Finanzmarktkrise Dow Jones auf Achterbahnfahrt


Die US-Notenbank Federal Reserve hat die Leitzinsen trotz der dramatischen Zuspitzung der Finanzmarktkrise nicht gesenkt. Der Dow Jones rutschte daraufhin stark ab, doch war zum Börsenschluss wieder deutlich im Plus. Der akut gefährdete Versicherungsgigant AIG kann auf staatliche Hilfe hoffen.

Einen Tag nach dem "schwarzen Montag" der US-Bankenwelt haben die amerikanischen Börsen deutliche Gewinne erzielt. Die Märkte durchlebten zuvor eine wilde Achterbahnfahrt. Für die Wende ins Plus sorgten neue Hoffnungen auf eine Rettung des angeschlagenen Versicherungsriesen AIG durch staatliche Hilfen. Die US-Notenbank ließ unterdessen ihren Leitzins trotz der zugespitzten Finanzkrise wie zuvor überwiegend erwartet unverändert.

Die US-Währungshüter um Ben Bernanke beließen den für die Banken entscheidenden Schlüsselzins bei 2,0 Prozent, weil sie einen Anstieg der Inflation fürchten. Die Fed kam damit offensichtlich zu dem Schluss, dass sie die Marktturbulenzen besser mit Geldspritzen bekämpfen kann als mit einer Zinssenkung.

Ein Auf und Ab an der Börse

Die Börsianer an der Wall Street reagierten nur kurzzeitig enttäuscht: Der Dow-Jones-Index fiel nach der Entscheidung zunächst um rund ein Prozent, drehte kurz darauf jedoch bereits wieder ins Plus. Zum Handelsschluss in New York stieg er dann sogar um 1,30 Prozent auf 11.059,02 Punkte. Der S&P-500-Index kletterte um 1,75 Prozent auf 1213,60 Punkte. Der NASDAQ-Index verbesserte sich um 1,28 Prozent auf 2207,90 Punkte. Die Rentenmärkte standen deutlich unter Druck. Der Euro verlor leicht auf 1,4133 Dollar nach 1,4310 Dollar am Vortag.

Viele Anleger hatten wegen des Zusammenbruchs der Investmentbank Lehman Brothers und dem Überlebenskampf des Versicherers AIG fest mit einer Zinssenkung gerechnet. Die Fed hat sich in der Vergangenheit bereits mit einer ganzen Reihe von Zinssenkungen gegen die Kreditkrise gestemmt und ihren Leitzins so bis April von 5,25 auf 2,0 Prozent gekappt. Die Notenbank unterstützt die Finanzmärkte außerdem zusätzlich mit riesigen Geldspritzen: Allein am Montag und Dienstag pumpte sie insgesamt 140 Milliarden Dollar in den Geldmarkt.

Fed: Angespannte Märkte

Sowohl die Abwärtsrisiken für das Wachstum als auch die Aufwärtsrisiken für die Inflation bereiten der Fed große Sorgen, wie es in der Erklärung zu der einstimmigen Zinsentscheidung des zuständigen Fed-Ausschusses hieß. Die Notenbanker räumten zwar ein, dass sich die Anspannung an den Finanzmärkten deutlich erhöht hat. Zudem habe sich der Arbeitsmarkt abgeschwächt und auch das Wirtschaftswachstum sei zuletzt abgeflaut. Die bereits erfolgten Zinssenkungen und die Bereitstellung von Liquidität sollten die Wirtschaft jedoch im Laufe der Zeit ankurbeln. Die Inflation sei zudem bereits hoch und der Ausblick hier unsicher, auch wenn die Fed weiter von einer Verlangsamung der Preiserhöhungen ausgeht.

Einige Volkswirte stimmten der Einschätzung der Fed zu, dass sie die Finanzmarktkrise mit Geldspritzen viel besser bekämpfen kann als mit einer Zinssenkung. "Die Fed tut, was sie tun muss: Sie pumpt Liquidität in den Markt - und das ist genau das richtige", sagte James Caron von Morgan Stanley. Viele Experten bezweifelten ebenfalls, dass eine Zinssenkung dem Bankensystem kurzfristig viel genützt hätte. Dagegen argumentierte Bucky Hellwig von Morgan Asset Management: "Die Entscheidung ist wegen der großen Anspannung im Finanzsystem unverantwortlich. Finanzinstitute sind in Gefahr und es gibt keine Anzeichen von Inflation."

