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Beats-Gründer Dr. Dre: Aus dem Ghetto zum Milliardär

Apple will angeblich den Kopfhörer-Hersteller Beats übernehmen. Das wäre nicht nur der größte Kauf in der Firmengeschichte, sondern auch der Höhepunkt des Aufstiegs von Beats-Gründer Dr. Dre.

Von Felix Hutt

Am 8. Mai um 22.45 Uhr stellt die "Financial Times" einen Artikel auf ihre Website, der mehr ist als die übliche langweilige Wirtschaftsmeldung. "Apple in Verhandlungen über 3,2 Milliarden-Deal" steht da, der Gigant könnte schon Anfang nächster Woche den Kopfhörer-Hersteller Beats Electronics übernehmen. Während die Autoren vorsichtig darauf hinweisen, dass noch einige Details zu klären seien, scheint es bei Beats-Besitzer Dr. Dre keinen Zweifel an der Übernahme zu geben. Nur ein paar Stunden nach der Meldung lädt der Rapper Tyrese auf seiner Facebook-Seite ein Video hoch, das ihn im Studio mit Dr. Dre zeigt. "The first Billionaire in Hiphop, right here from the motherfuckin’ Westcoast", ruft Dr. Dre in die Kamera und lacht. Tyrese ergänzt: "The Forbes List just changed".

Ihre kleine Feier im Studio in Los Angeles, wo Dr. Dre vor 49 Jahren im bitterarmen Stadtteil Compton als Andrew Young auf die Welt gekommen ist, mutet an wie eine Befreiung. Nach den Äußerungen des ehemaligen Besitzers der "Los Angeles Clippers", Donald Sterling, tobt in den USA eine neue Rassismus-Debatte. Da wäre die Übernahme einer Firma, die von einem Afroamerikaner für die Hip-Hop-Kultur gegründet wurde, durch höchsten Silicon-Valley-Adel auch ein Zeichen. Ein Zeichen, dass der amerikanische Traum eben immer noch allen offen steht - auch wenn sie wie Dr. Dre ganz unten anfangen müssen.

Eine Ikone wie Pelé

Für Hip-Hop-Fans ist Dr. Dre eine Ikone wie Pelé für den Fußball. Geboren und aufgewachsen in South Central Los Angeles, gründet Dre, der sich nach dem berühmten Basketballer Julius Erving ("Dr. J") "Dr." nennt, Ende der 80er Jahre mit Freunden wie Ice Cube und Eazy E. die Gruppe N.W.A. ("Niggaz with Attitude"). Die Rapper berichten mit ihren Reimen ungeschönt vom Alltag zwischen Drogen, Gewalt und Ausgrenzung. Als Urväter des Gangsta-Rap geben sie dem schwarzen Amerika der Ghettos eine Stimme. Ihre Lyrics sind so direkt und radikal, dass ihre Lieder als jugendgefährdend eingestuft und verboten werden - was ihren Erfolg nur steigert. Das Album "Straight outta Compton" hält sich monatelang in den Billboard-Charts. Auch für weiße Kids wie Eminem sind N.W.A. das Tor zum Hip-Hop-Universum.

Dre weiß, wovon er rappt: Er verliert seinen jüngeren Bruder, kommt immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und landet schließlich im Gefängnis, als er auf Bewährung und betrunken mit seinem neuen Ferrari über den Wilshire Boulevard rast. Der Erfolg des Westküsten-Rap beruht auch darauf, dass seine Protagonisten authentisch das leben, was sie in ihren Songs verherrlichen. Als 1992 nach dem Tod Rodney Kings die Ghettos in Los Angeles brennen, tragen viele Protestierende Mützen oder Shirts mit dem N.W.A.-Emblem. Dre bringt im selben Jahr sein erstes Soloalbum "The Chronic" auf den Markt, ein Millionenseller, der für den Hip Hop so bedeutend ist wie Nirvanas "Nevermind" für den Grunge.

Seine Beats bringen Melodie in den Hip Hop

Nachdem sein Freund Eazy E. stirbt und sein Kollege Tupac Shakur am 13. September 1996 in Las Vegas erschossen wird, beschließt Dre, dass er in Zukunft die meiste Zeit im Studio verbringen wird. Mittlerweile Vater von zwei Kindern, entdeckt, fördert und produziert er Superstars wie Snoop Dogg, Eminem und 50 Cent. Seine Beats und Samples bringen Melodie in den Hip Hop - und fast immer eine Garantie auf gute Verkäufe.

Vor sechs Jahren gründet Dre dann mit seinem langjährigen Geschäftspartner Jimmy Iovine Beats Electronics. Der Soundfetischist Dre findet einfach keine Kopfhörer, die seinen Sound angemessen transportieren, die seine sorgfältig arrangierten Bässe anständig in die Gehörgänge schießen. Also baut er sich seine eigenen.

Ein Traum, den Amerika gebrauchen kann

Die Kopfhörer mit dem roten "b" werden zum Welterfolg, sie sind mittlerweile weder aus Fußgängerzonen noch von den Köpfen der Prominenten wegzudenken. Wenn Mario Götze oder David Alaba nach einem Spiel interviewt werden, tragen sie "Beats" um den Hals, David Guetta legt mit ihnen auf, Sean "Diddy" Combs und Lady Gaga haben sogar schon eigene Editionen herausgegeben. Mittlerweile stellt Beats weiteres Audio-Equipment her, zur Firma gehört außerdem ein eigener Streamingdienst. All das soll nun in Kürze in den Apple-Konzern integriert werden. Der will das Management übernehmen und setzt neben den Produkten natürlich auch darauf, den Coolness-Faktor mit einzukaufen.

Dass Hip-Hop-Stars wie Jay-Z auch als Unternehmer Erfolg haben können, ist nicht neu. Dass sie wie Dr. Dre zum Milliardär werden, schon. Wenn man weiß, wie das Leben von Dr. Dre alias Andrew Young aus Compton vor fast einem halben Jahrhundert begonnen hat, kommt einem die Geschichte dieser Übernahme wie ein Traum vor. Einen Traum, den Amerika gebrauchen kann.