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Esprit: Dieser Junge näht Ihr Hemd

Erst beim Otto-Konzern, jetzt bei Esprit. Der stern deckt einen neuen Fall von Kinderarbeit auf und schildert, wie das schmutzige Geschäft mit den kleinen Sklaven funktioniert.

Von Dan McDougall und Jan Boris Wintzenburg

Mohammed ist hungrig und müde. Er kauert auf dem Fußboden eines engen Zugabteils im "Sampoorna Kranti Express". Gleich werden die Waggons von Patna, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Bihar, in Richtung der 13-Millionen- Metropole Neu-Delhi rumpeln. In 20 Stunden werden rund 800 Kilometer Eisenbahnfahrt Mohammed von seinen Eltern trennen. Mohammed ist zehn Jahre alt. Die acht Jungen, keiner von ihnen älter als 14, werden begleitet von Rakesh, ihrem Aufpasser. Wenn Fremde ihn fragen, lügt er, er sei der Vater der Kinder.

Was Rakesh tut, ist kriminell - auch in Indien: Er hat die Kinder am Bahnhof von Patna gekauft, um sie in der Hauptstadt Neu-Delhi als billige Arbeitskräfte weiterzuverscherbeln. Die Jungen sind bestimmt für die boomende Bekleidungsindustrie der Stadt. Kinder sind dort schlicht ein Kostenvorteil im globalen Standortwettbewerb. Sie arbeiten für ein Fünftel dessen, was ein sowieso nicht gut bezahlter indischer Näher nach Hause bringen würde - wenn sie überhaupt bezahlt werden. Kinder sind billig, willig und dank Rakesh und dem Sampoorna Kranti Express auch unbegrenzt verfügbar. Kinderarbeit ist immer Handarbeit: Vieles, was sich in den großen, nach westlichen Standards überwachten Textilfabriken der Stadt nicht maschinell produzieren lässt, landet in den meist finsteren Baracken stinkender Slums. Die Gewinnspanne für die Organisatoren dieses kommerziellen Kindesmissbrauchs ist dabei am größten. In den Slums nähen und besticken die Kleinen 14 Stunden und mehr Hemden und T-Shirts - fernab sozialer Standards und staatlicher Kontrollen.

Kinderarbeit hat nicht unbedingt etwas mit Billigware zu tun: Auch für renommierte deutsche Modemarken wird in dreckigen Löchern Ware produziert, die dann über Zwischenhändler in Deutschlands Edelboutiquen und Markenkatalogen landet. Vor vier Monaten beschrieb der stern, wie Kinder modische T-Shirts für den Heine-Versand (gehört zum Otto-Konzern, siehe stern Nr. 6/2007) bestickten. Jetzt trifft ein neuer Fall die Marke Esprit, deren Läden sich in den besten Lagen vieler Innenstädte befinden: Sommerliche Damen- Tops im Ethno-Look, zurzeit bei Esprit im Angebot, wurden unter unmenschlichen Bedingungen von Jungen im Kindesalter verziert. Von Jungen, wie sie Rakesh verkauft und die von ihrem Schicksal bis zuletzt nichts ahnen. Rakesh weigert sich sogar, den Jungen zu sagen, wohin ihre Reise geht. Wenn sie ihn fragen, bedroht er sie mit seinem Messer. Mohammed hat Angst vor ihm.

Gerade eine Woche ist es her, da sprach ihn in seinem Heimatdorf Ragarpura im Bezirk Sitamahri ein lustiger junger Mann an. "Sadiq war ein Spaßvogel", erinnert sich Mohammed. "Er versprach uns, Filme zu zeigen. Und er wollte uns Süßigkeiten geben - wenn wir mit ihm nach Delhi fahren und zwei Stunden am Tag leichte Arbeiten erledigen." Für die Jungen klang das nach großer, weiter Welt, Abenteuer und Luxus. Der Bundesstaat Bihar, in dem sie aufwuchsen, ist die ärmste Region Indiens. 83 Millionen Einwohner, etwa so viele wie in Deutschland, leben dort entlang dem Fluss Ganges. Bihar gilt als Wilder Westen Indiens: Überschwemmungen, Hunger und Arbeitslosigkeit sind Alltag, Entführungen ein florierender Wirtschaftszweig. Immer wieder terrorisieren Rebellengruppen die Bevölkerung. All das muss man wissen, um zu verstehen, wieso Kinder wie Mohammed so einfach zu begeistern sind. Mithilfe der Kinder überzeugte der lustige Sadiq dann auch die Eltern. Er gab ihnen ein paar Rupien, umgerechnet etwa zehn Euro pro Kind, und versprach, Mohammed und die anderen würden aus Delhi weiteres Geld schicken. Schon am nächsten Tag marschierte die Truppe mit ihrem Rattenfänger freudig Richtung Patna. So erzählt es Mohammed.

