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Reportage der Woche

Leben mit einer bipolaren Störung: Auf der Bühne muss er lächeln. Wenige Stunden später holt ihn die Depression ein

Andreas Schmidt betritt in seiner Paraderolle als Tante Woo die Bühne. Der Mann mit Glatze und falschen Wimpern setzt zum ersten Ton an. Das Publikum verstummt. Was keiner sieht: wie sehr ihm die Rolle hilft, mit einer bipolaren Störung zu leben.

Von Ronja Ebeling

Andreas Schmidt sagt: "Ich konnte nicht mal mehr E-Mails lesen". Heute verzaubert er in Hamburg als Tante Woo

Andreas Schmidt sagt: "Ich konnte nicht mal mehr E-Mails lesen." Heute verzaubert er in Hamburg als Tante Woo

Andreas Schmidt, 50, ist müde, als er vor der Show im Schmidts Theater auf der Reeperbahn ankommt. Eigentlich hört er auf den Rat seines Psychologen und geht früh ins Bett. "Ich würde lieber 'The Blacklist' auf Netflix weiterschauen", stöhnt er und mustert die ankommenden Zuschauer. Aber jetzt steht die Arbeit an. Der Gedanke an seinen Auftritt als Tante Woo strengt ihn gerade noch an. Aber er weiß, wie sehr er den Moment auf der Bühne braucht. Wie sehr er ihm hilft, die Kontrolle über sich selbst zu behalten. Schmidt steht in Jogginghose, roten Fingernägeln und einem ausdruckslosen Blick neben der Schlange am Eingang. Dann verschwindet er in die Maske. Hier wird sich der müde Andreas in die strahlende Tante Woo verwandeln. 

Vor fünf Jahren bipolare Störung diagnostiziert

Andreas Schmidt ist eigentlich pensionierter Künstler. 2014 diagnostizierten Ärzte eine bipolare Störung. "Ich habe keine Energie!", schnauft Andreas, als er sich in der Garderobe auf einen Stuhl fallen lässt. "Bipolare Störung bedeutet eine Abwechslung von manischen und depressiven Phasen. Wenn ich heute Abend auf die Bühne gehe, knipse ich gezielt die Manie an", sagt er und stellt neben Make-up und Puder eine Flasche Karamellsirup auf den Tisch. "Trinkt das bitte nicht! Das ist Abschminkzeugs", ruft er einem schnell zu und wechselt dann direkt wieder das Thema: "Wo war ich? Ja, jedenfalls lasse ich dieses Feuer kontrolliert brennen. Dann bin ich morgen zwar ein wenig depressiv, aber eben nicht so extrem. So behalte ich die Stimmungsschwankungen im Griff", erklärt er und versucht, sein Spiegelbild anzulächeln.

 Sein Partner Roman Grübner, 40, steht seit 2014 mit ihm auf der Bühne. Sie bieten eine Opernshow mit Comedy-Charakter. Grübner ist ausgebildeter Opernsänger. Er hat schon Puccinis "Messe di Gloria" in der Philharmonie zu Berlin gesungen und trat im Festspielhaus Baden-Baden als Solist auf. Nun sitzt er neben Andreas in der Garderobe des Reeperbahn-Theaters. Er beobachtet, wie sein Freund mit der Grundierung seines Gesichts beginnt. "Mittlerweile kannst du das richtig gut mit dem Make-up. Es gab eine Zeit, da sahst du aus wie ein arbeitsloser Boy George", sagt Grübner.  

Schmidt war früher Grübners Chef. Damals war er Leiter der Opernabteilung des Festspielhauses Baden-Baden. "Er war ein toller Vorgesetzter für das Team: Sehr freundlich und zugänglich ... 2011 war alles vorbei!", erinnert sich Grübner. Dann kam der Wendepunkt. Schmidt nickt: "Ich bin umgefallen. Es ging gar nichts mehr, ich konnte nicht mal E-Mails lesen und durchlebte eine völlige Wesensveränderung. Mein Umfeld hat es nicht ernst genommen."

Andreas Schmidt in der Maske

Im Gegensatz zum Film müssen Theatermenschen sich selbst um ihre Optik kümmern. Das braucht ein gewisses Training – Andreas Schmidt kann's.

Psychopharmaka hätten ihn fast kaputt gemacht

Schmidt wurde für arbeitsunfähig erklärt, holte sich professionelle Hilfe, aber seine bipolare Störung wurde lange für eine schwere Depression gehalten. "Vier Jahre habe ich etliche Psychopharmaka ausprobieren müssen, die mich fast wahnsinnig gemacht haben!", sagt er und tupft mit einem Make-up-Schwamm in hektischen Bewegungen über seinen glattrasierten Schädel. Heute nimmt er Lamotrigin, ein Medikament, das eigentlich für Epileptiker ist. Es hat eine Wechselwirkung und wird bei einer bipolaren Störung gerne als Ausgleichsmittel benutzt. Schmidt gesteht mit leiser Stimme: "Wenn ich meine Medikamente nicht nehmen würde, könnte ich in meiner Manie echt gefährlich werden."

