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Und jetzt... Django Asül: Horst Köhler ist ein Runder Tisch

Bundespräsident Köhler hat einen Runden Tisch eröffnet und der Merkelwelle tüchtig eingeschenkt. Runde Tische sind toll, denn sie schaffen Arbeit, auch für das deutsche Schreinerwesen.

Eine Prä-Satire von Django Asül

Es gibt Zahlen, die lassen jede Diskussion im Keim ersticken. 79 Prozent beispielsweise. Wer 79 Prozent der Bevölkerung im Rücken weiß, kann sämtliche Kritik an der eigenen Person in bester Teflonmanier abperlen lassen. Wer vermag derzeit in so viel Zustimmung zu baden?

Ein Vertreter von Schwarz-Gelb? Undenkbar. Es sei denn, man baut noch ein Minuszeichen vor die 79. Und doch ist es irgendwie ein Schützling von Schwarz-Gelb. Schließlich waren es Merkel und Westerwelle, die Horst Köhler den Weg ins Schloss Bellevue ebneten. Ohne die Spitzenköpfe des Krawallbündnisses hätte es den Bundespräsidenten Köhler nicht gegeben. Umso erstaunlicher, wie diametral sich Köhler zu seinen derzeitigen Steigbügelhaltern verhält. Kurz formuliert: Die Vokabel Kuschelkurs trifft den Sachverhalt nur unzureichend. Aber die Hauptaufgabe des obersten Staatsrepräsentanten ist ja auch nicht Dankbarkeit, sondern das dosierte Anbringen von moralisch-strukturellen Hinweisen sachdienlicher Art. Ein Bundespräsident muss quasi sein eigener Runder Tisch sein. Also schlägt jetzt die Stunde des Präsidenten!

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Denn Politik schreit nach Runden Tischen. Ob Steuerreform, Koalitionskrach oder Missbrauch: Runde Tische sollen die Regierungsarbeit ersetzen. Analysten erwarten ungefähr 12.000 neue Arbeitsplätze in der holzverarbeitenden Industrie, falls der Ruf nach Runden Tischen die Requisitenabteilung des Bundestages nicht zu Ikea treibt. Die Bundesregierung will die Regierungsarbeit auslagern. Sie ist mit der Arbeit einfach überlastet. Die Regenten sind hellhörig geworden. Auch ihnen sind die neuesten Fakten aus der Arbeitswelt nicht entgangen: Stress im Job führt immer öfter zu psychischen Auffälligkeiten. Keinen Job zu haben, zieht einen aber erst recht runter. Also versucht die Regierungsbande einen gesunden Mittelweg mittels Outsourcing. Man hält die Zügel in der Hand. Ziehen müssen die Kutsche aber andere.

Von dieser Arbeitsauffassung ist Horst Köhler aber alles andere als begeistert. Das erste halbe Jahr der Regierungskoalition bezeichnet er als enttäuschend. Er akzeptiert keinen Burnout bei Merkel und Westerwelle, wenn zuvor noch keinerlei Burnin erfolgte. "Wir brauchen Langfristigkeit in der politischen Gestaltung und müssen Abstand nehmen von kurzlebigen Programmen", sagte er jüngst in einem Interview. Damit will er durch die Blume sagen, dass weder Merkel mit Gestaltung noch Westerwelle mit langlebig in Kontext gebracht werden können. Das wusste zwar in Deutschland auch schon vorher jeder inklusive der Genannten. Aber immer wieder schön, wenn es der Präsident auch mal in aller Deutlichkeit sagt und die formalen Regierungschefs wie sitzengebliebene Zweitklässler aussehen lässt.

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Vor allem befürchtet Köhler scheinbar eine Amerikanisierung der politischen Landschaft. Im Land der begrenzten Unmöglichkeiten schmeißt der Präsident den Laden und die Regierung ist eine nett anzusehende Staffage. Qua Gesetzgebung. In Deutschland geht der Trend in die gleiche Richtung. Qua Gemütlichkeit oder Unbeholfenheit. Je nachdem, ob gerade Merkel oder Westerwelle in Nichtaktion treten.

Und Köhler weiß auch: Irgendwann könnte der Druck des Volkes auf ihn zu groß werden. Deshalb sah er sich gemüßigt, der Regierung ein vernichtendes Zeugnis auszustellen. Seinen Ruhestand will er keinesfalls für Regierungsgeschäfte verheizen. Die Krux ist aber, dass er im Lande genau dieses Vertrauen genießt, was Merkel & Co. für die nächsten Jahrhunderte verspielt haben. Der Bundes-Horst ist genau diese moralische Instanz, der man auch Führung und Orientierung zutraut. Weil er mehr kennt als nur schwarze Dienstlimousinen und weiße Hotelsuiten. Seine Eltern sind aus dem rumänischen Bessarabien. Er selber wurde im polnischen Skierbieszow geboren und musste die ersten zehn Lebensjahre in der DDR verbringen. Alles andere als ideale Voraussetzungen für einen erfolgreichen Werdegang im Westen. Und doch hat er sich hochgearbeitet.

Die moralische Integrität erlangte er als Präsident des deutschen Sparkassenverbandes. Er war quasi der Dalai Lama des Bankwesens und ist somit der ideale Widerpart zu Angela Merkel, die ja eher als Buddha-Double im Ludwid-Erhard-Gedächtnis-Outfit brilliert. Daher rührt auch Köhlers Neigung zu unkonventionellen Standpunkten. Nachdem er der Kanzlerin in den imaginären Hintern getreten hat, überholt er nun mit seiner Forderung nach höheren Spritpreisen die Grünen links und die Öllobbyisten rechts. Jährlich drei Cent mehr für Treibstoff, bis keiner mehr Auto fährt. Eine Gesellschaft, die sich Tankstellen leisten kann und will, sei auf Dauer nicht überlebensfähig.

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Vielleicht treibt Köhler aber im vorgerückten Alter einfach nur die Sehnsucht nach einem autofreien Leben ohne Stress und Hektik. Wie damals. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr. Und die goldene Benzinpumpe als Zeichen der Anerkennung von Aral und Shell ist ihm auch schon sicher.

Deutschland ist stolz auf diesen Präsidenten. Zu recht und mit 79 Prozent Denn er bewegt was. In welche Richtung? Horstwärts.