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Größter Auftrag der Luftfahrtgeschichte: Airbus drängt auf den US-Markt

Der größte Auftrag der Luftfahrtgeschichte verteilt die Rollen in der Flugzeugindustrie neu. Der europäische Hersteller Airbus stößt dabei tief ins letzte Rückzugsgebiet seines Rivalen Boeing vor: den US-Markt. Boeing wird vom Jäger zum Gejagten.

Airbus schafft den Durchbruch in den USA: Nur wenige Monate, nachdem die Europäer den Tankflugzeugauftrag der US Air Force unter seltsamen Bedingungen an Boeing verloren haben, stößt Airbus erfolgreich mit seinen Verkehrsflugzeugen auf einen der bedeutendsten Luftfahrtmärkte der Welt vor. Der Megaauftrag von American Airlines wirbelt die ganze Branche durcheinander. Denn bisher sind die US-Airlines zumeist treue Boeing-Kunden.

Selbst die US-Presse zollte Airbus am Mittwoch Respekt: "Der Riesenauftrag ist ein Coup für den Boeing-Rivalen", titelte die "New York Times" online. "Das ist ein Wendepunkt", kommentierte Analyst Jason Adams von der japanischen Bank Nomura. American Airlines bestellt insgesamt 460 Flugzeuge fest - davon 260 bei Airbus. "Das bringt Airbus in eine sehr gute Position, um Boeing weitere Marktanteile abzunehmen", sagte Adams bei Bloomberg TV.

Die Flotten vieler US-Gesellschaften sind veraltet und müssen dringend erneuert werden. Und Airbus hat momentan den Flieger im Angebot, den alle haben wollen: die A320neo. Der Hersteller verspricht 15 Prozent weniger Spritverbrauch als beim Vorgänger. Boeing muss jetzt notgedrungen nachziehen und seine eigene, zuletzt in den 1990er Jahren grundlegend renovierte 737-Baureihe auf Vordermann bringen. Boeing erklärte dann auch erstmals öffentlich, seine Flieger ebenfalls mit Spritspartriebwerken aufrüsten zu wollen.

Airbus treibt Boeing gerade in noch nie dagewesener Art und Weise vor sich her: Seit Airbus-Chef Tom Enders im Dezember die modernisierte Neuauflage seiner A320-Modellfamilie vorgestellt hat, jagt ein Rekordauftrag den nächsten. Verkaufschef John Leahy dürfte mittlerweile Bestellungen und Vorverträge für rund 1200 der neuen Maschinen in den Büchern haben.

Auf der Pariser Luftfahrtmesse im Juni mutierte die konkurrierende Boeing 737 trotz ihres vielversprechenden Beinamens "Next Generation" ("Neue Generation") zum Ladenhüter - und die Amerikaner mussten den Spott der Europäer über sich ergehen lassen. "Wenn unsere Kollegen in Seattle nach dieser Show immer noch denken, die A320neo wäre nicht besser als ihre 737-NG, frage ich mich, was diese Leute eigentlich rauchen", lästerte Enders.

Die 737 bekommt nun ausgerechnet jene Triebwerke, die schon bei der A320neo den Durst zügeln sollen: die Leap-X des Herstellers CFM. Ganz so einfach, wie es klingt, ist die Modernisierung aber nicht: Im Gegensatz zu Airbus muss Boeing den Flieger voraussichtlich in wesentlichen Teilen neu konstruieren, um die Antriebe unterzubringen. Weil das ziemlich teuer werden dürfte, tendierte Boeing bislang dazu, bis 2020 gleich ein ganz neues Flugzeug zu entwickeln - einen Schritt, den Airbus erst für 2025 plant.

Doch die Aussicht, den Europäern bis dahin das wichtigste Flugzeugsegment praktisch alleine zu überlassen, war wohl zu düster. "Die Pariser Luftfahrtmesse war ein Weckruf", urteilte Analyst Adams. In den nächsten zwei Jahren dürften zwei von drei verkauften Maschinen aus der Kurz- und Mittelstreckenklasse stammen.

Für Airbus muss die Riesenbestellung von American Airlines eine besondere Genugtuung sein. Den Europäern ist noch gut die Schlammschlacht um den Tankflugzeugauftrag der US Air Force in Erinnerung. Dort hatte Boeing seinen ganzen Einfluss in Washington geltend gemacht und nach jahrelangem Hickhack am Ende den Zuschlag für das etwa 35 Milliarden Dollar schwere Geschäft erhalten - dabei hatte Airbus nach Meinung der meisten Experten das bessere Flugzeug im Rennen. Sogar ein eigenes Werk in den USA hätte Airbus bauen wollen. Nun kommen die Verkehrsjets wohl wie gehabt aus Europa.

Steffen Weyer, DPA-AFX und Daniel Schnettler, DPA / DPA