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Finanzkrise: Wie die Griechen das Sparen lernen

Seit Wochen ist Griechenland in Aufruhr. Staatliche Sparprogramme und Schmähungen aus dem Ausland sorgen für Ärger. Doch die Stimmung dreht sich.

Von Andrzej Rybak, Athen

Im eleganten Athener Viertel Kolonaki stehen die Zeichen auf Ausverkauf. Teure Boutiquen blasen mit großen Lettern zur Rabattschlacht, Schuhgeschäfte und Möbelhäuser kämpfen mit extremen Nachlässen um jeden Kunden. Nur einer hat gut lachen: In einem kleinen Elektronikladen macht Dimitrios Zachariou das Geschäft seines Lebens. Er verkauft Registrierkassen. Und die laufen gut. Sehr gut sogar. Seit die Regierung den Steuersündern den Krieg erklärt hat, kommt Zachariou kaum noch nach: "Die Kunden", sagt er, "reißen mir die Kassen aus den Händen."

Markthändler, Arztpraxen, Bäckereien oder Tankstellen - sie alle müssen seit Jahresbeginn Registrierkassen aufstellen und ihre Umsätze ordnungsgemäß abrechnen. Damit die Kunden selbst in Tavernen nach Quittungen verlangen, greift der Staat zu einem Trick: Jeder Steuerzahler kann einen Grundfreibetrag von 12.000 Euro geltend machen, braucht dazu aber Kassenbelege.

Zehn Milliarden einsparen

Und so tut sich etwas im krisengeschüttelten Griechenland. Mit scharfen Steuergesetzen und massiven Kürzungen der öffentlichen Ausgaben will der sozialistische Ministerpräsident Giorgos Papandreou sein Land vor der Pleite retten. Am Donnerstag haben die EU-Regierungschefs beschlossen, ihm dabei mit Nothilfen beizuspringen. Der Beistand, der heute beim Treffen der EU-Finanzminister diskutiert wird, soll Athen die Refinanzierung der Schulden erleichtern.

Die Lage ist kritisch. Das Haushaltsdefizit hat 12,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht. Innerhalb von drei Jahren muss die Neuverschuldung auf drei Prozent gedrückt werden. Allein in diesem Jahr versuchen die Griechen, zehn Milliarden Euro einzusparen. Keine Frage: Es wird wehtun.

"Ich begehe keinen politischen Selbstmord"

Der Mann, der diese Schmerzen zufügen muss, heißt Giorgos Papakonstantinou. Der Finanzminister, ein energischer und entschlossener Mann, gehört zur jungen Garde der Sozialisten. Als er im Dezember die Sanierung der Staatsfinanzen in Angriff nahm, strotzte er vor Zuversicht: "Ich begehe keinen politischen Selbstmord", sagte er damals. "Ich bin einfach fest davon überzeugt, dass wir Erfolg haben können."

Monate anstrengender Arbeit haben Ringe unter seinen Augen gezeichnet, aber den Humor hat Papakonstantinou nicht verloren: "Jede Demonstration findet direkt vor meinen Augen statt", sagt er und zeigt durchs Fenster auf den Syntagma-Platz, wo fast alle großen Proteste beginnen. "Da weiß ich genau, wie die Stimmung im Volk ist."

"Eine gut Zeit, um zu investieren"

Griechenland ist im Aufruhr, über die Einschnitte, die Schmähungen und Kritik aus dem Ausland - einerseits. Doch es gibt sie trotzdem, die Optimisten. Griechen, die diese Krise als Chance begreifen. Es sind Menschen, die sagen: Endlich passiert etwas, endlich geht der Staat die Probleme an, statt sie immer nur zu verschieben.

Maya Simou ist eine von ihnen. Sie besitzt ein Juweliergeschäft im reichen Athener Stadtteil Glyfada. Im vergangenen Jahr, als sich abzeichnete, dass das Land in die Krise rutschte, waren die Kunden von einem auf den anderen Tag verschwunden. Noch nie zuvor hat sie so etwas erlebt.

