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Interview

Nachhaltigkeit: Frank Thelen über die Klimakrise: "Trump kann uns die Menschheit kosten"

Die Elektro-Roller-Flut hält er für Quatsch, neue Kernkraftwerke für sinnvoll. Investor Frank Thelen erklärt, auf welche Technologien er setzen würde, um den Planeten vor dem Klimakollaps zu retten - und fordert Politiker endlich zum Handeln auf.

Frank Thelen

Frank Thelen hat unter anderem in einen Elektro-Jet und eine Energiespeicher-Technologie investiert

Picture Alliance

Herr Thelen, Zukunftstechnologien sind Ihr Thema. Trotzdem sagen auch Sie, dass Sie sich darüber ärgern, dass Sie die Klima-Problematik bislang zu wenig auf dem Schirm gehabt haben. Hat der Fortschrittsglauben auch Sie blind gemacht?

Ganz blind war ich nicht. Ich bin auch schon vorher elektrische Autos gefahren, ich habe eine Solar-Wärmepumpe zu Hause und ich habe in den besten Energiespeicher der Welt investiert. Aber ich bin ehrlich: Die Dringlichkeit war mir nicht ausreichend bewusst. Wenn wir weiter CO2 und andere Gase in dieser Geschwindigkeit rausblasen, kommen wir schon sehr bald an einen Punkt, an dem wir das nicht mehr reparieren können. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen haben wir nur noch sieben bis acht Jahre, bevor diese Tipping-Points erreicht sind. Das hätte ich früher auf dem Schirm haben müssen. 

Kann neue Technologie uns überhaupt noch retten? Die Menschen haben schon jede Menge nachhaltige Technologien erfunden – trotzdem machen wir den Planeten immer weiter kaputt.

Wir müssen auch unser Verhalten ändern: den Fleischkonsum reduzieren, Flugreisen reduzieren. Aber der größere Hebel ist Technologie. Ein Beispiel: Weltweit sind derzeit 1400 neue Kohlekraftwerke in Planung oder Bau. Das ist verheerend. Gleichzeitig entwickelt Bill Gates eine neue Kernkraft-Technologie, die bereits bestehenden Atommüll verwendet und kein CO2 produziert. Warum nehmen wir die nicht? 

Im Fokus der Kritik steht die Idee eines Supermarktes für abgelaufenen Lebensmittel

Neue Atomkraftwerke als Lösung zur Rettung des Planeten?

Ich weiß, dass das unpopulär ist. Leider sind wir in einer Situation, in der wir Prioritäten setzen müssen. Wir haben uns durch schlechtes Wirtschaften und zögerliche Politik in eine Situation manövriert, in der wir schauen müssen, wie wir das Ganze noch irgendwie retten können. Solarkraft funktioniert. Windkraft funktioniert. Es gibt mittlerweile sogar Drachen, die hochsteigen und mehr Windkraft generieren können als Windräder. Das kann man aber alles nicht so schnell ausbauen, wie wir es brauchen. Die Frage ist: Welche Alternativen bieten wir den Leuten, die jetzt neue Kohlekraftwerke bauen? Da muss doch ein Konzept wie das von Bill Gates mal ernsthaft geprüft werden.

Auch der Verkehrssektor ist ein großes Thema, bei dem es nachhaltige Technologien gibt. Aber kommt das nicht alles viel zu langsam ins Rollen?

Norwegen hat massiv auf Elektroautos umgestellt, in Holland funktioniert es auch gut. Und wir als Autoland haben bis heute keine vernünftige Ladeinfrastruktur, keine Batteriefabrik und kein Elektroauto, das in einer ernstzunehmenden Stückzahl verkauft wurde. Das liegt nicht nur an den Unternehmen, sondern auch daran, dass sich die Politik nicht getraut hat, ernsthaft umzusteuern.

Dafür sind viele Großstädte jetzt mit E-Rollern überschwemmt worden. Die sind auch so ein Beispiel: Sie könnten theoretisch helfen, Autofahrten zu ersetzen, ersetzen in der Praxis aber wohl eher Fußwege. Und sind nach wenigen Monaten Elektroschrott. Sieht so Innovation aus?

Ich bin kein Freund von E-Scootern und würde hier nicht investieren. Die eignen sich nicht wirklich für die Sharing Economy und haben unterm Strich eine grausame Ökobilanz. Lasst uns lieber sinnvolle Dinge tun, zum Beispiel bei Elektrofahrrädern die Mehrwertsteuer runternehmen.

Sie selbst haben in Lilium investiert, einen elektrobetriebenen Jet mit bis zu 300 Kilometern Reichweite. Damit ersetzt man aber auch eher eine Bahnfahrt als einen Transatlantikflug oder nicht?

Einige Inlandsflüge könnten E-Jets nach heutigem Stand der Technik bereits ersetzen. Und da die Batterien jedes Jahr 10 bis 20 Prozent besser werden, kann man sich ausrechnen, dass ein elektrischer Jet bald 1000 Kilometer und mehr fliegen kann. Eine weitere Option, weit entfernte Orte, zwischen denen es keine Bahnlinie gibt, CO2-neutral miteinander zu verbinden, ist die Hyperloop-Technologie. Diese beiden Technologien werden den Planeten jetzt nicht auf die Schnelle retten, aber sie sind Bausteine für eine nachhaltige Mobilität der Zukunft.

