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Interview

Umweltberater: "Mülltrennung ist völlig überbewertet": Wie wir der Umwelt viel besser helfen

Was kann jeder im Alltag tun, um Umwelt und Klima zu retten und womit soll man anfangen? Umweltberater Tristan Jorde erklärt, auf welche Punkte Verbraucher wirklich Wert legen sollten - und was sie dafür vernachlässigen dürfen.

Müll trennen ist löblich, aber andere Dinge helfen viel mehr, sagt Tristan Jorde, Umweltberater der Verbraucherzentrale Hamburg

Müll trennen ist löblich, aber andere Dinge helfen viel mehr, sagt Tristan Jorde, Umweltberater der Verbraucherzentrale Hamburg

Getty Images

Herr Jorde, viele Menschen würden gern nachhaltiger und klimafreundlicher leben – und es gibt ja auch unendlich Möglichkeiten dies zu tun. Aber kann ich als Einzelner überhaupt etwas bewirken?

Natürlich müssen viele Dinge politisch geregelt werden, weil der Einzelne sie gar nicht steuern kann. Daneben ist es aber auf jeden Fall sinnvoll, wenn jeder auch von sich aus etwas tut. Wir haben unseren Ressourcenverbrauch extrem in die Höhe geschraubt in den letzten Jahrzehnten. Wenn die ganze Welt so leben würde wie wir Deutschen, würden wir drei Planeten brauchen, bei den US-Amerikanern wären es fünf Planeten. Die Frage, die sich jeder stellen muss, ist: Wie kann ich ein gutes Leben führen mit weniger Verbrauch an Material und Energie?

Womit soll ich als normaler Konsument denn ganz praktisch anfangen?

Weniger Auto fahren ist zweifellos extrem wichtig. Ein sehr unbeliebtes Thema, weil alle ihre Gründe haben, warum ausgerechnet sie ein Auto brauchen. Für den Anfang wäre es schon gut, wenn man mit dem Auto nur noch die Wege zurücklegen würde, die wirklich unvermeidlich sind. 50 Prozent der Fahrten finden im Fahrradumkreis statt, 30 Prozent im Fußwegeumkreis. Wenn man da reduziert, wäre schon viel getan.

Worauf soll ich beim Einkaufen im Supermarkt achten?

Jeder sollte sich fragen: Wie kann ich meinen westlichen Wohlstands-Ernährungsstil anpassen? Muss ich jeden Tag Fleisch und andere tierische Produkte konsumieren? Warum kann ich mich nicht grundsätzlich pflanzlich ernähren und – wenn ich nicht komplett Vegetarier oder Veganer werden will – Fleisch und andere tierische Produkte nur als Besonderheit konsumieren. Und wenn Fleisch, dann lieber qualitativ hochwertig und selten als jeden Tag die routinemäßige Wurst aufs Brot zu legen.

Es gibt bio und öko und plastikfrei – und manchmal steckt ausgerechnet die Bio-Gurke in einer Plastikhülle. Dann muss ich schon wieder entscheiden, ob das wirklich gut ist…

Klar kann man sich ganz schnell in Detailfragen verlieren. Aber bevor ich irgendwelche Detailanalysen anstelle, sollte ich zunächst mal die ganz großen Ressourcenfresser vermeiden oder zumindest reduzieren. Und das ist vor allem der Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten. In zweiter Linie kann ich dann darauf schauen, ob die Produkte biologisch angebaut oder hergestellt wurden, ob sie aus der Region kommen und gerade Saison haben. Erdbeeren zu Weihnachten muss man sicher nicht haben. 

Ich benutze beim Einkaufen immer brav Stofftaschen statt Plastiktüten und dann muss ich lesen, dass die auch nicht so toll sind, weil beim Baumwollanbau die Umwelt geschädigt wird. Kann man es überhaupt richtig machen?

Sicher gibt es detaillierte Ökobilanzen für jedes Material, aber da kann ich Ihnen auch wiederum die schwierigen Einzelbewertungen abnehmen. Denn wenn Sie Ihre Tasche lange verwenden, ist es fast egal, aus welchem Material sie ist. Wenn Sie Ihren Stoffbeutel oder auch die Kunststofftasche zehn Jahre verwenden, sind Sie ökologisch schwer im Plus. Wenn Sie die braune Papiertüte nehmen und die jedes Mal nach dem Einkaufen in den Müll werfen, sind Sie schwer im Minus. Weniger Plastik ist sinnvoll, aber vor allem wenn es um Einwegplastik geht. Wenn Sie etwas Jahrzehnte verwenden, können Sie auch Kunststoff nehmen, das ist überhaupt kein Problem.

