Davos 2007 Zimmer mit Aussicht


Wenn von Dienstagabend an Regierungs- und Staatschefs in Davos aufeinandertreffen, finden die wichtigsten Begegnungen in einem Fünfsternehotel statt, dem Belvédère. 3000 Champagnerflaschen sind schon kalt gestellt.

Was ist der Unterschied zwischen einem Doppelzimmer mit Bad und einem Helikopterflug nach Zürich? Keiner. Zumindest für Hans Escher gibt es keinen, man kann ihn um beides bitten, und beide Wünsche wird er mit einem freundlichen Lächeln erfüllen. Der Zimmerschlüssel liegt im Fach hinter ihm, und der Helikopter, nun, den kann er bestellen, ein Anruf genügt. Genauso wie eine Limousine, einen Privatjet, einen Pelz aus London oder ein Parfüm aus Paris. Alles schon da gewesen, alles kein Problem. Wobei: Einen Unterschied gibt es dann doch. Das Zimmer kostet wenigstens 550 Franken, der Flug nach Zürich das Neunfache. Aber keine Sorge, Escher setzt ihn diskret auf die Rechnung.

Hans Escher ist Concierge im Steigenberger "Belvédère" in Davos, es ist sein Job, solche außergewöhnlichen Anfragen zu erledigen und dabei stets das gleiche, gelassene Sehr-gern-Gesicht zu machen.

In den nächsten Tagen, so steht es zu erwarten, dürfte sich das Verhältnis Helikopterflüge zu Zimmerschlüssel wieder einmal deutlich annähern, denn Davos wird die aufregendste Woche des Jahres erleben: Fünf Tage lang wird das World Economic Forum (WEF) in dem Schweizer Skiort stattfinden: 2400 Teilnehmer aus 90 Ländern werden erwartet, darunter 24 Staats- und Regierungschefs, 900 Spitzenmanager, 80 Minister, die halbe EU-Kommission und natürlich Bono und Peter Gabriel.

Sie werden reden, diskutieren, beraten, auf rund 230 offiziellen und zahlreichen informellen Treffen, über Klimawandel, Nahost und die festgefahrene Doha-Runde. In Restaurants, kleinen Bars und Hotelzimmern werden Manager über Kooperationen sprechen, sie werden Kontakte knüpfen, Leute abwerben und Deals vereinbaren, die vielleicht einmal Milliarden bewegen.

Und das Herz des ganzen Trubels und Treibens wird das "Belvédère" sein. Hier, in dem weißen 250-Betten-Palast, der über Davos thront, wohnen die meisten Staatschefs, die meisten Promis, hier allein gibt es rund 220 Veranstaltungen und Happenings, knapp die Hälfte davon privat. Wer feiert und etwas auf sich hält, feiert im "Belvédère".

Eigenlob in luftigen Höhen

So ist leicht nachzuvollziehen, dass Ernst Wyrsch, der Direktor, findet, er habe "den genialsten Hoteljob der Welt". "Es gibt viele schöne Hotels auf der Welt", sagt er. "Aber was in diesen fünf Tagen hier abgeht, ist Weltklasse."

Das Eigenlob in luftigen Höhen ist weniger Angeberei als ungetrübte Begeisterung. Schon mehrmals sind Bill Gates und Bill Clinton durch seine Lobby spaziert. Clinton umarmt ihn sogar, man kennt sich, im Jahr 2000 kam er als US-Präsident, mit 1500 Mann Entourage. Wie immer platzte Davos aus allen Nähten, es war kein Platz, und Wyrsch räumte für Clinton kurzerhand seine Wohnung. "Das war eine Ehre", sagt er, "das würden wir für jeden US-Präsidenten machen."

Vielleicht begann damals der endgültige Aufstieg des "Belvédère", denn davor, erinnert sich ein Kenner, sprach man eher über den "Seehof". Wyrsch, der seit zehn Jahren das Hotel leitet, hat das Haus jedenfalls zu dem gemacht, was es ist. Gut 3 Mio. Franken (1,85 Mio. Euro) Umsatz macht er allein während des WEF, im gesamten Jahr sind es 14 Mio. Franken (8,65 Mio. Euro).

Eine wichtige Woche also, ein Ausnahmezustand, den es perfekt zu organisieren gilt. "Vier Tage Davos ersparen mir vier Monate Reisezeit", hat VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch einmal zu Wyrsch gesagt.

Erstaunlich gelassen, ruhig geht es zu in den Tagen davor. Gut, seit dem Wochenende muss man das Hotel über eine Holztreppe an der Seite betreten, weil vor dem Eingang ein großes WEF-Zelt steht. Auch der Pool ist verschwunden, ein Gast, eingehüllt in einen weißen Flauschbademantel, sucht vergeblich nach ihm. Das Wasser wurde abgelassen, der ganze Wellnessbereich mit Planken und Brettern abgedeckt, Teppich drauf, fertig ist der Festsaal "Atlantis". Dort, wo einmal der Whirlpool war, ist eine Bühne, im Massageraum das WEF-Büro der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, im Fitnesscenter das der Consultants von McKinsey. Nur die Fußpilzdusche lugt verschämt in einer Ecke hervor.

Von Dienstag an wird das "Belvédère" ein Hochsicherheitstrakt sein. Stacheldrahtrollen und Scheinwerfer schützen die Rückseite, zahlreiche Kameras werden filmen, Scharfschützen auf dem Dach stehen, Spürhunde die Zimmer durchschnüffeln, die Gäste müssen wie am Flughafen durch eine Schleuse. Zusätzlich zu den 350 regulären Telefonleitungen werden über 200 weitere abhörsichere Verbindungen ins Haus geschaltet. Für das Hotel gibt es sogar ein eigenes Polizeikorps, das 24 Stunden am Tag im Einsatz ist.