Simou hat sich auf Schmuckstücke griechischer Designer spezialisiert, sie kennt den Markt. Die Leute halten das Geld zurück, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. "Aber wenn sie glauben, dass die Regierung die Krise in den Griff bekommt, werden sie wieder kaufen." Spätestens in einem Jahr, sagt die Griechin, werde sich alles wieder einpendeln. Sie meint das ernst, hat ein größeres Ladenlokal in besserer Lage gemietet. Denn die horrend hohen Mieten sind deutlich zurückgegangen. "Es ist eine gute Zeit, um zu investieren."

"Das Land braucht jetzt Zeit"

Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Auch Nikolaos Karamouzis, stellvertretender Generaldirektor der Athener Eurobank - der größten Privatbank des Landes -, kann das Untergangsgeheul der Weltpresse nicht mehr hören. "Das Land braucht jetzt Zeit, um die Sparmaßnahmen umzusetzen und das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen", sagt der Topbanker. Klar, derzeit sehe es noch finster aus. Hinzu kommt, dass die Märkte massiv gegen Griechenland spekulieren und die Zinsaufschläge für griechische Staatsanleihen in die Höhe treiben.

Doch Karamouzis schimpft nicht auf die Spekulanten, die Druck aufbauen. Für ihn gibt es nur einen Schuldigen an der griechischen Malaise: die Regierung des im Oktober 2009 abgelösten konservativen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis. "Wir schämen uns der Politiker, die das Land mit unverantwortlicher Haushaltspolitik an den Rand des Abgrunds geführt haben." Karamouzis kann sie aus dem Effeff herunterrattern, die Zahlen des griechischen Grauens: Seit 2007 stiegen die öffentlichen Ausgaben von 42,9 auf 52 Prozent des BIPs, 22 Milliarden Euro in zwei Jahren.

Bisher hat jede griechische Regierung, gleich welcher Couleur, wirtschaftspolitisch dilettiert. Doch die im Oktober abgewählte Karamanlis-Mannschaft übertraf die Vorgänger um Längen. In sechs Jahren ihrer Regentschaft blähte sie den Staatsapparat um 80.000 Angestellte auf. Heute ist fast jeder vierte Grieche beim Staat angestellt, etwa eine Million Menschen. Zum Vergleich: In Deutschland arbeitet nur jeder Siebte im öffentlichen Dienst.

Die Probleme sind gewaltig

Mit Sparprogrammen allein lässt sich die Krise nicht meistern. "Ein kompletter Umbau des Staates ist nötig", sagt Karamouzis. Auch mit dem Prinzip, mit Steuergeldern die Löcher in den Staatsbetrieben zuzuschütten, müsse Schluss sein. Denn genutzt hat das bisher nichts. Die Staatsbahn OSE fährt täglich 2,2 Millionen. Euro Verluste ein und hat Schulden von fast 10 Milliarden Euro angehäuft. Allein die Lohnkosten sind viermal so hoch wie die Einnahmen aus dem Ticketverkauf.

"Um Wachstum zu erzielen, muss Griechenland die Privatisierung vorantreiben und die Märkte liberalisieren", fordert Karamouzis. "Wir müssen ausländische Investoren anziehen und die Exportbranchen fördern." Das allerdings sagt sich leicht dahin.

Die Probleme sind gewaltig. In den vergangenen zehn Jahren stiegen die Löhne in Griechenland schneller als die Produktivität - auch schneller als in den anderen Ländern der Euro-Zone. Griechische Waren sind auf den Weltmärkten oft nicht wettbewerbsfähig. Das Land verbraucht seit Jahren viel mehr als es produziert, das Leistungsbilanzdefizit beträgt zehn Prozent des BIP. Nun sollen die Lohnkosten gesenkt werden - was natürlich die Gewerkschaften auf die Barrikaden treibt, die fast wöchentlich Protestmärsche in der Hauptstadt organisieren. Vorige Woche legten 400.000 Angestellte des öffentlichen Dienstes 24 Stunden lang ihre Arbeit nieder. "Die Arbeiter dürfen nicht für die Fehler der Regierenden abgestraft werden", sagt der Gewerkschaftsführer Spiros Papaspiros.

