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Früherer Deutsche-Bank-Chefvolkswirt: Ökonom Norbert Walter ist tot

Fast 20 Jahre war Norbert Walter das Sprachrohr der Deutschen Bank. Der Katholik trat auch für Ethik in der Finanzwelt ein. Nun ist der bekannte deutsche Ökonom mit 67 Jahren gestorben.

Seine düsteren Prognosen passten nicht jedem. Norbert Walter störte sich nicht daran, dass er aneckte - denn der streitbare Ökonom behielt oft Recht. Als Chefvolkswirt der Deutschen Bank war der Mann mit dem markanten Vollbart eines der Sprachrohre des größten deutschen Geldhauses. Nun ist er mit 67 Jahren gestorben. Am 23. September wäre Walter 68 Jahre alt geworden.

"Ich habe gerne Recht", bekannte Walter kurz vor seinem altersbedingten Ausscheiden bei der Deutschen Bank Ende 2009. Als einer der ersten sagte der Professor den Konjunktureinbruch in Deutschland 2009 in Folge der weltweiten Finanzkrise voraus. "Die Bankvolkswirte, der Sachverständigenrat oder die Regierung - sie alle haben die Dramatik anfänglich völlig verschlafen", urteilte Walter damals.

Der gebürtige Unterfranke legte schon früh in seiner Karriere den Grundstein für seinen Ruf als Mann, der sich den Mund von niemandem verbieten lässt. Schon als Kind sei er als Ältester von fünf Geschwistern sehr streng gewesen. Mit 31 Jahren fiel er dann beim Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) erstmals mit einer Prognose auf, die deutlich unter dem Konsens lag.

"Sie können mir nicht den Mund verbieten"

"Ich hatte in meiner ersten verantwortlichen Prognose für das Jahr 1975 eine Wirtschaftsentwicklung von minus vier Prozent vorhergesagt, während die Kollegen alle Null sagten", erinnerte sich Walter später. "Ich muss gestehen, ich habe mich vor meiner eigenen Prognose gefürchtet und vor der Pressekonferenz nicht geschlafen." Obwohl die erste vorläufige Schätzung im Januar 1976 seine Annahmen bestätigte, fiel "die Unke von der Förde" bei seinem Chef Herbert Giersch in Ungnade.

Schließlich habe Giersch ihn aufgefordert, eine seiner Vorhersagen nicht im Namen des Instituts zu veröffentlichen. "Ich habe geantwortet: Sie können mich rausschmeißen, aber Sie können mir nicht den Mund verbieten." Walter ging im Streit. Nach einem Aufenthalt in den USA wechselte er 1987 zur Deutschen Bank nach Frankfurt, 1990 wurde er deren Chefökonom.

Dem bekennenden Katholiken Walter waren dabei stets auch Werte und Ethik in der Wirtschaft wichtig. Nach seinem Abschied von der Deutschen Bank setzte sich der umtriebige Vater zweier Töchter freilich nicht zur Ruhe: Er gründete unter anderem mit seinen Töchtern eine Beratungsfirma im Taunusort Bad Soden, die versprach: "Seine Prognosen, seine Provokationen, seine schlauen Sprüche können Sie also immer noch lesen und hören." Nun ist die einstige Stimme der Deutschen Bank verstummt.

J. Bender und H. Schmidt, DPA / DPA