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Meinung

Aufsichtsrat entlastet: Die Deutsche Bank steckt tief in der Krise - und die Aktionäre machen es nur noch schlimmer

Die Deutsche Bank ist im Krisenmodus. Mit einem überraschend guten Ergebnis entlasten die Aktionäre den Aufsichtsratschef Achleitner. Das zeigt, wie schlimm es um die Deutsche Bank bestellt ist – und wie fahrlässig Aktionäre mit ihrem Eigentum umgehen.

Von Lukas Zdrzalek

Deutsche Bank

Die Deutsche Bank steckt in der Krise - und die Aktionäre gehen verantwortungslos mit ihrem Eigentum um.

Der kleine Triumphzug des Paul Achleitner beginnt gegen halb acht am Donnerstagabend. Achleitner hat gerade die Hauptversammlung der Deutschen Bank beendet, schlendert die ein halbes Fußballfeld lange Bühne hinab in den Zuschauerraum, da trifft der weißhaarige Manager im Zuschauerraum auf einen Mann mit langen, dunkeln Haaren: einen Achleitner-Fan.

Der Mann will in der Frankfurter Festhalle nicht nur ein Foto mit dem Chefaufseher der Deutschen Bank, er will auch ein Autogramm. Achleitner nimmt sich die Zeit. Am Morgen vor der Hauptversammlung hätten die Medien wohl noch geschrieben: Es ist Achleitners letzter Fan.

Das muss man jetzt korrigieren: Paul Achleitner hat immer noch erstaunlich viele Fans.

Die Aktionäre von Deutschlands größter Bank haben Achleitner am Donnerstagabend mit 71 Prozent entlastet, eine vor allem symbolische Wahl, die signalisiert, wie zufrieden oder unzufrieden die Investoren mit dem Management sind. Gleichzeitig haben mehr als 90 Prozent der Anleger einen Antrag abgelehnt, der Achleitners Abwahl vorsah.

Aktionäre gehen fahrlässig mit ihrem Eigentum um

Gleich nach der Wahl streuen Deutsche-Bank-Leute, dass sie selbst von der hohen Zustimmung überrascht seien. Klar, das ist der Spin, den die Bank an diesem Abend setzen will: Schaut her, Achleitner hat kein Problem – auch wenn ihn diesmal weniger Aktionäre als im vergangenen Jahr entlastet haben.

Aber: Der Spin hat einen wahren Kern – und genau das ist das Problem, weil Paul Achleitner eines der Probleme der Blaubank ist. Und am Donnerstagabend ist ein weiteres hinzugekommen: der fahrlässige Umgang der Aktionäre mit ihrem Eigentum.

Was wurde im Vorfeld dieser Hauptversammlung nicht alles geschrieben: Großaktionäre sollen eine Nachfolge-Regelung für Achleitner ins Spiel gebracht haben, einflussreiche Spezialberater – die Großinvestoren bei ihren Wahlentscheidungen helfen – empfahlen, ihn nicht zu entlasten. Schließlich ist der Österreicher Achleitner bereits seit 2012 Chefaufseher.

Die strategischen Volten der Bank in dieser Zeit? Zahlreich. Der Aktienkurs? Ein einziges Debakel, seit Achleitners Amtsantritt ist der Kurs um 75 Prozent abgestürzt. Die Hoffnung auf Besserung? Wurde immer wieder enttäuscht. Achleitners Erfolge bei anderen Finanzhäusern? Spiegel Online schrieb vor kurzem, seine Bankenfusionsvergangenheit ziehe eine Blutspur durch das deutsche Finanzgewerbe.

Verantwortung ist zum Trend verkommen

Und jetzt? Selbst 20 Prozentpunkte weniger hätten gereicht, damit Achleitner entlastet worden wäre. Die 71 beziehungsweise 90 Prozent sind ein Erfolg, jedenfalls gemessen an der Erwartung, dass es diesmal aber wirklich eng werden könnte für Achleitner. Sie sind damit gleichzeitig eine Enttäuschung.

In diesen Tagen redet die deutsche Finanzbranche gerne über die Verantwortung, die sie für ihre Investitionen und Anlageentscheidungen trägt. Fondsgesellschaften schicken ihre Leute deshalb liebend gern auf Hauptversammlungen, damit ihre Leute dort messerscharf geschliffene Reden halten. Das ist ja auch schön öffentlichkeitswirksam. Bloß ist Verantwortung zum Trend verkommen. Das tatsächliche Handeln ist nicht messerscharf, es ist zu oft wattig-weich.

Klar, es gibt den Fall Bayer, als die Aktionäre vor wenigen Wochen Vorstandschef Werner Baumann nicht entlasteten – zum ersten Mal erwischte es einen amtierenden Chef eines Dax-Konzerns. Aber jetzt haben viele Anleger offenbar wieder Angst vor der eigenen Courage.

So geißelte eine Rednerin der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment: "Die Deutsche Bank wird nicht für die Aktionäre geführt". Wer als Investor zu solch einem Fazit kommt, kann daraus nur einen einzigen Schluss ziehen: Nicht für die Entlastung zu votieren.

Deutsche Bank, Tom Tailor und Co.: Das sind die zehn schlimmsten deutschen Börsenflops des Jahres
Platz 10: Deutsche Bank  Die Deutsche Bank ist das größte Schwergewicht und das einzige Dax-Unternehmen in der Flop-Liste. Binnen eines Jahres verlor die Aktie 55,7 Prozent an Wert, auf Sicht von fünf Jahren waren es minus 74,6 Prozent. Derzeit wird über einen Zusammenschluss mit der Commerzbank diskutiert.

