Bietigheim - Heimat von Porsche-Chef Wiedeking Lang lebe König Wendelin!

Neun Milliarden Euro Schulden, Machtkampf in der Führungsriege, Umsatzrückgang: Porsche steckt tief in der Krise. Und mittendrin: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Aber es gibt einen Ort, da wird man ihn wohl ewig lieben. In der Kleinstadt Bietigheim ist Wiedeking unangefochtener Patriarch und Lieblingsbürger.
Von Lorenz Wagner

Im Schwabenland liegt ein Städtchen, in dem es lange Jahre fast keine Sorgen gab. Es ist eine ausgesprochen schöne Stadt, halb Fachwerk, halb Garten, die Häuschen sind haselnussbraun oder gelb wie Butter, und an ihren Wänden ranken Wein und wilde Rosen.

Alles ist eng und verwinkelt, Hunderte Jahre sind die Gassen alt, heißen Schwätzgässle und Hexenwegle, und alle zehn Schritte lässt sich eine kleine Schönheit beschauen: eine steinerne Laterne; ein Tor mit Wappenschild; ein Oleanderstrauch; eine Kuh mit vergoldeten Hörnern; oder ein ganz eigener Straßenschmuck: Porsches. Sie gehören dem Metzger, Bäcker, Schuhmacher, Wirt, Hemdenfabrikanten und Hotelier, und sie gehören zu Bietigheim wie das Rathaus mit Verkündkanzel und Erkerturm.

"Er ist unser Patriarch"

Bietigheim ist eine reiche Stadt, sie zählt 40.000 Bürger und 30.000 Arbeitsplätze und beherbergt Firmen, die mit ihren Hemden, Scheibenwischern und Lackierrobotern die Welt erobert haben. Vor allem aber ist sie die Heimat eines Mannes, der sie mehr geprägt hat als jeder Bürger vor ihm: Wendelin Wiedeking, genannt König von Bietigheim.

Wie es sich niemand hätte träumen lassen, ist der König in eine verflixte Sache hineingeraten. Ganz keck wollte er mit seiner kleinen Firma Porsche den Volkswagen-Konzern übernehmen, was derart schiefging, dass Porsche nun sogar den Staat um Stütze bitten muss. So ist Bietigheims König zu Deutschlands Buhmann geworden, zum Sinnbild des zockenden Managers. Und das tut ihm so weh, dass er kaum mehr einen an sich ranlässt, nur mehr einige Vertraute bei Porsche. Und seine Bietigheimer Freunde. Denn die zittern mit ihrem König.

Wendelin ist alles für diese Stadt. "Er ist unser Patriarch", sagt Bürgermeister Jürgen Kessing. "Er ist ein Mann wie Röchling oder Grundig." Seit zwei Jahrzehnten verteilt Wendelin Gunst und Geld, allein seine Einkommensteuer macht den Kämmerer glücklich. Dazu kommen die Gelder der Porsche-Töchter, die hergesiedelt sind: Design, Vertrieb, Lizenzgeschäft, Beratung, Finanzierung, sie sitzen in einem Glasturm vor der Stadt, "unserem Flaggschiff", wie der Bürgermeister sagt.

Und Wendelin und Porsche sind nicht nur die größten Steuerzahler der Stadt, sie sind auch ihre größten Mäzene. Sie fördern die Musikschule. Und die Steelers, Meister der 2. Eishockeyliga. Und das Reitturnier. Und Kinder, die sich keinen Mittagstisch leisten können. Und das Hospiz. Und das Musikfestival "Wunderland", zu dem Künstler anreisen, die sich selten in die Provinz verirren.

Alles ist Porsche

Aber Bietigheim ist ja nicht Provinz, es ist Königreich, und zwar eines, in dem sich im Laufe der Wendelin'schen Jahre ein Wirtschaftskreislauf gebildet hat, in dessen Zentrum der König steht und an dem schier die ganze Stadt teilzunehmen scheint. Bäcker und Metzger beliefern Porsche mit Brötchen und Platten. Die Taxis chauffieren Geschäftspartner. Die Hotels beherbergen sie. Der Wirt des "Schiller" kocht auf dem Genfer Autosalon. Der Schuhfabrikant nennt Wendelin seinen Teilhaber. Die Feuerwehr fährt einen Cayenne. Und Luigi, der nette, runde Italiener am Marktplatz, der Wendelin seit knapp 20 Jahren kennt, bietet Porsches Mitarbeitern einen Mittagstisch an.

Luigi sitzt auf seiner Terrasse, vor ihm die Schönheit der Stadt, das Rathaus, der Brunnen mit Wappner-Figur; doch keine Touristen flanieren über das Pflaster, nein, Männer in Anzügen, mit Knopf im Ohr und Blackberry in der Hand, Geschäftspartner von Porsche. "Wir profitieren alle von Wendelin", sagt Luigi. "Die ganzen Bürger. Ich als Gastronom spreche ihm meinen Dank aus."