Am späten Abend wurde bekannt, dass die britische Bank Barclays PLC einige Geschäftsbereiche von der insolventen US-Investmentbank Lehman Brothers übernehmen will. Das erfuhr die Nachrichtenagentur AP aus informierten Kreisen. Lehman hatte am Montag Konkurs angemeldet. Einen Plan zur vollständigen Übernahme hatte Barclays am Wochenende zurückgezogen.

Springt Fed bei AIG ein?

Die Lage bei AIG wird laut Medienberichten immer bedrohlicher. Dem "Wall Street Journal" zufolge arbeiten die Banken J.P. Morgan Chase und Goldman Sachs mit Unterstützung der US-Notenbank fieberhaft daran, für den Versicherer ein Kreditpaket von 70 bis 75 Milliarden Dollar zu schnüren. Unter Berufung auf Insider heißt es, wenn das Geld nicht bis Mittwoch aufgetrieben sei, habe AIG möglicherweise keine andere Wahl als Insolvenz anzumelden. Eine Pleite des bis vor kurzem weltgrößten Versicherers könnte ein Beben an den weltweiten Finanzmärkten auslösen, denn AIG spielt für die gesamte Geldbranche eine wichtige Rolle bei der Risikoabsicherung.

Der deutsche Rückversicherer Münchner Rück meldete bereits Interesse an Teilen der AIG an. Interessant seien für die Münchener unter anderem die Erstversicherungsaktivitäten in Osteuropa und zum Beispiel in der Industrieversicherung, sagte der Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard dem "Handelsblatt". Bisher habe es aber noch keine Gespräche mit dem US-Konzern gegeben. Die Allianz hielt sich bei dem Thema bedeckt. Das Rückversicherungs- oder Leasinggeschäft seien für sie nicht interessant, sagte Vorstandschef Michael Diekmann in Bratislava. Sollten andere Bereiche zum Verkauf stehen, müsse dies zunächst in Ruhe angesehen werden.

Lehman-Pleite bringt Probleme für KfW

Nach der IKB-Krise wird die staatliche Förderbank KfW nun auch von der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers belastet. Brisanz erhält der Fall dadurch, dass die KfW nach Angaben eines Banksprechers noch am Tag des Lehman-Insolvenzantrages mehrere Hundert Millionen Euro an das US-Institut überwiesen hatte. "Insgesamt liegt das Engagement der KfW mit Lehman im mittleren dreistelligen Millionenbereich", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Ein Teil davon in Höhe von rund 300 Millionen Euro ist auf eine fehlerhaft ausgelöste Swap-Zahlung am Montag zurückzuführen, deren Umstände durch die Innenrevision geprüft werden." Die KfW habe mit Lehman bei Wertpapieren und Finanzmarkttermingeschäften (Swaps) zusammengearbeitet, wird der Sprecher zitiert. Die KfW bestätigte die Angaben.

Wahrscheinlich werde die Staatsbank für 2008 einen Verlust ausweisen, verlautete aus Finanzkreisen. Grund dafür sei allerdings vor allem die vorübergehende Schieflage der inzwischen verkauften Mittelstandsbank IKB, welche den Bund und die KfW Milliarden kostete. Am Donnerstag wird sich der KfW-Verwaltungsrat mit den Folgen des Lehman-Zusammenbruchs beschäftigen. Der zu erwartende Vorsorgebedarf könne noch nicht beziffert werden, sagte der KfW-Sprecher der Zeitung zufolge. Dieser sei abhängig von der Konkursquote. "Mögliche Ausfälle hieraus sind für die KfW absolut verkraftbar, die Förderfähigkeit ist nicht gefährdet", wird er weiter zitiert. "Die KfW hat ihr Engagement bei Lehman in den vergangenen Monaten systematisch reduziert", machte der Sprecher zugleich deutlich.

DPA/AP/Reuters/ukl AP DPA Reuters

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