Sein Freund schaut ihn von der Seite an. Das mit den depressiven Phasen kennt er. Grübner hat Depressionen. Letzte Nacht durchlitt er noch eine Panikattacke. "Die Situation ist oft noch die gleiche, aber ich bin anders geworden", sagt auch er. Hinter ihm liegen ein Klinikaufenthalt und ein Suizidversuch. Im Alter von zehn Jahren verlor er seine Mutter. Seine Großmütter beiderseits sind in Fünf-Jahres-Abständen an seinem Geburtstag verstorben. Ein guter Freund verunglückte bei einem Verkehrsunfall. "Mit 18 hatte ich einen Zusammenbruch. Ich dachte, dass alles etwas mit mir zu tun hätte", erzählt er vom Beginn seiner Depression. 

Grübner beschreibt seine Geschichte so: Nach außen hin war er immer der lustige Sonnyboy, flüchtete Mitte der 90er nach Berlin und ließ sich in der Technoszene fallen. "Ich experimentierte mit Drogen, um dem tauben Zustand zu entkommen." Sein Tiefpunkt. An jenem Abend hat er sich ans Fenster geschleppt. "Ich saß schon an der Dachrutsche. Völlig erschöpft", sagt er und zieht den Ärmel seines Hemdes gerade. Bei einer Größe von 1,80 Meter brachte er damals nur 52 Kilo auf die Waage. "Ich weiß noch ganz genau, als ich einen Apfel essen wollte, aber ihn weder schälen noch halten konnte. Meine allerletzte Kraft hat mich auf dieses Dach gebracht."

Tante Woo ist mehr als ein Hobby 

Eine Freundin, die für ihn einkaufen war, kam zufällig früher zurück. "Sie hat mich am Bein wieder in die Wohnung gezogen. Ich wollte mich umbringen." Mit Drogen habe er heute abgeschlossen. Er sagt: "Ich lebe für die klassische Musik." Andreas Schmidt hat sich derweil den Mülleimer zwischen die Beine geklemmt und pudert sein Gesicht mit einer Quaste ab. Der weiße Staub rieselt in die Plastiktüte. 

Puder, das ist ein gutes Stichwort. Denn Puder und Schminke spielen eine ganz besondere Rolle. Im August 2013, beim Christopher Street Day, hat Schmidt sich zum ersten Mal geschminkt. Damals wusste er noch nicht, was für einen großen Einfluss Lippenstift und Mascara auf sein Leben haben werden. "Ich bin in Schuhen gelaufen, die waren so unbequem, wie das Empire State Building. Kinky Boots also … Ich trug Clownsschminke im ganzen Gesicht, die lief mir von jetzt nach grün. Die Leute haben mich so mitleidig angesehen, wie sie es heute tun, wenn ich ungeschminkt bin", erzählt er.

Als Mann fühle er sich weder lustig noch schön: "Ich habe eben eine polnische Bummsfresse und bin ziemlich hässlich. Ja, ich sah so nuttig aus, ich hätte direkt ins Laufhaus gehen können, wo ich eine Menge Geld verdient hätte!", lacht er. Aber stattdessen ist er in seine Wohnung gegangen und hat nachgedacht. Durch seine langjährige Erfahrung am Theater und auf der Bühne war er zu sehr in Dramaturgie und Rollenbiografie verhaftet, als dass er eine einfache Drag Queen hätte sein wollen.

Andreas Schmidt in der Maske

Aus Andreas Schmidt wird Tante Woo – durch ziemlich viel Schminke

Er braucht einen festen Tagesablauf

So erfand er Tante Woo, eine einst berühmte Opernsängerin aus New York, die jetzt in einfachen Verhältnissen in Hamburg lebt: "Tante Woo ist natürlich an mich angelehnt: Sie ist eine alte Frau, ich bin auch alt, sie ist eine gescheiterte Opernsängerin und lebt von Hartz IX, ich lebe von Rente. Sie wohnt in der Pornoreihe 17 mit Hannelore und Swetlana, der Hausnutte, und auf meiner eigenen Straße teile ich das Haus wirklich mit Prostituieren."

Seit seiner Diagnose hat Schmidt einen festen Tagesablauf. Er geht abends zeitig ins Bett und steht morgens früh auf. Keinen Kaffee, sonst steigt der Blutdruck, keine Musik in den Abendstunden, denn die ruft die Manie hervor. "Manie ist anstrengend und es folgt immer Depression. Immer. Und dann wird es noch anstrengender!", sagt er.

Irgendwann wollte er wissen, was in ihm vorgeht und machte eine Weiterbildung zum Heilpraktiker. "Ich wollte verstehen, wie meine miserable Kindheit mit meinem heutigen Zustand zusammenhängt und welche Prozesse die Psyche in meinem Körper auslöst“, erklärt er und schaut in den Spiegel. Sein weißes T-Shirt hat beim Schminken keinen einzigen Fleck abbekommen. "Gleich kommen noch falsche Wimpern. Die sind das absolute Highlight. Aber lass uns erst rauchen gehen", sagt er zu seinem Kollegen.