Sie beklagen regelmäßig, dass es in Deutschland zwar viel privates Kapital gibt, aber dass das nicht in Zukunftstechnologien investiert wird. Wenn man sich nun mal die Gründershow "Die Höhle der Löwen" anschaut, in der Sie ja selbst als Investor sitzen: Da gibt es immer wieder Gründer mit nachhaltigen Ideen - Supermärkte gegen Lebensmittelverschwendung oder Solarzellen für Afrika. Da steigt nie ein Löwe ein. Investiert wird lieber in banale Konsum-Produkte, mit denen man schnell im Massenmarkt Kohle verdienen kann.

Zu den beiden Beispielen: Ich war bei beiden Pitches nicht dabei. Ob ich in den Supermarkt investiert hätte, weiß ich nicht. Die Idee finde ich aber gut. Die Solarzellen, die da vorgestellt wurden, haben aus meiner Sicht einen viel zu kleinen Impact. Außerhalb der "Höhle der Löwen" habe ich mit Kraftblock in einen sehr vielversprechenden Energiespeicher investiert und ich schaue mir auch andere Firmen aus dem Bereich Batterien und Erneuerbare Energien an. Wir brauchen jetzt ernsthaft globale Lösungen.

Neue Technologien brauchen oft lange, um im Massenmarkt anzukommen. Muss die Politik nicht einfach bestehende klimaschädliche Technologien viel rigoroser verbieten?

Generell bin ich immer gegen zu viele staatliche Eingriffe gewesen. Aber die Lage unseres Planeten ist kritisch und wir haben wenig Zeit. Statt Verbote würde ich als Mittel Steuern nehmen, zum Beispiel die CO2-Steuer.

Was halten Sie vom Klimaschutzpaket der Bundesregierung?

Die CO2-Steuer ist viel zu niedrig angesetzt. Ein lächerlicher Betrag, der über die Jahre nur ganz langsam ansteigt. Wir müssen jetzt handeln und das haben unsere Politiker offenbar nicht verstanden. Wir wissen, dass nur noch eine bestimmte Menge an CO2 und anderen Gasen raus darf. Daher muss CO2 einfach spürbar teuer werden. Sonst können wir als Menschen auf diesem Planeten nicht mehr leben.

Selbst wenn wir in Deutschland härtere Regeln einführen, heißt das noch nicht, dass die USA und China das auch tun.

Klar, wir müssen global handeln und auch verhandeln. Wir können auch nicht zulassen, dass in Brasilien der Regenwald zerstört wird. Da muss Deutschland sich mit den anderen Europäern zusammen tun und eigentlich auch mit den USA, wo wir leider gerade Donald Trump haben, und überlegen, was wir Brasilien anbieten können. Deswegen brauchen wir ein wirtschaftlich starkes Europa, das international verhandeln kann. Ich verstehe, dass das alles eine schwierige Situation ist. Aber unsere Politiker regeln das auch echt schlecht. Und dann fliegen sie auch noch mit zwei Flugzeugen am gleichen Tag in die USA, was als Symbol verheerend ist, auch wenn es natürlich faktisch keinen wirklichen Impact auf unsere gesamte CO2-Bilanz hat.

Wollen Sie vielleicht doch noch in die Politik einsteigen, um die Dinge besser zu regeln?

Tja, das war eigentlich nie mein Plan. Ich will großartige Gründer unterstützen und herausragende Unternehmen aus Europa heraus aufbauen. Aber irgendwie muss jetzt auch die Politik mal erwachen. Aktuell habe ich keine Pläne in die Politik zu gehen, aber so kann es auch nicht weitergehen. 

Frank Thelen in der Höhle der Löwen

Frank Thelen in der Höhle der Löwen.

TV Now

In den USA ist sogar ein Unternehmer Präsident, der hat allerdings zum Klimaschutz eine ganz andere Einstellung.

Man bräuchte natürlich jemanden, der das Klimathema versteht. Al Gore oder Arnold Schwarzenegger sind so Beispiele. Donald Trump ist eine Zumutung für die Welt. Der glaubt ernsthaft, dass er mit der Ölindustrie Jobs schaffen kann und macht Fracking. Ich hoffe inständig, die Amerikaner sind nicht so dumm, Trump wiederzuwählen. Sonst kostet der Typ uns vielleicht noch die Menschheit. Wir können nicht noch mehr Jahre verlieren.

Kann künstliche Intelligenz unseren Planeten retten?

Schwierige Frage. Künstliche Intelligenz kann uns helfen, Prozesse zu optimieren, so können zum Beispiel Transportwege optimiert und somit CO2 eingespart werden und auch der CO2-Ausstoß von Gebäuden stark reduziert werden. Ob sie uns retten kann, wird sich zeigen, wenn sich irgendwann wie von vielen prophezeit eine sogenannte Singularity entwickelt…

…eine künstliche Superintelligenz, die schlauer ist als der Mensch und sich selbst weiterentwickelt.

Der könnten wir dann den Auftrag geben: So schlimm steht es um den Planeten. Was können wir jetzt noch machen? 

Da der Mensch die größte Bedrohung für diesen Planeten ist, könnte uns die Antwort einer übermenschlichen Intelligenz möglicherweise nicht gefallen.

Ja, da könnte man in schwierige ethische Debatten kommen. Wenn die Antwort lautet: Zur Rettung des Planeten töte die Hälfte der Menschheit, kann man nur hoffen, dass die Superintelligenz noch eine Alternative parat hat…