Der Traum wird platzen

Inzwischen ahnt er, dass sein Traum von der süßen Zukunft platzen wird. Am Bahnhof von Patna kaufte Rakesh die Gruppe. Die Angst begann. Doch ein Zurück gibt es nicht: Auf Bihars Straßen sind es sechs Stunden bis nach Ragarpura, und Rakesh passt auf, dass "seine Kinder" nicht zurück zu Mama und Papa laufen. In einer Ecke des Abteils sitzt Sikandar. Mit 14 ist er der älteste der acht Jungen, und er weiß, was sie erwartet. Vor fünf Jahren war er das erste Mal in Delhi. Mehrmals wurde er dort von der Polizei aufgegriffen und wieder nach Hause geschickt. Arbeit für Kinder unter 14 Jahren ist in Indien seit dem "Child Labour Act" von 1986 verboten. Inoffiziell, so schätzen Hilfsorganisationen, arbeiten trotzdem 40 Millionen indische Kinder zwischen 5 und 14 Jahren. Bisher wurden erst in 4000 Fällen Arbeitgeber wegen Verstoßes gegen das Gesetz verurteilt, die meisten nur zu einer Geldstrafe von umgerechnet knapp vier Euro. So steht es in einem gemeinsamen Bericht einer indischen Handelskammer und der International Labour Organisation. Laut Vereinten Nationen trägt Kinderarbeit rund 20 Prozent zum indischen Bruttosozialprodukt bei.

Diese Statistiken kennt der 14-jährige Sikandar nicht. Er hat nur seine eigenen Erfahrungen. Den anderen Jungen hat er sie bisher verschwiegen: "Als ich einmal an meinem Arbeitsplatz eingeschlafen bin, habe ich die schlimmsten Prügel meines Lebens bekommen. Der Besitzer ist mit einem Hammer auf mich losgegangen." Sikandar zeigt auf seinen vernarbten Arm und den rechten Ellenbogen, den er nie wieder strecken kann. "Sie denken, ich bin verrückt, weil ich zurück nach Delhi will. Aber diesmal bin ich älter, ich werde es länger aushalten. Viele von diesen Kindern werden gezwungen. Ich gehe freiwillig. In Bihar gibt es für mich keine Chance."

Etwa 80 Kinder sind an diesem Abend in dem Nachtzug, der wie immer gegen 22 Uhr den Bahnhof von Patna verlässt und ohne Halt nach Neu-Delhi fährt. Die meisten von ihnen werden sich am nächsten Tag in einem der Slums wiederfinden. In Elendsvierteln wie dem an der Grenze zum benachbarten Bundesstaat Haryana: In einem niedrigen eingeschossigen Gebäude aus Lehmziegeln sitzt Shoaib gebückt über einem Nährahmen. Zusammen mit einem Dutzend anderer Kinder befestigt er winzige Perlen und Pailletten auf olivgrünen Damen-Tops. Etwa 1000 der noch unverzierten Leibchen liegen in Kartons, die an der Wand stehen. Sie alle tragen bereits das leuchtend rote Logo "EDC by Esprit" und sollen bald in den durchgestylten Läden des deutsch-chinesischen Bekleidungsmultis Esprit an die modebewusste Kundin gebracht werden. Preis an der feinen Hamburger Mönckebergstraße, wo der stern eines der Teile wiederfand: 25,95 Euro.

"Ich muss den Betrag abarbeiten"

Schweiß steht auf Shoaibs Stirn, als er Perle um Perle annäht. Draußen sind an diesem Tag 42 Grad Celsius, die Luft in dem dunklen Raum steht. Shoaib sagt, er sei elf Jahre alt. Auch er stammt aus dem Distrikt Sitamarhi in Bihar. Auch er kam mit dem Zug aus Patna. "Mein Vater hat Geld für mich bekommen", erzählt er. "Der Besitzer der Werkstatt hat mir gesagt, ich muss den Betrag abarbeiten, bevor ich wieder nach Hause darf." Doch in den vergangenen vier Monaten hat Shoaib keine einzige Rupie zurückzahlen können. "Ich sei noch in der Ausbildung, sagt der Aufseher. Deswegen arbeite ich ohne Bezahlung", erzählt er.