Als Kind trug er gern Stiefel und Faltenrock

Im Hinterhof des Theaters stehen die zwei Freunde nebeneinander und jagen kleine Rauchwolken in den sternenlosen Himmel. Grübner hält seine Zigarette elegant zwischen zwei Fingern und richtet sein Jackett. Sie teilen so manche Erfahrung und sie verstehen einander. Das hilft.

Schmidt spricht über seine Kindheit. Die Freude am Verkleiden habe sich schon früh durchgesetzt. Als kleiner Junge trug er gerne Stiefel und Faltenrock. Er war ein hessisches Funkenmariechen. "Meine Oma hat es sehr unterstützt, aber meine Mutter eher weniger. Letzten Endes hat sie es aber auch mit ihren vielen Demütigungen nicht verhindern können", sagt er. Sie habe Weihnachtsgeschenke vor seinen Augen zerrissen, weil er sich angeblich nicht benommen hätte. "Meine kaputten Puppen … Dieser Anblick war schon heftig", erinnert er sich. Als er zwölf Jahre alt war, habe sie ihm die Schuld für ihre Multiple Sklerose gegeben. "Es tat sehr weh", sagt er und er wirkt, als meine er das gesamte Gefühl seiner Kindheit. Heute ist seine Mutter dement. Gesehen haben sie sich seit zwei Jahren nicht. Er drückt seine Zigarette aus und geht wieder rein. 

Das Lachen von Bühnenkünstlern ist oft nur Fassade. Durch die Ausbildung zum Heilpraktiker glaubt Schmidt, heute vieles besser zu verstehen und meint damit nicht nur seinen eigenen Zustand. Wie das Bundesministerium für Gesundheit im letzten Jahr bekanntgegeben hat, leiden rund 350 Millionen Menschen weltweit an einer Depression oder affektiven Störung. Erkrankte, die dazu noch im Scheinwerferlicht stehen, sieht Schmidt einem zusätzlichen Druck ausgesetzt: "Vor und hinter der Bühne wird jederzeit beste Laune erwartet."

Sie gründen Hilfsverein für psychisch kranke Künstler

Die zwei Männer sitzen nun wieder in dem fensterlosen Raum und schauen in den Spiegel. Grübners Haut hat ein gesundes Strahlen, jede Haarsträhne sitzt perfekt auf seinem Kopf und er wirkt, als habe er an alles gedacht. "In Zürich bin ich barfuß vom Hotel bis zum Theater gelaufen. Erst als ich zur Probe die Bühne betrat, sah ich an mir herunter und bemerkte, dass ich nackte Füße hatte", berichtet er.

Vor ihm stand ein komplettes Orchester und hat laut gelacht. "Wie konnte ich so neben der Spur sein, dass ich barfuß durch halb Wien gelaufen bin?", fragt er und dreht sich zu seinem Freund, der seinen Lippenstift noch mal nachzieht. Damals sei Grübner in das Gegröle mit eingestiegen, aber in Wahrheit habe ihn der Vorfall komplett aus der Bahn geworfen. Nach der Probe habe er direkt seinen Psychologen angerufen. "Einen guten Ansprechpartner zu haben, ist das Wichtigste!“, weiß er heute. Um anderen Betroffenen Hilfe zu bieten, riefen Schmidt und Grübner 2016 den Verein Künstlerhilfe e.V. ins Leben. Psychisch kranke Bühnenkünstler können hier in den Trialog mit Angehörigen und Fachkräften treten. 

"Wo ist denn mein Zeugs?", murmelt Andreas Schmidt derweil und fischt zwei Silikoneinlagen und einen Sport-BH aus seiner Sporttasche. Mit einer geübten Bewegung zieht er das weiße T-Shirt über sein geschminktes Gesicht. Seine glattrasierte Brust steckt er in einen schwarzen BH und positioniert die Silikoneinlagen darin. Damit alles besser hält, zieht er noch einen Sport-BH und Stützwäsche drüber. Später werden sie tiefe Abdrücke in seiner Haut hinterlassen.

"Kannst du mal?", fragt dann der Mann im bodenlangen Glitzerkleid und dreht sich zu Grübner, der den Reißverschluss schließt. Aus einer Schmucktasche zieht Schmidt vier lange Perlenketten und eine weitere mit großem Tigerkopf. "Mehr ist mehr!", heißt es und er erhebt seine Stimme: "Oh what a wonderful woooorld! Du solltest 'Oh Happy Day' singen, Schatz!" und sein Kollege steigt sofort ein. "These little town blues … Are meeelting  awaaay!", schmettert er, während er sich große Ohrringe anknipst und Roman Grübner in den Hit von Frank Sinatra mit einstimmt. 

Das Künstlerpaar läuft durch die Dunkelheit der Backstage-Flure. Bei jedem Schritt ertönt ein lauter Schall von den Pumps, bis sie der Bühne so nah sind und das Klatschen der Zuschauer alles andere übertönt. Der Vorhang geht auf und Andreas Schmidt erstrahlt als Tante Woo im Scheinwerferlicht. Der erste Ton der Musik erklingt. Schmidt beginnt: Endlich kann das Feuer, die Manie, kontrolliert brennen.