Griechenland in der Krise Neues Staatsdefizit sorgt für Panik


Griechenland stürzt noch tiefer in die Krise. Nach der Bekanntgabe eines noch höheren Staatsdefizits reagieren die Märkte panikartig. Eine Ratingagentur stuft Griechenland ab. Das Land kann sich kaum noch selbst finanzieren und braucht wohl Hilfspakete.
Von Kai Beller, Tobias Bayer und Joachim Dreykluft

Die Ratingagentur Moody's reagiert auf das höhere Haushaltsdefizit Griechenlands - und stuft die Hellenen um eine Note von "A2" auf "A3" herab. Das sind vier Stufen über Ramschstatus. Die Entscheidung beruhe auf der Einschätzung, dass der Schuldenstand Griechenlands sich auf einem höheren und teureren Niveau einpendele als bisher erwartet, teilte Moody's in einer Stellungnahme mit. Der Ausblick ist negativ.

"Es ist unwahrscheinlich, dass das Rating bei 'A3' bleiben wird, sofern die Regierung nicht das Vertrauen in die Märkte wieder herstellt und sich der Gegenwinde von höheren Zinsen und geringem Wachstum entgegenstemmt. Sie könnten die Fähigkeit der Regierung, den Schuldenstand nachhaltig zu kürzen, untergraben", sagte Sarah Carlson, Senior Analyst von Moody's.

In Griechenland mehren sich derweil die Stimmen, das Rettungspaket von EU und IWF anzunehmen. Laut Agenturberichten pocht die Regierung in Athen darauf, dass die Hilfen bereit stehen und jederzeit abgerufen werden können. Es sei nun Zeit, dass Paket anzunehmen, wurde ein Regierungsvertreter von der Nachrichtenagentur Bloomberg zitiert.

Rekordrenditen auf Staatsanleihen

Zuvor hatten die Renditen für zehnjährige griechische Staatsanleihen neue Rekordstände erreicht. Der Zinssatz für zwei Jahre Restlaufzeit legte auf 10,104 Prozent zu. Das sind satte 2,3 Prozentpunkte mehr als am Vortag. Zum Vergleich: Deutsche Bundesanleihen mit zwei Jahren Laufzeit warfen 0,865 Prozent ab.

Die zweijährigen Griechen rentierten damit deutlich höher als alle anderen Restlaufzeiten des Landes. Zehnjährige Zinsen stiegen auf 8,761 Prozent, ein Aufschlag von 0,7 Prozentpunkten. Der Marktbewegung vorausgegangen waren neue Eurostat-Zahlen zum griechischen Staatsdefizit.

EU- und IWF-Hilfen sehr wahrscheinlich

Die sogenannte inverse Zinsstruktur - Kurzläufer rentieren höher als Langläufer - bedeutet für Griechenland nichts Gutes. Zum einen zeigen die massiven Verkäufe bei Kurzläufern, dass Anleihegläubiger massenhaft daraus fliehen, weil sie noch innerhalb der Laufzeit einen Zahlungsausfall befürchten. Außerdem blockiert die Zinsstruktur für den griechischen Staat die Möglichkeit, von langen auf kurze Laufzeiten zur Refinanzierung auszuweichen. Üblicherweise sind die Zinsen bei schneller Rückzahlung deutlich geringer.

Die Marktzinsen für Griechenland sind inzwischen insgesamt auf einem Niveau, bei dem das Land sich aus eigener Kraft kaum noch refinanzieren kann. Eine Inanspruchnahme der Hilfen von EU und IWF ist deshalb sehr wahrscheinlich. "Angesichts der hohen Spreads wird Athen nicht in der Lage sein, sich im Mai zu refinanzieren. Es erscheint daher unausweichlich, dass das Land die Nothilfen annehmen wird", sagte Gavan Nolan, Vice President Research beim Datendienstleister Markit.

Überraschend großes Defizit

Das Haushaltsdefizit Griechenlands war im vergangenen Jahr noch höher als bisher bekannt. Das Defizit belief sich auf 13,6 Prozent der Wirtschaftsleistung, teilte das Europäische Statistikamt Eurostat am Donnerstag in Luxemburg mit. Es könnte aber auch noch höher liegen: Wegen noch nicht bekannter Daten aus der Sozialversicherung könnte der Wert nochmals um bis zu 0,5 Prozentpunkte steigen, berichteten die Statistiker.

Die Regierung in Athen war bisher von 12,7 Prozent ausgegangen. Sie hatte kurz nach ihrem Antritt im Herbst letzten Jahres enthüllt, dass das Defizit damit doppelt so hoch war wie von der Vorgängerregierung prognostiziert. Griechenlands Finanzminister Giorgos Papakonstantinou hatte seine EU-Amtskollegen bereits vorgewarnt, dass das Defizit wahrscheinlich noch einige Zehntelprozent höher liegen werde. Athen werde trotzdem an seinem Ziel festhalten, das Defizit in diesem Jahr um vier Prozentpunkte zu drücken, versprach er.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso die Aktivierung des EU-Hilfspakets beinahe unausweichlich ist.

