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Guerilla-Marketing: Werbung versetzt Boston in Panik

Für eine Nacht war die Millionenmetropole Boston im Ausnahmezustand – Bombenalarm, Straßensperrungen, Panik. Der Grund: Die Menschen sahen merkwürdig blinkende Leuchttafeln, die sie für Bombenzünder hielten. Tatsächlich war es eine Werbung für eine Zeichentrickserie.

Von Michael Gassmann, Nikolaus Röttger und Willy Theobald

Großalarm! Die Polizei sperrt Straßen, Brücken, große Abschnitte des Flusses Charles. Sonderkommandos zur Bombenentschärfung rücken an. Ganz Boston in Angst. Etwas Unbekanntes blinkt, an zentralen Stellen der Vier-Millionen-Metropole: Es sind Schalttafeln, rund 30 Zentimeter groß, mit LED-Leuchten.

Viele Menschen haben Angst, sie sehen Kabel, sie denken an Bomben. Doch es sind keine Bomben. Es ist nur Werbung - für einen sprechenden Milchshake. Das Emblem zeigt eine ikonografierte Figur, mit einem in die Luft gereckten Finger. "Das war ein schlechter Witz und ist auch gar nicht lustig", sagte Deval Patrick, der Gouverneur von Massachusetts. Der schlechte Witz kostet die Stadt Boston etwa eine halbe Million Dollar.

"Wir bedauern"

Initiator der Aktion, die gestern Boston in Angst und Schrecken versetzte, war der Kabelsender Turner Broadcasting System (TBS), der gemeinsam mit dem Nachrichtensender CNN zum Medienkonzern Time Warner gehört. Das Unternehmen wollte damit auf seine Zeichentrickserie "Aqua Teen Hunger Force" aufmerksam machen. Die handelt von den Abenteuern eines sprechenden Milchshakes, einer Tüte Pommes und eines Fleischklopses. "Die fraglichen Pakete sind Magnetleuchten, die keine Gefahr darstellen", erklärte TBS, "wir bedauern, dass sie für gefährlich gehalten wurden".

Aufmerksamkeit lässt sich nicht bezahlen

Solche Promotiongags sind in der Werbebranche seit Jahren als Guerilla-Marketing bekannt und führten in der Vergangenheit immer wieder zu spektakulären Missverständnissen. "Get people talking!" fordert Autor Mark Hughes in seinem Buch "Buzzmarketing". Nicht mehr kontrollieren zu können, was man mit solchen Tricks in die Welt setzt, sei eine Gefahr, warnen allerdings Experten.

Einst nur von kleinen Firmen eingesetzt, bedienen sich mittlerweile sogar Großunternehmen wie BMW, Nike oder Swatch dieser aufsehenerregenden Strategien. Legendär die Unilever-Aktion, bei der Zuschauer mit Werbeslogans auf T-Shirts in eine Live-Sendung eingeschmuggelt wurden. "So eine Medienaufmerksamkeit wie in Boston lässt sich mit Geld gar nicht bezahlen", sagt Michael Bernecker vom Deutschen Institut für Marketing.

Die Täter: Künstler und Installateur

Noch in der Nacht konnten die Bostoner Scherzkekse verhaftet werden: Ein Künstler und ein Installateur. Sie wurden wegen Störung der öffentlichen Ordnung dem Haftrichter vorgeführt.

Der 27-jährige Peter Berdowski, der sich selbst als "ein wenig ausgeflippt" bezeichnete, erklärte gegenüber der Polizei, er sei von der Wirkung der Aktion, genauso wie der Sender, vollkommen überrascht. Angeblich hingen einige der Tafeln schon seit drei Wochen. Die gleiche Werbekampagne lief übrigens auch in New York, Los Angeles und Chicago - erregte aber keinerlei Aufsehen. Dort ist man eben cooler.

FTD
  • Michael Gassmann