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Berlin: Getränkemarkt will Flaschensammler vertreiben – Inhaber feuert Geschäftsführer

Der Umgang eines Berliner Getränkemarkts mit Pfandsammlern hat für Unmut gesorgt. Der Inhaber des Handels reagierte schnell – und zog auch personelle Konsequenzen.

Flaschensammler in Berlin

Viele Obdachlose und arme Menschen sammeln Pfandflaschen und -dosen, um ihr Überleben zu sichern (Symbolbild)

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In einem Schreiben vom 21. August an alle Märkte hatte die Geschäftsführung des Getränkegroßfachhandels Lehmann angeordnet, dass "sogenannte Flaschensammler" eine Adresse und Umsatzsteuernummer angeben müssten, um Pfandgeld ausgezahlt zu bekommen. Dafür bräuchten die Sammler einen Gewerbeschein. Meist aber handelt es sich um Obdachlose, die darauf angewiesen sind, Leergut in der Stadt zu sammeln, um damit über die Runden zu kommen. Viele dieser Menschen haben also nicht einmal einen festen Wohnsitz.

Wie der Berliner Rechtsanwalt Stefan Senkel auf Facebook berichtete, wurde diese Anweisung auch in der Praxis angewandt. Ein Lehmann-Markt habe die Annahme von 15 Pfandflaschen verweigert. So funktioniere soziale Ausgrenzung, schrieb Senkel. Insgesamt gehören 17 Märkte in Berlin und Umgebung zu dem Unternehmen.

Wie soziale Ausgrenzung funktioniert: Getränke Lehmann verlangt von „Flaschensammlern“ eine Gewerbeerlaubnis - tun sie...

Gepostet von Stefan Senkel am Montag, 10. September 2018

Inhaber zieht Anweisung zurück und beurlaubt Geschäftsführer

In Berlin und im Internet hat das Vorgehen des Getränkegroßfachhandels für Unmut und Entsetzen bis hin zu Wut gesorgt. Den Ärmsten in der Hauptstadt werde das Überleben so noch schwerer gemacht, so der Tenor vieler Kommentare. "Manchmal sind in dieser Stadt leider nicht nur die Getränke kalt", schrieb beispielsweise Lorenz Maroldt, Chefredakteur der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in einem Artikel. Auf Twitter forderten User dazu auf, Lehmann-Märkte in Zukunft zu boykottieren. Auch Vertreter von Handelsverbänden und Wohltätigkeitsorganisationen äußerten sich kritisch.

Immerhin: Das Unternehmen reagierte schnell. Inhaber Horst Lehmann zog die Anweisung einen Tag nach Bekanntwerden zurück und distanzierte sich von dem Schreiben seiner Geschäftsführung. "Es tut mir leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist", schrieb Lehmann auf Facebook und Twitter. Dafür hatte er sogar extra einen Twitter-Account für sein Unternehmen angelegt. Außerdem zog der Inhaber auch personelle Konsequenzen und beurlaubte den zuständigen Geschäftsführer. 

Damit scheint zumindest der endgültige PR-Gau für das Unternehmen abgewendet. Auf Twitter schrieb beispielsweise Nilz Bokelberg (immerhin 40.100 Follower) als Reaktion auf den Post des Inhabers: "Ich war echt schwer verärgert von 'Ick koof bei Lehmann', aber diese schnelle und klare Reaktion und Haltung hat meinen Glauben an die Menschheit wiederhergestellt. Danke!"

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epp