Börse Zinssenkungen verpuffen schnell


In einer konzertierten Aktion haben die weltweit wichtigsten Notenbanken die Leitzinsen gesenkt. Die Institute einigten sich auf eine Senkung um jeweils 0,5 Prozentpunkte. Damit liegt der Zins in der Eurozone jetzt bei 3,75 Prozent. An den zuvor taumelnden Börsen sorgte die Nachricht jedoch nur kurzzeitig für Entspannung.

Die wichtigsten internationalen Notenbanken greifen im Kampf gegen die Krise des globalen Finanzsystems durch. Völlig überraschend senkten Europäische Zentralbank (EZB), Federal Reserve, sowie die Notenbanken Großbritanniens, der Schweiz, Chinas und Kanadas am Mittwoch ihre Leitzinsen um bis zu 50 Basispunkte. Die japanische Notenbank nahm nicht an dem Coup teil. Für die EZB war es die erste Zinssenkung seit mehr als fünf Jahren. Eine gemeinsame Aktion von Fed und EZB gab es zuletzt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Mit dem an den Märkten erhofften Befreiungsschlag wollen die Notenbanken der strauchelnden Finanzwirtschaft Luft verschaffen und den Banken die Refinanzierung erleichtern. Die EZB senkte den Schlüsselzins für die Versorgung der Kreditwirtschaft in der Euro-Zone nach einer Telefonkonferenz der Gouverneure der wichtigsten Zentralbanken um 50 Basispunkte auf 3,75, die Fed nahm ihren Zielsatz für Tagesgeld auf 1,50 von zwei Prozent zurück. In Großbritannien, wo eigentlich erst am Donnerstag eine Zinsentscheidung auf der Agenda gestanden hätte, fällt der Leitzins auf 4,5 Prozent, die Schweizer Nationalbank kappte den Leitzins für die eidgenössische Kreditwirtschaft auf 2,5 Prozent.

An den Märkten sorgte die erhoffte gemeinsame Aktion nur für kurzes Durchatmen. Der Dax konnte seine Verluste zunächst deutlich eingrenzen. Nachdem er wegen zunehmender Rezessionsängste der Anleger zunächst um bis zu 8,6 Prozent eingebrochen war, lag er am Mittag nur noch rund ein Prozent im Minus bei 5295 Punkten. Doch es war nur ein kurzes Aufbäumen. Am Nachmittag lag der Index wieder 4,4 Prozent im Minus bei 5090 Punkten.

Merkel begrüßt "vertrauensbildende Maßnahme"

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die konzertierte Zinssenkung der Notenbanken begrüßt und als "vertrauensbildende Maßnahme" bezeichnet. Die gemeinschaftliche Aktion der Notenbanken sei ein Zeichen für die wirtschaftliche Kräftigung und damit hilfreich, sagte die CDU-Chefin am Mittwoch in Berlin. "Wir müssen ja alles daran setzen, damit die Realwirtschaft von der Finanzmarktkrise möglichst wenig betroffen ist", fügte sie hinzu.

Positive Resonanz gab es auch aus der deutschen Wirtschaft. "Dass die großen Notenbanken zusammenarbeiten, schafft Vertrauen", sagte der Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), Anton Börner, am Mittwoch. Die Zinssenkungen seien ein notwendiger Versuch, um die Finanzkrise in den Griff zu bekommen und den Schaden für die Realwirtschaft so gering wie möglich zu halten. Ähnlich äußerte sich der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). "Die Zinssenkung hilft den Unternehmen bei den Kreditkonditionen", sagte VDMA-Konjunkturexperte Olaf Wortmann. Positiv reagierten auch die Banken. "Die Notenbanken demonstrieren damit die Bereitschaft, alles Notwendige zu tun, um zu einer Stabilisierung der Märkte beizutragen", teilte der Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) mit.

Die US-Regierung sieht in der konzertierten Zinssenkung der weltweit wichtigsten Notenbanken einen nützlichen Schritt im Kampf gegen die Finanzkrise. "Es ist wichtig und hilfreich, dass die Zentralbanken abgestimmt gegen die Belastungen im Finanzsystem vorgehen", sagte Präsidialamtssprecher Tony Fratto am Mittwoch in Washington.

EZB bezeichnet Lockerung der Geldpolitik als Gebot der Stunde

Die EZB erklärte in Frankfurt zur Begründung der überraschenden Leitzinssenkung, durch die Eskalation der Finanzmarktkrise in den vergangenen Tagen hätten sich die Konjunkturrisiken verschärft. Deshalb sei in globalem Umfang eine Lockerung der Geldpolitik das Gebot der Stunde. Dies um so mehr, als der Inflationsdruck, der die EZB zuletzt von solchen Schritten abgehalten hatte, begonnen habe in einigen Ländern nachzulassen. Die EZB senkte auch die Zinssätze für die Banken bei ihr über nacht Geld anlegen beziehungsweise ausleihen können. Auch die Fed reduzierte ihren Diskontsatz, der den Banken Zugang zu Krediten bei der Notenbank erlaubt.

Das gemeinsame Vorgehen der großen Zentralbanken hatte sich in den vergangenen Tagen bereits angedeutet. Sowohl Fed-Chef Ben Bernanke als auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatten zuletzt Zinssenkungen nicht ausgeschlossen. Am Dienstag hatte dann die australische Notenbank mit einer überraschenden Kappung ihres Leitzinses um 100 Basispunkte den Anfang gemacht. Am Mittwoch folgte die Währungsbehörde von Hongkong, die ebenfalls einen solchen Schritt ankündigte.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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