Vor der Terrasse bauen Arbeiter gerade Reste einer Bühne ab. "Wunderland" ist vorbei, Richard Galliano hat gespielt, der Starjazzer, und im Park gab es eine Rennbahn mit Tret-Porsches. Überall hängen noch Festivalplakate. "Danke - Porsche - Danke" steht darauf. 20.000 Besucher sind gekommen, Wendelin nicht. Im Vorjahr hat er mit den Leuten Bier getrunken, erzählt Luigi. Jetzt hatte der König Wichtigeres zu tun. Er muss Geld ranschaffen, verhandelt mit Katar, ob sie Porsche nicht zur Seite springen wollen, eine kleine Hilfe von Scheich zu König. "Wir fiebern alle mit", sagt Luigi. "Wir können nur hoffen, dass alles gut geht."

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Angst vor Wiedekings Abgang

Es ist das Thema in der Stadt. Die Krise, der Fall von Porsche. Volkswagens Ferdinand Piëch will Porsche zur Sparte machen und Wendelin I. vom Thron stoßen. "Was wäre, wenn Wiedeking bei Porsche geht?", sorgt sich die "Bietigheimer Zeitung" und schreibt weiter: "Er würde wohl auch in Bietigheim seine Zelte abbrechen, so die Befürchtungen in der Stadt." Und genau das will hier keiner: "Es wäre dramatisch", sagt Luigi.

Drei Monate hat er Wendelin nicht mehr gesehen. Zuletzt gegenüber im "Schiller", dort hat er ein paar Zigarren geraucht. Das "Schiller" ist mehr als ein Feinschmeckerlokal. Es ist Kommandozentrale, hier trifft sich Wendelin mit Toni Hunger und Holger Härter, mit Pressechef und Finanzvorstand, meist an Tisch 16, einem runden Eichentisch in der Ecke.

In einer privaten Geburtstagszeitung für Hunger steht ein Text, in dem der Tisch spricht. "Mal saßen sie im Anzug bei mir, mal im Hemd. Um was es bei diesen Runden ging? Na, um Geschäfte, um Verträge, Feldzüge, Eroberungen. Manchmal breiteten die Herrschaften Papiere auf mir aus und schrieben ihren Namen darunter. Danach bestellte Hunger ein Festmenü, unter dem ich fast zusammenbrach."

Ob hier auch das Volkswagen-Desaster seinen Anfang nahm? Der Koch, Burkhard Schork, will darüber nicht sprechen. "Für einen Wirt gilt Schweigepflicht." Nur drei Dinge will er verraten. Wendelin mag Kuttelsuppe. Er habe noch nie geprasst. Und er zahle immer redlich. "Sein Motto ist: gute Freunde, strenge Rechnung." Schork kennt Wiedeking noch aus Jahren, als der Assistent bei Porsche war. Damals hatte er ein Zimmer über dem Restaurant.

Ein König zum Anfassen

Schork ist einer der Bietigheimer, die Wendelin auf seinen Acker mitnimmt, vor der Stadt, Richtung Löschgau, wo er Rosenland-Kartoffeln anbaut. Der König sitzt auf seinem Porsche-Traktor, die Erntehelfer bekommen es erst im Kreuz, dann einen Sack Kartoffeln, und am Abend spielen alle Boule, schaukeln ihren Ricard und setzen den Grill in Gang. Natürlich hilft Wiedeking (altgermanisch: "König der Weide") danach abspülen. Alles ganz normal, einer von ihnen.

Es ist eine seltsame Rolle, die er in der Stadt spielt. Herrscher und Geldgeber, und gar nicht mal so viel zu sehen; und doch nehmen ihn die Bietigheimer als Teil ihres Alltags wahr, tun so, als gehöre er wirklich dazu. Ein König zum Anfassen.

Und der wohnt natürlich nicht auf der Lug, im Viertel der Reichen, er lebt mitten unter ihnen, zu seinem Haus kann man von der Altstadt hinspazieren: eine Mittelklassestraße, mit geflicktem Pflaster und Kaugummi-Automaten.

Etwas Gehölz und eine Kastanie verbergen Wendelins Haus, das weiße Eisentor ist gar nicht mal so hoch, die Kamera gar nicht so fett. Wer sich nicht auskennt, keinen genaueren Blick in den Hof wirft, wo der Panamera steht, der ja erst im September auf den Markt kommt, der läuft einfach vorbei. "Er ist bescheiden", sagt eine Nachbarin.

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Streitschlichter und Mäzen

Kein böses Wort hört man in dieser Stadt über ihn, auch nicht am Wirtshaustisch vorm Falken, in der Altstadt. Nichts lassen sie dort auf Wendelin kommen.

Ist es denn nicht so, dass Wiedeking zu viel gewagt hat, Opfer seiner Unvernunft wurde? Nein, nein, schallt es vom Tisch zurück. Nur die Krise sei schuld. Und die konnte niemand voraussehen.

