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Börsenfusion Frankfurt/New York: Wall Street hat nur Angst vor Lederhosen

Früher sprühten die Amerikaner schon einmal Gift und Galle, wenn ein deutsches Unternehmen ein amerikanisches übernehmen wollte. Nun greift die Deutsche Börse nach der New York Stock Exchange - und die US-Börsenhändler fürchten höchstens eine neue Kleiderordnung.

Noch vor wenigen Jahren wäre das ein schwerer Schlag für die Wall Street gewesen: Ein deutscher Konzern greift nach der Zitadelle des amerikanischen Kapitalismus' und will sich die historisch bedeutsamste Börse des Kontinents, die New York Stock Exchange (NYSE), einverleiben. Aber mittlerweile, zwei Jahre nach dem Schock der Finanzkrise, stößt das Ansinnen spontan nur auf geringen Widerstand.

Die Händler auf dem Traditionsparkett verbinden mit dem möglichen Geschäft zwischen der Deutschen Börse und der NYSE Euronext ersten Reaktionen zufolge mehr Hoffnungen als Sorgen. "Sollten die Manager auch über eine Änderung der Kleidervorschriften reden, so muss ich warnen: Ich sehe in Lederhosen nicht gut aus", scherzt der 51-jährige Benedict Willis, der seit 25 Jahren auf dem New Yorker Parkett unterwegs und hier für den Börsenhandel von "Sunrise Securities" verantwortlich ist.

Gnadenlose Konkurrenten der Wall Street

Ted Weisberg von "Seaport Securities", der seit 40 Jahren ein Mitglied der Börse ist, betont die positiven Seiten der geplanten Fusion: "Wir hoffen, dass die Synergien so ausfallen, dass die Summe der Teile größer ausfallen wird als das Ganze", sagt er. Die Börsenhändler haben nervenzehrende Zeiten hinter sich, denn der elektronische Markt dominiert ihr Geschäft mehr denn je und links und rechts der Wall Street sind gnadenlose Konkurrenten an den Start gegangen. Die Aussicht darauf, Teil eines machtvollen transatlantischen Giganten zu werden, scheint unter diesen Bedingungen gar nicht so schlecht.

Auch kennen die Händler die lange Geschichte deutscher Investitionen im Herzen Manhattans: "Die Wall Street hat über mehr als hundert Jahre hinweg prominente deutsch-jüdische Banker erlebt", sagt der Finanzhistoriker Richard Sylla von der Universität New York. Zu den berühmtesten Persönlichkeiten der Finanzbranche zählt der in Deutschland geborene Paul Warburg, der 1918 ins erste Direktorium der New Yorker Notenbank einzog. Auch die Gründer der Investmentbanken Goldman Sachs und Lehman Brothers, Marcus Goldman und Henry Lehman, stammen aus der Heimat des künftigen NYSE-Mehrheitseigners. "Der deutsche Einfluss auf die Wall Street war lange Zeit stark", sagt Sylla.

Mit Gift und Galle gegen Übernahmen

Allerdings war die Gefühlslage nicht immer so positiv. Als die Deutsche Bank und Daimler-Benz Ende der 1990er-Jahre nach großen US-Konkurrenten griffen, sprühte die amerikanische Seite Gift und Galle. Im Falle der zehn Milliarden Dollar schweren Übernahme der New Yorker Bankers Trust durch die Deutsche Bank wurden die Aufsichtsbehörden aufgefordert zu prüfen, ob das Frankfurter Institut vom nationalsozialistischen Regime profitiert hat. Ähnliche Forderungen gab es, als Daimler den Traditionskonzern Chrysler übernahm.

Der Zusammenschluss der NYSE mit der europäischen Euronext im Jahr 2007 hat den Börsenplatz jedoch längst in eine internationale Institution verwandelt und damit den Boden für das jetzige Geschäft bereitet. "Es entsteht der weltweit größte Markt für Aktien und Derivate - das ist doch die Sprache, die wir sprechen, und diese Sprache ist überall gleich", sagt Veteran Willis. "Die Industrie entwickelt sich, aber wir sind noch immer da und handeln. Wir tun, was wir seit zweihundert Jahren tun."

Davon abgesehen fehlt es den New Yorkern schließlich auch nicht an Selbstbewusstsein: "Ich würde das nicht wirklich als eine deutsche Übernahme der größten Börse Amerikas betrachten", sagt Sylla gelassen. "Ich schätze, wenn es einen kulturellen Effekt gibt, dann den, dass die Amerikaner die Deutschen stärker beeinflussen als umgekehrt."

Basil Katz/Reuters / Reuters