Platz 10: Deutsche Bank

Die Deutsche Bank ist das größte Schwergewicht und das einzige Dax-Unternehmen in der Flop-Liste. Binnen eines Jahres verlor die Aktie 55,7 Prozent an Wert, auf Sicht von fünf Jahren waren es minus 74,6 Prozent. Derzeit wird über einen Zusammenschluss mit der Commerzbank diskutiert.

DPA

Der Aufstand blieb aus

Schließlich gehört eine Aktiengesellschaft wie die Deutsche Bank nicht dem Management, sondern den Anlegern. Es wäre gerechtfertigt gewesen, wenn die Investoren zumindest Achleitner nach vielen glücklosen Jahren nicht entlastet hätten.

Bloß entschied sich Union Investment für das Gegenteil: Die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken stimmte für die Entlastung, die Gründe blieben nebulös. Der US-Fonds- und ETF-Riese Blackrock – immerhin größter Vermögensverwalter der Welt – delegierte seine Verantwortung lieber an eine spezielle Stimmrechtsfirma.

Zwar wird wegen der kritischen Reden jetzt über einen vermeintlichen Aktionärsaufstand von Frankfurt geschrieben, aber in Wahrheit blieb er eben aus.

Ein Kleinaktionär beschwerte sich sogar darüber, dass der Geschäftsbericht nicht mehr gedruckt werde, sondern nur noch online verfügbar sei (die Bank druckt ihn aus Umweltgründen nicht mehr). Ein anderer wollte wissen, warum das Institut den Aktionären kein kostenloses Ticket mehr für den Frankfurter Nahverkehr stellt, um zur Hauptversammlung anzureisen.

Paul Achleitner doziert seiner Bank gerne, sie habe kein Strategie-, sondern ein Umsetzungsproblem, man solle das Geldhaus einfach mal weiter an sich arbeiten lassen. In Wahrheit haben die Aktionäre das Umsetzungsproblem, weil sie sich nicht aufraffen können, einen der Hauptschuldigen für ihre Pein abzuwählen – und ihn stattdessen weiter wurschteln lassen

Den Investoren fehlt der Mut, ihre Geduld ist gigantisch groß. Dabei sind viele Probleme des Geldhauses weiter ungelöst, die Tumore wuchern weiter. Die Bank gab beim Aktionärstreffen etwa das Ziel aus, die Eigenkapitalrendite der Bank müsse mittelfristig zehn Prozent betragen. Das klingt zwar wie ein Tagtraum, weil die Bank zuletzt nur gut 0,5 Prozent erreicht hat, sie also eine Verzwangizgfachung plant.

Aber das Geldhaus muss dieses Ziel erreichen, weil ihre Kapitalkosten je nach Unternehmensbereich zwischen 8,8 und 9,8 Prozent liegen. Zwar ist das Geldhaus zu „tiefen Einschnitten“ bereit, was vor allem das umstrittene Investmentbanking treffen dürfte. Aber es bleibt bislang nicht nur nebulös, wie das Geldhaus konkret vorgehen will, sondern auch, ob das Geldhaus die vollmundigen Versprechen diesmal einhält, sie überhaupt einhalten kann – und würde voraussetzen, dass Achleitner weniger nachlässig als bisher agiert.

Der Triumphzug des Aufsichtsratschefs ist am Donnerstagabend noch nicht vorbei, nachdem er das Autogramm geschrieben hat. Achleitner schlendert geradewegs hinein in die Traube der übrig gebliebenen Journalisten – und das regelrecht siegestrunken. Angesprochen auf sein Wahlergebnis, sagt er Sätze wie: "Wenn Sie diese Art von Demokratie wollen, können sie nicht 99 Prozent erwarten".

Und er legt nach: „Wir müssen wegkommen von den kommunistischen Wahlergebnissen“. Am Mittwoch hatten die Commerzbank-Aktionäre das Management mit fast 100 Prozent entlastet. 

Ihr habt das Management, das Ihr verdient

Achleitner stimmt selbstzufrieden sogar zu, dass die Journalisten diese und andere Sätze zitieren dürfen – gleichwohl die Sheriffs aus der Bank-Pressestelle schon Minuten später versuchen, das Kurz-Interview zu einem Hintergrundgespräch zu etikettieren, aus dem die Journalisten nicht zitieren dürfen. Aber da ist es schon zu spät, die ersten Medienvertreter haben die Worte in die Weltöffentlichkeit gepustet.

Man kann Achleitners Sätze als Arroganz eines Mannes interpretieren, der lieber bescheiden auftreten sollte, nachdem er seinem Abgang mal wieder und sogar überraschend deutlich entkommen ist. Oder man kann sie als Sätze eines Managers lesen, der seine Aktionäre offenbar sehr genau kennt, der weiß: Die wollen es doch so.

Beobachter können den Aktionären der Bank nur zurufen: Die Malaise dieser Ex-Institution ist keineswegs nur die Folge von schlechten Führungskräften – sondern auch von Eurer Inkonsequenz. Ihr habt das Management, das Ihr verdient. 

Dieser Kommentar erschien zuerst bei den Kollegen des Wirtschaftsmagazins Capital.