug er. Gleichzeitig beschwor Seehofer ein neues Selbstbewusstsein seiner Partei. "Diese CSU ist bärenstark", sagte er. "Und sie ist wieder da".

Die CSU greift wieder nach der absoluten Mehrheit

Seehofer hat gut reden derzeit. In Umfragen liegt die CSU nach einer langen Durststrecke gut im Rennen, bei knapp 50 Prozent. Es ist vorstellbar, dass sie 2013 wieder eine absolute Mehrheit erringt. Die Gegner sind schwach. Christian Ude, Münchner Oberbürgermeister und SPD-Herausforderer Seehofers, hat es bisher nicht vermocht, der in Bayern traditionell erbärmlich schwachen SPD in den Umfragen etwas Leben einzuhauchen. Eine theoretisch denkbare Koalition von SPD, Grünen und Freien Wählern ist derzeit weit von einer eigenen Mehrheit entfernt. Nur die schwächelnde FDP dürfte auch Seehofer Kopfzerbrechen bereiten.

In dieser komfortablen Lage hat sich die CSU-Spitze offenbar entschieden, sich endgültig von einer Strategie des Polterns - vor allem auch gegen Angela Merkel - zu verabschieden. Angesagt ist jetzt ein selbstbewusstes, staatsmännisches Auftreten, das nicht die Wähler an den Rändern, sondern in der Mitte wieder mit den Christsozialen und ihrer sehr besonderen Form des Regionalpatriotismus versöhnt. Schon am Freitag hatte Seehofer die Partei in der Europapolitik auf eine einheitliche Linie mit Kanzlerin Angela Merkel und der CDU eingeschworen, die Kanzlerin gar überschwänglich empfangen. Radikale Töne aus der CSU-Spitze in der Eurokrise, auch ein Austritt Griechenlands, sind vorerst verstummt.

Seehofer nennt Steinbrück "Schuldenmacher"

Die Umsetzung dieser Strategie der harmonischen Stärke setzte Seehofer am Samstag mit seiner Rede fort. Zwar griff er die SPD und ihren designierten Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück an, bezeichnete diesen als "Schuldenmacher", schoss ein wenig gegen den Koalitionspartner FDP, indem er der Abschaffung der Praxisgebühr eine Absage erteilte. Aber radikale Töne, vor allem gegen Merkel, gab es keine zu hören. Stattdessen setzte Seehofer alles daran, die eigene Partei und ihre Leistungen im Freistaat weiter aufzupumpen. Vor 48 Monaten habe ihn der Landtag zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt, sagte Seehofer. Kurz vorher habe ihn die Partei zum Chef gekürt. Es sei immer sein Ziel gewesen, dass die CSU zu Beginn des Jahres 2013 von einer guten Position aus starte. "Wir schauen heute auf ein blühendes Bayern", brüstete sich der 63-Jährige. "Wenn wir besonnen weitermachen, wie in den letzten vier Jahren, haben wir eine riesige Chance, dass das Jahr 2013 zu einem der erfolgreichsten in unserer Geschichte wird", sagte er. Auf eine Stimmung wie auf dem Parteitag am Donnerstag und Freitag habe er seit vier Jahren hingearbeitet.

Zum neuen, eher integrativen Ansatz Seehofers gehört offenbar auch, dass der CSU-Chef am Rande des Parteitags erkennen ließ, dass er den 2011 von allen politischen Ämtern zurückgetretenen Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nach der Wahl 2013 wieder politisch resozialisieren möchte. Guttenberg solle dann wieder eine "maßgebliche" Position einnehmen, sagte Seehofer. Darum werde er sich bemühen. Auch hier will der CSU-Chef derzeit einen, nicht spalten.

Wie lange diese neue Harmoniesucht in der CSU anhält, ist dabei völlig offen. Seehofer kündigte am Samstag an, dass er 2018 abtreten wolle. Damit ist der Kampf um seine Nachfolge auch offiziell eröffnet. Das könnte der Harmonie schaden. Und auch neuerliche Tiefs bei den Umfragewerten könnten beizeiten wieder Emotionen wecken. Bis zum Herbst 2013 ist es noch lang. Und, bayerischer Stolz hin oder her, sicher kann man sich bei Horst Seehofer traditionell eigentlich nur sein, dass bei ihm nichts sicher ist.