EZB-Zinserhöhung Trichet spricht ein Machtwort


Europas oberster Notenbanker Trichet überraschte die Finanzmärkte mit der fast schon sensationell klaren Ankündigung einer Zinserhöhung. Damit hat der Franzose vor allem seine politische Unabhängigkeit unter Beweis gestellt.

Europas oberster Notenbanker Jean-Claude Trichet hatte in den vergangenen Monaten müde gewirkt. Sein französischer Charme schien ihm abhanden gekommen zu sein. Als Trichet jedoch am Freitag in Frankfurt auf dem Podium einer Diskussionsrunde mit anderen internationalen Bankern Platz nahm, wirkte er wieder tatendurstig. Wenig später überraschte Trichet die Finanzmärkte mit der fast schon sensationell klaren Ankündigung einer Zinserhöhung. Damit hat der Notenbanker nach Einschätzung von Experten vor allem seine Entschlossenheit und Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme unter Beweis gestellt.

Wichtigste geldpolitische Entscheidung 2005

Es waren handschriftliche Notizen, von denen Trichet die wichtigste geldpolitische Ankündigung der vergangenen Jahre ablas. Der Vorstandschef der Dresdner Bank, Herbert Walter, bat den 62 Jahre alten Notenbankchef, auf dem Frankfurter Bankenkongress doch etwas zur Zinspolitik zu sagen. Die anwesenden Banker - einige von ihnen befanden sich nach der ausgedehnten Mittagspause in einer Art Halbschlaf - erwarteten nun, dass Trichet seine vagen Umschreibungen von "großer Wachsamkeit" und andere rhetorischen Allgemeinplätze des Notenbanker-Vokabulars wiederholen würde. Doch dann kam alles anders.

Fast wie ein Dekret verkündigte Trichet, dass die EZB nun "bereit zu einer Entscheidung" über eine Zinserhöhung sei, und ließ keinen Zweifel daran, dass im Dezember die Ära der historisch niedrigen Zinsen in der Eurozone beendet sein würde. Die Zuhörer glaubten ihren Ohren kaum zu trauen. Trichets Blässe war verflogen, fast schon ein bisschen stolz blickte er nach seiner überraschenden Ankündigung in die Runde.

Ende der Handlungsschwäche

Seit Trichets Amtsantritt im November 2003 hatte die Zentralbank die Zinsen weder erhöht noch gesenkt. Einige Kritiker warfen ihm daher Handlungsschwäche vor. In den vergangenen Wochen waren Notenbanker aus der zweiten Reihe mehrfach mit widersprüchlichen Äußerungen an die Öffentlichkeit getreten. Und dann forderten die Euro-Finanzminister lautstark - zum ersten Mal in dieser Eindringlichkeit - von der EZB, die Zinsen konstant zu halten, um die wirtschaftliche Erholung nicht zu gefährden.

Trichet ärgerte sich augenscheinlich über die versuchte Beeinflussung und ließ in einer freizügigen Minute sogar durchblicken, dass er das letzte Wort habe. Am Freitag demonstrierte er dies nun auch in der Praxis. Die Zinserhöhung am 1. Dezember gilt als ausgemachte Sache, und nach der Ansicht von Volkswirten dürfte Trichet einen Teil seiner verloren geglaubten Autorität zurückgewonnen haben.

Alexander Missal/DPA DPA

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