Sein Aufseher nennt sich Gupta und hat ein Mobiltelefon für den Kontakt zum Chef und einen Schlagstock für den mit den Kindern. Er findet ihre Situation in Ordnung: "Ihr Westler versteht das nicht: Die Arbeiter sind freiwillig hier und glücklich. Wir geben Ihnen Linseneintopf und Reis zu essen, und sie haben einen komfortablen Fußboden, um zu schlafen." Kailash, etwa zwölf Jahre alt, klingt überhaupt nicht glücklich, als er von den letzten Tagen berichtet, während Gupta sich per Telefon neue Anweisungen holt. "Wir arbeiten lange und hart. Sie sagen uns ständig, dies wäre ein wichtiger Auftrag für Übersee. Letzte Woche haben wir vier Tage am Stück von sechs Uhr morgens bis drei Uhr nachts gearbeitet. Ich bin dabei eingeschlafen, und Gupta hat die anderen Jungen dazu gezwungen, mich zu schlagen und zu bespucken", flüstert Kailash. Tränen laufen über seine staubigen Wangen. Gut 6000 Kilometer weiter sitzt Esprit- Chef Thomas Grote im vierten Stock der deutschen Firmenzentrale in Ratingen bei Düsseldorf. Das Gebäude ist lichtdurchflutet, viele Wände sind aus Glas. Am Eingang erhebt sich das Esprit-Logo in den rheinischen Himmel. Es ist das gleiche Rot wie auf den Etiketten der Tops, die Shoaib, Kailash und all die anderen Kinder in den Slum-Baracken bestickt haben.

"Das passt nicht zur Marke"

Grote blickt betrübt auf die mitgebrachten Fotos und ein halb fertiges Hemd und reagiert professionell. "Das, was hier passiert ist, das geht gar nicht. Mit diesem Partner werden wir nicht mehr arbeiten", sagt er, "das passt überhaupt nicht zu unserer Marke, zu dem, was unsere Gründer Doug und Susy Tompkins wollten." Die beiden Amerikaner verkauften 1968 unter dem Namen Esprit in den USA die ersten Hemden aus einem mit Flower-Power-Symbolen bemalten VW-Bus. Danach wechselte die Marke mehrfach die Besitzer, bis sie bei dem chinesischen Investor Michael Ying landete. Inzwischen ist Esprit an der Börse von Hongkong notiert und etwa elf Milliarden Euro wert. Die Designabteilung und ein Teil der Verwaltung sitzen in Deutschland. "Wir verkaufen weltweit im Jahr 170 Millionen Kleidungsstücke", erklärt Grote. Anhand der Produktnummer S40762 kann er in Minuten feststellen: "Dieses Top ist genau 28.597-mal produziert worden. Das ist für uns eine mittlere Stückzahl." Das heißt auch: 28.597-mal haben Shoaib und die anderen rund 200 winzige Perlen von Hand auf den Baumwollstoff genäht, damit sie das Dekolleté westeuropäischer Käuferinnen zieren.

Auf seinen Internetseiten präsentiert sich Esprit als sozialer Vorreiter. Unter dem Bild von zwei kleinen blonden Mädchen, die mit Engelsflügeln über eine Blumenwiese tollen, berichtet der Konzern von seiner Verantwortung für die Gesellschaft, über die Bedeutung der Mitarbeiter und sein Eintreten für "die Menschenrechte und soziale Mindeststandards". "Wir dachten, wir hätten eine lückenlose Kette", sagt Grote. "Wir haben Verträge, die Kinderarbeit ausdrücklich ausschließen, die verbieten, dass unsere Waren überhaupt in Fabriken gelangen, die nicht von unseren Technikern besucht und kontrolliert worden sind. Wir sind eindeutig betrogen worden."

Design von Esprit entwickelt

Die Kette, in der dieser "Betrug" passiert sein soll, ist überraschend kurz: Esprit hat das Design für das Top selbst entwickelt. Der langjährige Partner in Indien, die Agentur Impulse, hat vor Ort den passenden Produzenten gesucht, den Auftrag vergeben und die Waren am Ende abgenommen und kontrolliert. Auftragnehmer war die Firma Matrix, ein indischer Milliardenkonzern, der für viele große Textilmarken arbeitet. Matrix hat das Top genäht, die Verzierung aber an die Firma Ritu Hand Embroidery vergeben. Alle drei Firmen sitzen in Neu-Delhi. Oder besser: saßen. Nachdem der stern Esprit und der Textilhändler die Produzenten mit dem Vorwurf der Kinderarbeit konfrontiert hatten, löste sich die Firma Ritu innerhalb weniger Tage auf. Zurückblieben leere Büros und leere Werkstätten - darunter ein niedriges Lehmgebäude, in dem die Kinder gelebt und gearbeitet hatten. Matrix- Mitarbeiter fanden es kurze Zeit später. Ihre Vermutung: "Die haben längst am anderen Ende von Neu-Delhi einen neuen Sweat Shop aufgemacht."

Nachtrag: Inzwischen hat Esprit eines der Kinder, die für den Konzern gearbeitet haben, gefunden. Bhagya Nayaran ist laut zahnmedizinischem Gutachten "etwa 15 Jahre alt" - ein legaler Arbeiter nach indischem Recht. Trotzdem will Esprit nun seine Ausbildung bezahlen. Aber Bhagya Nayaran ist nur ein Kind, eines von 40 Millionen.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(