Trotzdem fällt eines auf: Die Kundgebungen sind nur ein Schatten früherer Proteste. Deutlich weniger Menschen als sonst nehmen teil, oft lösen sich die Versammlungen bereits nach einer Stunde auf. Griechenland brennt nicht mehr. Die Gewerkschafter sind verunsichert. Irgendetwas hat sich geändert in dem Land, die Stimmung hat sich gedreht: Zum ersten Mal in der Geschichte unterstützen zwei von drei Griechen den Sparkurs der Regierung und sprechen Ministerpräsident Papandreou das Vertrauen aus. Das haben drei jüngst veröffentlichte Umfragen ergeben. Papandreou spricht offen davon, dass er in seinem Land jetzt einen schmerzhaften Kulturwandel organisieren und durchsetzen muss. Um dafür die Unterstützung seiner Landsleute zu erhalten, hat er versprochen, dass es stets gerecht und transparent zugehen werde.

Griechen schöpfen Hoffnung aus der Krise

Diese Offenheit kommt offenbar gut an. "Die Leute haben erkannt, dass es so nicht weitergehen kann", sagt Constantinos Alexacos. "Die Krise ist eine Chance für den seit 20 Jahren fälligen Neuanfang." Aus eigener Erfahrung weiß er: Vieles liegt im Argen in Griechenland. Alexacos arbeitet als freier Architekt in Athen. Das Geschäft lief in der Vergangenheit sehr gut, er bekam mehr und mehr Aufträge, überlegte, zwei oder drei Leute einzustellen und ein Büro zu eröffnen. Doch je genauer er die Gesetze studierte, desto schlechter wurde seine Laune. In den Paragrafen wimmelte es von schwammigen Vorschriften, die Korruption und Bestechung den Boden bereiten. Ihm war klar: Will er den Erfolg, müsste er mitmischen bei den vielen kleinen schmutzigen Geschäften. Er ließ es sein, bleibt ein Einzelkämpfer.

Auch ihn hat die Krise hart getroffen. Seit August herrscht Auftragsflaute. Er hat schon überlegt, zurück nach London zu gehen, wo er nach dem Studium als Architekt gearbeitet hat. Doch so verrückt es klingt: Der Sparkurs hat ihn zum Bleiben bewogen. "Die neue Regierung packt die wichtigsten Reformen entschlossen an", sagt er. Und fügt hinzu: "Ich schöpfe neue Hoffnung."

Hochburg der Steuerhinterzieher

Auch Alexacos wohnt im Stadtteil Kolonaki, wo charmante Cafés und Zitrusbäume die Straßen säumen. Das Viertel ist zugleich Hochburg für Steuerhinterzieher. Sechs von zehn Ärzten, die in Kolonaki reiche Privatpatienten versorgen, deklarieren ein Einkommen von weniger als 30.000 Euro. Anwälte mit protziger Wohnung und neuem Mercedes vor der Tür verdienen offiziell unterhalb des Existenzminimums, ergaben Stichproben des Finanzministeriums.

Die Steuermoral ist die große Krankheit des Landes. "Im vergangenen Jahr sind in Griechenland etwa 30 Milliarden Euro hinterzogen worden", sagt Dionisios Kefalakos. Er ist Chefredakteur der angesehenen Wirtschaftszeitung "Naftemporiki". "Die Summe entspricht ziemlich genau dem griechischen Haushaltsdefizit." Auch er glaubt: "Die Regierung geht nun gegen alle Tabus der griechischen Gesellschaft und Wirtschaft vor." Damit könne sie das Volk mitreißen - wenn auch das Risiko des Scheiterns enorm hoch sei.

Nur eines will Kefalakos nicht: Almosen aus Brüssel. "Die EU soll uns um Gottes willen kein Geld geben", warnt er. "Das könnte den Durchhaltewillen der Gesellschaft zerstören und die Reformen stoppen."

FTD