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Norbert Walter im Interview: "Man muss auch mal Prügel beziehen"

Er galt als Schwarzseher, weil er früh vor einem gewaltigen Einbruch der deutschen Wirtschaft warnte. Verantwortungslos seien seine Prognosen, zürnte Finanzminister Peer Steinbrück damals. Doch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank scheint richtig gelegen zu haben. Im stern.de-Interview sagt Nobert Walter nun, wann er mit einem Aufschwung rechnet.

Herr Walter, Sie haben sich im Februar mit Ihrer Prognose, das deutsche Bruttoinlandsprodukt würde im fünf Prozent sinken, weit aus dem Fenster gelehnt. Jetzt sieht es so aus, als ob Sie Recht bekommen werden. Die Industrieumsätze sinken im Rekordtempo, sie sind - im Vergleich zum Vorjahr - um mehr als 23 Prozent abgesackt. Fühlen Sie sich bestätigt?

Das ist so, aber das hilft ja nichts. Wir haben jetzt ein Riesenproblem. Das, was wir seit dem Herbst 2008 beobachten ist der steilste Absturz, den es je gab. Das ist eine problematische Situation für Deutschland - vor allem, weil wir im Grunde geistig unvorbereitet waren. Wir haben gedacht, wir hätten alles richtig gemacht. Es war weder der deutschen Politik noch der Wirtschaft vermittelbar, dass wir als Exportweltmeister in so dramatischer Weise von der Entwicklung der Weltwirtschaft abhängen. Andere Länder haben ähnliche Strukturen, Singapur etwa. Die haben einen Rückgang des Sozialprodukts im ersten Quartal, der ist einfach brutal.

Bleiben Sie bei Ihrer Schätzung, das Bruttoinlandsprodukt werde um fünf Prozent schrumpfen?

Im Moment ist das eine vernünftige Schätzung, die braucht nicht korrigiert zu werden. Es gibt drei respektable Argumente, dass sich die Situation stabilisieren könnte: niedrige Rohstoffpreise, niedrige Zinsen und konjunkturstimulierende Programme. Ab Jahresmitte könnte sich die Produktion stabilisieren, im vierten Quartal könnte sie leicht steigen.

Finanzminister Peer Steinbrück hatte Ihnen nach Ihren Prognose Verantwortungslosigkeit vorgeworfen...

Das muss man halt ertragen. Ich habe das als realistische Perspektive gesehen. Man darf sich auch nicht erschrecken lassen, wenn einem jemand unlautere Motive unterstellt. Ich habe meinen Ruf nicht durch Selbstdarstellung begründet. Ich bin seit 35 Jahren im Prognosegeschäft und werde nach wie vor nachgefragt. Das scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass ich nicht allzu viele Fehler gemacht habe.

Die Bundesregierung rechnete zuletzt mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 2,25 Prozent. Inzwischen scheint sie jedoch davon auszugehen, dass die Wirtschaftsleistung 2009 trotz der Staatshilfen um gut viereinhalb Prozent sinken wird.

Ich weiß, dass die Bundesregierung auf das Urteil der Bundesbank sehr viel Wert legt. Die Bundesbank ist ziemlich genau bei meiner Schätzung für dieses Jahr. Damit wird sich dann die Schätzung der Bundesregierung davon nicht mehr sehr unterscheiden.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus F. Zimmermann, verzichtet auf eine Prognose für 2010. Die Makroökonomik befinde sich in einem Erklärungsnotstand, eine seriöse Prognose sei derzeit nicht möglich. Sie sehen das anders. Warum?

Wenn der Arzt, zu dem der Patient kommt, sagt, er kann das auch nicht beurteilen und das Fiebermessen einstellt, ist das nach meiner Einschätzung nicht klug. Man sollte allerdings seinen Kunden auch sagen: Es gibt Unsicherheiten beim Urteil. Das ist so. Als ich das erste Mal eine sehr kritische Aussage gemacht habe, im November 2008, habe ich auch gesagt: Ich will Euch nicht mehr sagen, was im nächsten Jahr herauskommt, sondern ich werde vier Szenarien entwerfen. Die hießen damals "Alles wird gut", "Keynes, Yes we can", Staatskapitalismus und Tsunami. Jedem dieser sehr unterschiedlichen Szenarien habe ich eine Annahme und Wahrscheinlichkeit beigefügt. Das ist eine Art, wie man mit erhöhter Unsicherheit umgehen kann. Einerseits sagt man etwas Plausibles, was die Planungen für Unternehmen und Bürger erleichtert - und auf der anderen Seite gaukelt man nicht Sicherheit vor, wo keine ist. Die Verweigerung von Makroökonomen, Aussagen zu treffen, ist nicht hilfreich.

Welche Unsicherheiten gibt es in Ihrer Prognose?

Ich habe zum Beispiel gesagt: Wenn mir jemand in dieser Situation mit Kommastellen in der Prognose kommt, dann suggeriert er Präzision, die derzeit niemand haben kann. Deshalb habe ich im vergangenen dreiviertel Jahr nur runde Zahlen angegeben.

Beim DIW heißt es: Die Prognostiker orientieren sich an der Herde der anderen Wissenschaftler und geben eine Prognose ab, von der sie denken, dass sie von der Wissenschaftsgemeinde akzeptiert wird. Dieses Imitationsverhalten verhindere, dass eine von der "Herde" stark abweichende Konjunkturanalyse erstellt wird.

Wenn man der erste ist, der eine kritische Prognose abgibt, kann einem Herdenverhalten ziemlich schlecht unterstellt werden. Ich bin bestraft worden, weil ich mich nicht der Herde gemäß verhalten habe. Aber wer kein Rückgrat hat, der ist geneigt, sich der Herde anzuschließen - statt seinen Kopf auch mal herauszustrecken und für eine ungewöhnliche Aussage auch Prügel zu beziehen.

Auf welche Daten stützen Sie sich bei Ihren Prognosen?

Zuerst sind das Plausibilisierungen aus Verläufen und Entwicklungen, die wichtige Randbedingungen für Entscheidungen sind. Etwa der Verlust von Eigenkapital oder die Gefahr von Unternehmenszusammenbrüchen. Ich schaue mir auch an, wie sich in wichtigen Absatzländern für Deutschland die Dinge entwickeln. Der eigentliche Grund für meine sehr abweichende Prognose im November des vergangenen Jahres war Japan. Das Land hat bessere Statistiken und eine schnellere Verfügbarkeit von Daten - und eine ähnliche Struktur. Als ich sah, dass die japanischen Exporte im September zusammengebrochen waren, habe ich gesagt: Kinder, jetzt ist meine Ruhe, Zuversicht und Geduld zu Ende.

Interview: Axel Hildebrand