Aber hat Wiedeking im Laufe der Jahre nicht etwas abgehoben? Er soll ja wütend von einer Gala in Stuttgart weggerannt sein, weil er fürs Essen anstehen musste und Daimler-Chef Dieter Zetsche nicht. "Also hier stellt er sich in Reih und Glied." Kauft ganz brav Zwetschgenkuchen und bemerkt sogar, wenn es dem Bäcker mal nicht so gut geht. "Was'n los?" - "Ach, Ärger." - "Was für Ärger?" - "Ein Kunde." - Und dann, erzählen sie, hat Wendelin den Kunden angerufen, hat geschlichtet.

Viele solche kleinen Geschichten können die Bürger erzählen, die Dame vom Hospiz, der Wendelin einen Scheck über 60.000 Euro überreicht hat, der Mann im Polohemd, dessen Kind mit Wiedekings in einer Klasse war. Der Wendelin sei bei einer Radtour nach Freiberg mitgefahren: "Er ist gestrampelt wie alle anderen."

Nein, keiner will das zweite Gesicht des Wiedekings kennen, sein Aufbrausen, sein hartes Wesen. Sicher: Wes Brot ich ess', des' Lied ich sing. Aber ganz so einfach ist es nicht. Die meisten scheinen ihn wirklich zu mögen. Und dem Rest passt nicht, dass halb Deutschland auf einem von ihnen rumhackt. Sie verteidigen ihn schon aus Prinzip, selbst seine Peinlichkeiten: "Luxus und Stütze passt nicht zusammen", hat Wiedeking getönt - nun bittet er um Staatsmilliarden. "Das ist hier kein Thema", sagen die Bietigheimer. "Es geht um mehr."

Die Krise erreicht Bietigheim

Um die Stadt. Wie sehr alles wackelt, zeigt sich beim Eishockeyverein. Der ist gerade in der Zweiten Liga Meister geworden und verzichtet auf den Aufstieg. Hauptsponsor Porsche, auch wenn der Vereinssprecher das nie sagen würde, hat nicht helfen wollen.

Milliardenschulden und teure Eishockeyträume passen eben nicht zusammen, selbst wenn ein Wiedeking auf der Tribüne sitzt. Also fiel dieser Satz nicht: "Jungs, ihr kriegt 'nen Vertrag auf Jahre hinaus, und wir renovieren euch die marode Eishalle." Keiner der Sponsoren wollte das sagen. "Wir sind zum falschen Zeitpunkt Meister geworden", klagt Vereinssprecher Oliver Mayer.

Die Bietigheimer nehmen es hin. Sie wissen: Steigt Porsche aus, ist es mit dem Erfolg wohl eh vorbei. Und mit vielem anderen auch. "Wenn Wiedeking fällt, fällt auch Wunderland", glaubt ein Redakteur der "Bietigheimer Zeitung". Und einige Firmen seien doch nur wegen Wiedeking hier. "Aber offiziell redet da keiner drüber, vor allem nicht im Rathaus." Bürgermeister Kessing ärgern solche Aussagen. "Dieser Schwanengesang! Die sollten lieber schreiben: Junge, du packst das."

Doch das ist gar nicht nötig. In allen Variationen tönen einem in Bietigheim solche Sprüche entgegen: "Wendelin wird die richtige Antwort haben." - "Das stehen wir durch." - "Mit den Arabern drehen wir das Ding." Manchmal sagen es dieselben Leute, die sich eben noch vor dem Ende gefürchtet haben.

Ende des Übermaß'

Und so wogt die Stadt hin und her, zwischen Hoffen und Bangen, Trotz und Angst, ein guter König müsste nun eigentlich vor sein Volk treten, doch Wendelin schweigt, und so sprechen seine Freunde für ihn: Olymp-Chef Mark Bezner, dessen Hemden Wiedeking trägt. Und Norbert Lehmann, der mit Wendelin die Schuhfirma Dinkelacker besitzt.

Die beiden sind zwei der wenigen Bietigheimer, die Wendelin in den vergangenen Wochen gesehen haben. Sie wedeln jede Sorge weg. "Man merkt ihm keinen Ärger an", sagt Bezner. "Wendelin hält das aus, er ist stark genug", sagt Lehmann.

Und wenn nicht, so spielt es, bei Licht besehen, auch keine Rolle. So ist das nun mal, kein Königreich währt ewig. Ob jetzt oder später - Wendelin I. wird abdanken. Und die Stadt sich verändern. Sie wird kein Sanierungsfall. Nur mit dem Übermaß ist es dann vorbei. Und mit Sprüchen, wie man sie nur in Bietigheim zu hören kriegt: "In dieser Stadt", sagt Bäcker Eberhard Blatter, "gehört ein Porsche zum schwäbischen Understatement."

FTD

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