Zeit für die letzten Detailbesprechungen. Tobias Homberger, der Eventmanager des Hotels, weist 20 Kollegen ein. Wie viele Gäste kommen zu welchem Event? Hat ein Unternehmen einen neuen CEO? Auf seiner Liste steht auch "Namen merken" und dann "Prof. Schwab", der Gründer des WEF. Man spricht über Schinkenkipferl, Birchermüesli und Kaffeepausen, und irgendwann fallen auch Worte wie "Lunch Israel/Palästina". Dann ist wieder die große Welt zu spüren, die in wenigen Stunden einfallen wird.

Personal verdoppelt

Für die WEF-Tage wird die Hotelcrew von 120 Mitarbeitern um 130 aufgestockt, sie werden 20 Stunden am Tag arbeiten und 750 Frühstücke, 1200 Mittagessen und bis zu 2500 Abendessen servieren. 3000 Champagnerflaschen sind kühl gestellt, allein am Freitag um 18 Uhr sind acht Cocktailempfänge gleichzeitig. "In diesen Tagen platzen wir aus allen Nähten", sagt Wyrsch.

In seiner Hand hält er einen 60 mal 40 Zentimeter großen Wochenplan, oben stehen die Tage, an der Seite die Räume, in denen sich die Kunden - in der Regel im Zwei-Stunden-Takt - eingebucht haben: PricewaterhouseCoopers, McKinsey, Goldman Sachs, Allianz. Manchmal ist nur eine Stunde Zeit für den Umbau.

Schließlich hat jeder Kunde seine speziellen Wünsche. Für die ist Tobias Homberger zuständig. Über Monate spricht er alle Details ab, Dekoration, Technik, Getränke, Essen. Schwarzes Risotto mit weißen Trüffeln, weißes Risotto mit schwarzen Trüffeln, Eisgranulat, Suppen in Schnapsgläsern, ein Kunde will Mini-Hamburger, der andere nur Hummer. "Wir machen das maßgeschneidert", sagt Homberger. Google etwa möchte alles im Corporate Design, die kleinen Küchlein mit Schoko- oder Vanillefüllung werden deshalb eine Glasur in Google-Farben bekommen, serviert auf einem Tablett mit Leuchtstreifen. Die New York Stock Exchange wiederum hätte gern alles in NYSE-Blau, auch die Martinis, also wird es den Longdrink mit blau eingefärbten Plastikeiswürfeln geben.

Probleme wird, darf es nicht geben. "Dafür haben wir eine Eingreiftruppe", sagt Wyrsch, "das ist wie im Showbusiness, die Zuschauer bekommen das nicht mit." Einmal zum Beispiel, und wieder geht es um Bill Clinton, gab der ehemalige US-Präsident eine Superbowl Party. Aus irgendeinem Grund bekam man den amerikanischen Sender nicht rein. Ein Football-Endspiel mit einem deutschsprachigen Reporter war jedoch undenkbar. Also wurde per Helikopter eigens ein Techniker eingeflogen, der alles löste.

Ein anderes Mal stand plötzlich Jack Welch in Wyrschs Büro. Der legendäre ehemalige Chef von General Electric fragte freundlich nach einem Zimmer, um mit ein paar Managern in Ruhe zu reden. Und Wyrsch sagte: "Jack, feel free, take my office." Es sei diese Informalität, sagt Wyrsch, die den "Spirit of Davos" ausmache, die Nähe, das "Sticking Together", das Eingeschlossensein im Skiort, die vier Staatsoberhäupter in zwei Sofaecken, die Lackschuhe im Schnee.

430 Mio. Franken für neue Hotelprojekte

Deshalb sei Davos auch der einzig denkbare Austragungsort für das Wirtschaftstreffen - nur einmal, nach den Anschlägen vom 11. September 2001, fand das Forum in New York statt. Immer wieder aber gab es Überlegungen, das WEF an einen anderen Ort zu verfrachten, nach Salzburg etwa. Es gebe zu wenig Luxushotels in Davos, lautet die Kritik, das Kongresszentrum, ein schäbiger, verschachtelter Betonbau, sei zu klein. Das Bergdorf rüstet deshalb auf: Das Kongresszentrum wird nach und nach renoviert. 430 Mio. Franken fließen in vier neue Hotelprojekte, laut einer Umfrage des Schweizer Wirtschaftsmagazins "Cash" haben die 17 bestehenden Vier- und Fünf-Sterne-Häuser seit 2000 über 100 Mio. Franken investiert. Wyrsch will bis zu 20 Mio. für den Ausbau des "Belvédère" springen lassen.

Die zusätzliche Konkurrenz bereitet ihm keine Sorge: "Das ist für uns und Davos überlebenswichtig. Wenn ein Luxushotel aufgeben sollte, hätte das WEF einen Grund wegzugehen. Die Konkurrenz stachelt uns an."

Und so nimmt er die wichtigste Woche des Jahres in Angriff. Fünf Tage mit durchschnittlich drei Stunden Schlaf. Und am Sonntag? "Da können wir nicht ins Bett gehen", sagt Wyrsch. Neue Gäste werden kommen, ab 18 Uhr wird der Pool wieder geöffnet sein.

von Horst von Buttlar FTD

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