Beim Thema Einkaufen sind wir auch ganz schnell beim Onlineshopping…

Klar, wenn ich irgendwo im Internet klicke und das wird mir dann von weiß Gott woher aus der Welt reingeschifft und dann gefällts mir nicht und ich schicke es wieder retour und es entstehen Unmengen von zusätzlichen Transportwegen - das ist dann das Gegenteil von nachhaltig. Problematisch ist aber auch schon die Produktion, vor allem bei Hightech. Je mehr Hightech, desto mehr Umweltbelastung. Jedes Jahr ein neues Handy zu kaufen, ist absurde Ressourcenverschwendung. Wenn ich da ein wenig mehr Zurückhaltung an den Tag lege, dann muss ich auch nicht wissen, welches Nachhaltigkeits-Siegel was bedeutet. 

Wenn wir über die großen Umweltsünden reden, müssen wir auch über das Fliegen reden. Das müsste man sich ja eigentlich ganz verbieten, oder?

Wir müssen keinen flugzeugfreien Himmel haben, aber Fliegen sollte die Ausnahme sein. Wir müssen diese routinemäßigen Flüge von München nach Berlin oder von Hamburg nach Köln abstellen. Ständig mal eben geschäftlich in die nächste Stadt fliegen und am Abend wieder zurück, das geht nicht. Dann kann von mir aus auch die Familie mal nach Malle in den Sommerurlaub fliegen.

Wenn die stattdessen das Kreuzfahrtschiff nähme, wäre ja auch niemandem geholfen…

Ja, das wäre keine schöne Ausweichstrategie. Kreuzfahrt geht eigentlich gar nicht. In dem Zustand, in dem Kreuzfahrtflotten momentan sind, ist das nicht zu verantworten. Es gibt ein, zwei Schiffe, die so halbwegs verträgliche Antriebe haben, aber alle anderen haben erbärmliche Antriebskonzepte praktisch ohne Abgasreinigung und mit furchtbarem Energieverbrauch. Und mit den Dreckschleudern fährt man dann in möglichst malerische Gegenden.

Gibt es auch Dinge, die in der Diskussion überbewertet sind? Was sind nur symbolische Handlungen ohne echten Wert?

Mülltrennung ist völlig überbewertet. Wenn ich erzähle, dass ich Umweltberater bin, sagen die Leute gerne: Ja, ich trenne auch den Müll. Wichtig ist aber, Müll zu vermeiden und nicht, dass ich ihn möglichst aufwendig trenne. Das Mülltrennen ist in Deutschland über Jahrzehnte als bewusster Umweltakt gelernt, der Effekt ist aber vergleichsweise klein. Wer Porsche Cayenne fährt, kann noch so viel Müll trennen, das holt er nie raus.

Jetzt reden Sie eines der wenigen Themen schlecht, die halbwegs funktionieren.

Okay, auch bei der Mülltrennung gibt es sinnvolle Sachen. Biomüll, Papier und Glas zu trennen, ist sinnvoll. Der gelbe Sack bringt ökologisch eher wenig.

Gibt es andere Nachhaltigkeitsmythen?

Dass ich Wasser am besten spare, indem ich den Wasserhahn möglichst wenig laufen lasse. Das ist zwar löblich. Aber der Wasserverbrauch, der in vielen Nahrungsmitteln steckt, die wir so konsumieren, ist um ein Vielfaches höher. Morgens sollte man den Hahn übrigens bewusst etwas laufen lassen, bevor man den ersten Schluck trinkt, damit die Reste aus der Leitung weggespült werden.

Wie schaffe ich es als Verbraucher, mein Verhalten wirklich dauerhaft zu ändern?

Das ist ein langfristiger Prozess, wir stellen unser Verhalten nicht innerhalb eines Tages um. Verhaltensänderungen funktionieren psychologisch gesehen immer gut, wenn es positive Anreize gibt. Wir müssen wegkommen von der Sicht, dass Umweltschutz Verzicht bedeutet und uns fragen: Was gewinne ich dadurch? Wenn ich zu Fuß gehe oder Rad fahre, kann ich das als Verzicht sehen und mich über den Regen ärgern oder ich sehe es als etwas, was gesund ist und mir gut tut. Also weg vom Gedanken: "Ich darf nicht mehr mein schönes Auto fahren", hin zu "Toll, ich trainiere meine Fitness und lebe gesünder".