Energieverteilung Bush prangert "Öl-Sucht" an


"Wir sind süchtig nach Öl" - mit dieser Feststellung hat Präsident George W. Bush bei seiner Rede zur Lage der Nation die Umweltschützer elektrisiert. Doch jede Hoffnung auf einen Sinneswandel der US-Regierung war verfrüht.

Sollte der Spross einer millionenschweren texanischen Öldynastie die Zeichen der Zeit erkannt haben und nun auf alternative Energien setzen? Die Euphorie wich schnell der Ernüchterung. Zum einen setzt US-Präsident George Bush auf Ausweitung der Atomenergie, ein rotes Tuch für Umweltschützer, zum anderen hat die Regierung wenig in petto, um die Öl-Abhängigkeit zu reduzieren.

Ständig neue Import-Rekorde

Präsident Bush ist mit seiner Forderung nach Entwöhnung vom schwarzen Gold in guter Gesellschaft. Präsident Richard Nixon versprach 1971, die USA innerhalb von zehn Jahren in puncto Energie autark zu machen. Präsident Jimmy Carter sagte 1979, die US-Ölimporte würden ab sofort stetig sinken. Seitdem schlagen die Importe jedes Jahr neue Rekorde: nach Angaben des Energieministeriums von 2,4 Milliarden Barrel 1979 auf 3,7 Milliarden Barrel 2004. Während die USA 1995 noch 44,5 Prozent ihres Bedarfs importierten, sind es heute 58 Prozent.

Die Einfuhren aus dem Persischen Golf machen rund 18 Prozent der amerikanischen Ölimporte aus. Die größten Lieferanten sind nach Angaben des Energieministeriums Kanada und Mexiko mit je 1,6 Millionen Barrel pro Tag, gefolgt von Saudi-Arabien und Venezuela. Die Menge aus dem Persischen Golf will Bush bis 2025 um 75 Prozent reduzieren. Vor Ölpreisschocks feit das die USA aber nicht, warnen Experten. "Selbst wenn wir kein Barrel Nahost-Öl einführen aber unsere Verbündeten weiter davon abhängig sind, würde jede Lieferunterbrechung sämtliche Preise in die Höhe treiben", sagte Lawrence Goldstein vom Institut "Petroleum Industry Research Foundation", der "New York Times".

Ewiger Tipp: Energie sparen

Mehr brächte es, Energie zu sparen und den Bedarf stärker aus erneuerbaren Energien zu speisen, sagt Anne Korin, die die "Koalition zur Befreiung Amerikas von Ölimporten" leitet. Für Alternativen will Bush zwar Forschungsgelder locker machen, aber nur im dreistelligen Millionenbereich. Ein Tropfen auf den heißen Stein, findet der Energie-Experte des Brookings-Instituts, David Sandalow. Ölfirmen können etwa in den nächsten fünf Jahren zwei Milliarden Dollar für neue Förderprojekte von der Steuer abschreiben. Immerhin sei Bushs Vorstoß, Alternativ-Benzin wie Ethanol zu fördern, aber lobenswert.

Rund 44 Prozent des amerikanischen Ölbedarfs schlucken die amerikanischen Autos in Form von Benzin. Die höchst populären Geländewagen (SUV) mit einem Marktanteil von rund 25 Prozent brauchen oft mehr als 20 Liter auf 100 Kilometer. Bezahlbar ist das dank der Spottpreise für Benzin. Die Mineralölsteuer liegt bei unter zehn Cents pro Liter - verglichen mit 65 Cents in Deutschland.

Höhere Bezinsteuer ist tabu

Die Menschen durch eine höhere Mineralölsteuer zur Sparsamkeit zu erziehen, ist für Verfechter des "freien Marktes" in der Regierung aber tabu. Vizepräsident Richard Cheney sagte in einem Radio-Interview nach Bushs Rede: "Die Menschen sollen selbst entscheiden, welche Autos sie fahren wollen und wie oft sie tanken wollen. Dass wir von Regierungsseite die Schmerzgrenze (durch Steuererhöhungen) ändern - dagegen würden wir uns stemmen." Auflagen für sparsamere Motoren fallen demselben Denkmuster zum Opfer. Ein Gesetzentwurf, der den schwer angeschlagenen Autoherstellern Kreditgarantien und Steuergeschenke in Aussicht stellt, wenn sie mehr Autos mit Alternativ-Antrieb bauen, hat keine Mehrheit im mehrheitlich republikanischen Kongress.

Der Anteil erneuerbarer Energien am US-Gesamtverbrauch macht gerade sechs Prozent aus, weniger als Atomstrom (acht Prozent). 40 Prozent des amerikanischen Energiebedarfs werden aus Erdölprodukten gespeist, 23 Prozent aus Naturgas und 23 Prozent aus Kohle. Eine Vorgabe, dass Versorgungsunternehmen einen bestimmten Teil ihres Bedarfs aus erneuerbaren Energien decken müssen, kippte die Regierung im vergangenen Jahr, und das Budget des Labors für erneuerbare Energien bei Denver wurde gerade um 15 Prozent gekürzt.

Christiane Oelrich/DPA DPA

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