Derivat-Krise strahlt aus

In Athen laufen derzeit Gespräche zwischen Internationalem Währungsfonds (IWF), der EU und der Europäischen Zentralbank (EZB) mit der Regierung über das kombinierte EU-IWF-Hilfspaket in Höhe von insgesamt 45 Milliarden Euro. Am Ende sollen die Details der Finanzspritze an die Griechen genau definiert werden.

"Unser Ziel für eine Reduzierung des Defizits um vier Prozent ändert sich nicht", sagte Ministerpräsident Giorgos Papandreou während einer Sitzung seines Ministerrates. Er schloss nach der Eurostat-Mitteilung weitere Sparpakete nicht aus: "Unsere historische Verantwortung ist, jeden notwendigen Beschluss zu treffen, der die Griechen vor Schlimmerem bewahrt." Bisher versucht Premier Papandreou, sich aus eigener Kraft aus der prekären Situation zu befreien. Damit will er auch die Bevölkerung besänftigen. Neun von zehn Griechen, die von der Zeitung "Eleftheros Typos" befragt wurden, erwarten, dass der IWF zusätzliche Sparanstrengungen fordern wird. Schon jetzt regt sich Widerstand: Die Beamten des Landes gehen am Donnerstag zum vierten Mal seit Jahresbeginn auf die Straße. In vielen Krankenhäusern, Schulen und auch Ministerien wird die Arbeit niedergelegt.

IWF vor Einstieg

Der Kapitalmarkt hält es inzwischen für nahezu ausgeschlossen, dass Papandreou ohne das Rettungspaket auskommt. Nach der Rückzahlung von Anleihen im Volumen von 8,2 Milliarden Euro schätzen die Experten von Creditsights, dass das Land 7 Mrd. Euro in der Kasse hat. 1,6 Milliarden Euro an Schatzwechseln würden im April noch fällig, im Mai stünden Anleihen im Umfang von 8,1 Milliarden Euro und 355 Millionen Euro an. "Sofern die Gläubiger nicht bereit sind, einige dieser Papiere zu verlängern, bleibt den Griechen wohl nichts anderes übrig, als die Hilfen von EU und IWF anzunehmen", schrieb Creditsights-Experte David Watts in einer Analyse.

"Absurdes Signal"

Die Volkswirte von Société Générale halten das Volumen nur kurzfristig für ausreichend. "Griechenland muss dieses Jahr noch 26 Milliarden Euro refinanzieren. Der Betrag könnte geringer ausfallen, wenn die hellenischen Banken Staatshilfen in Höhe von 10 Milliarden Euro zurückzahlen", rechnen die Société-Générale-Experten in einem Researchbericht vor. "Mit dem Rettungspaket müsste Griechenland für 2010 und auch für Anfang 2011 nicht mehr den Kapitalmarkt anzapfen."

Doch über 2010 hinaus bleibe der Refinanzierungsbedarf hoch. 2011 und 2012 seien Anleiheemission im Volumen von jeweils 40 Milliarden Euro notwendig, schätzen die Société-Générale-Experten. "Die Zahlen gelten selbst dann, wenn die Regierung ihre Sparziele umsetzt", schrieben sie in ihrer Analyse. Athen will allein dieses Jahr das Haushaltsdefizit um vier Prozentpunkte senken.

Zunehmend wird deshalb über eine Umschuldung Griechenlands spekuliert. Das Land werde voraussichtlich die Zahlungen an die Anleiheinvestoren kürzen oder verschieben, schrieb Erik Nielsen, Volkswirt bei Goldman Sachs, in einem Researchbericht. "Die Anleger müssen auf Anzeichen achten, die auf eine freiwillige Restrukturierung der Schuldenlast in den kommenden Monaten hindeuten", führte Nielsen aus. "Ein Rettungspaket, das über Jahre gültig ist, in Kombination mit einer Umschuldung würde den Griechen mehr Luft zum Atmen schaffen. Dann hätte die Regierung auch mehr Zeit, die notwendigen Reformen einzuleiten."

Die Zinsstrategen der Commerzbank halten es für unwahrscheinlich, dass es kurzfristig zu solch einer erzwungenen Umschuldung kommen wird. Die Vorstellung sei "absurd": "Durch ein solches Ergebnis würde nicht nur die Glaubwürdigkeit von EU, EZB, und IWF ernsthaft Schaden nehmen, es wäre auch ein absurdes Signal, dass ein in Schwierigkeiten geratenes Mitglied der Währungsunion nicht die Zeit erhielte, seine Konsolidierungspläne umzusetzen", schrieben sie in einer Analyse. "Dies könnte auch für massive Turbulenzen bei den Spreads anderer Peripheriepapiere sorgen. Dennoch dürften die Märkte, bis Klarheit besteht, vorerst weiter in diese Richtung spekulieren."

Eine Umschuldung wäre auch aus anderem Grund brisant: Sie würde voraussichtlich ein Kreditereignis darstellen und damit Credit-Default-Swap-Zahlungen auslösen. Alle Investoren, die mit Kreditderivaten auf eine Pleite Griechenlands gewettet hätten, würden ausbezahlt.


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