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Handwerker aus Polen: 1000 ganz legale Alleskönner

Für 20 Euro pro Stunde rücken Handwerker aus Polen auf Baustellen an - und schlagen deutsche Kollegen oft nicht nur beim Preis. Unterwegs mit der Konkurrenz aus dem Osten.

Eine Badsanierung für fünf Euro Stundenlohn? Janusz Bernadek, 35, schüttelt den Kopf. Sooo billig geht's nun auch wieder nicht! "Ich verlange 20 Euro pro Stunde", sagt der Pole, der in München lebt, Bäder fliest, Wohnungen renoviert und Gärten in Schuss hält. "Nur wenn ich einige Tage nichts zu tun habe, kann ich mit dem Preis runtergehen."

Sein Landsmann Karol Wojciech* (Name von der Redaktion geändert) kann sich beim Thema Geld richtig empören. "Wir sind doch keine billigen Jakobs, die jeden Konkurrenten gnadenlos unterbieten", sagt der 38-Jährige, der seinen wirklichen Namen nicht nennen will, obwohl alles legal ist, was er tut. Die Stimmung gegen die Polen sei schlecht, begründet er seine Geheimniskrämerei in bestem Deutsch. "Bis zu 35 Euro kostet die Stunde bei mir", sagt der groß gewachsene Pole, das Leben hier sei teuer. Miete, Kranken- und Unfallversicherung, dazu Haftpflicht und das Auto, außerdem 175 Euro für den Kellerraum, den er als Büro nutzt, und 108 Euro für die Garage, in der er Werkzeug und Baustoffe lagert; all das summiert sich.

Seit hierzulande über Billigarbeiter

in Schlachthöfen und Mindestlöhne debattiert wird, stehen osteuropäische Handwerker, die zwischen Flensburg und Füssen ihre Dienste anbieten, unter Generalverdacht, den Deutschen mit Dumpinglöhnen die Arbeit wegzunehmen. Vor allem polnische Fliesenleger wurden in den vergangenen Wochen zum Sinnbild für die Gefahr aus dem Osten. 2004 hat sich die Zahl der Fliesenlegerbetriebe mehr als verdoppelt. Die meisten dieser Start-ups stammen aus Osteuropa. Zum Beispiel in München: Von den 391 neuen Fliesenlegerfirmen kommen 265 aus den kürzlich beigetretenen EU-Staaten, fast alle aus Polen. Ähnlich sieht es in Hamburg, Hannover, Berlin, Düsseldorf und Frankfurt am Main aus.

Die Ursachen für die sonderbare Gründerzeit: Seit dem 1. 1. 2004 kann sich in Deutschland jeder zum Fliesenleger ernennen, der sich zur Kunst der Fuge berufen fühlt. Mit der Änderung des Handwerksrechts entfiel der Meisterzwang für 53 Berufe, so auch für Gebäudereiniger, Raumausstatter und Estrichleger. Zum Leidwesen der etablierten einheimischen Betriebe. "Fürs Fliesenlegen braucht nun niemand mehr etwas gelernt zu haben", klagt Nikolaus Orlop, Geschäftsführer der Bau-Innung in München. "Es reicht, wenn jemand sich Wasserwaage und Zollstock kauft und sagt: Ich bin Fliesenleger."

Ein weiterer Grund

für den Boom ist die EU-Osterweiterung, die seit dem 1. Mai 2004 den Arbeitsmarkt auch für Polen geöffnet hat: nicht für Einzelpersonen, aber für selbstständige Unternehmen. Die Osteuropäer nutzen diese Chance tatkräftig. Und sie wehren sich dagegen, deshalb scheel angesehen zu werden. Wie eben Janusz Bernadek, ein kleiner, rühriger Kerl mit kurzem Blondhaar. Seit September 2004 ist er als Fliesen-, Platten-, Boden-, Mosaik-, Parkettleger und Gebäudereiniger selbstständig. Nach München ist er seiner Frau wegen gekommen, die hier studiert hat. Das Paar hat sich mittlerweile getrennt, doch Bernadek sieht seine Zukunft weiterhin in Alpennähe, nimmt privat Deutschunterricht und besucht Konzerte.

Der Neu-EU-Bürger lebt in einer Einzimmerwohnung in der Innenstadt. Einen Computer, auf dem er Rechnungen schreibt, ein paar Werkzeuge, mehr braucht er nicht für seinen Handwerksbetrieb. Der Mann, der die Hemdsärmel akkurat hochgekrempelt hat, will nicht über den Preis allein ins Geschäft kommen, sondern dank seiner Arbeitsmoral. "Ich erlebe auf Baustellen deutsche Handwerker, die kommen später als ich, gehen früher als ich und wollen gleich viele Stunden bezahlt haben", erzählt er. Die Hochlohnhandwerker ließen pünktlich um 16 Uhr die Kellen fallen, selbst wenn nur noch zwei Quadratmeter zu fliesen seien. "Ich arbeite auch bis Mitternacht", verspricht er. Und als sei die Rede des Bundespräsidenten bei ihm angekommen, fügt er hinzu: "An die Arbeit!"

Dass die Löhne in den Keller sacken, macht inzwischen auch den Polen selbst zu schaffen. Pawel Bykowski, 30, klagt: "Zehn bis 13 Euro, das kommt vor. Auch deutsche Betriebe gehen mit den Preisen runter." Langsam wird es finanziell eng. Dabei spart Fliesenleger Bykowski schon die Miete für ein Lager. "Ich kaufe Material, wenn ich es brauche", erzählt er. Dann prüft er gemeinsam mit den Kunden die Angebote im Baumarkt. Auto und Werkzeugkoffer genügen ihm als Betriebsausstattung. Aufträge verschafft sich Bykowski über Beziehungen. "Ich kenne viele Leute, ganz wichtig sind Architekten. Mit etwas Glück kommen Aufträge." Die Kachelmänner sind überall auf Kundenfang: mittels Kleinanzeigen, Eintragungen in den Datenbanken der Handwerkskammern, im Internet. "Die besten Kunden sind Hausverwaltungen", sagt Wojciech.

Billiger als ein hiesiger

Meisterbetrieb sind die Ostmänner allemal. Deutsche Firmen verlangen in der Regel mehr als 40 Euro für die Gesellenstunde. Und weil sie wissen, dass das sehr viel Geld ist, legen sie Zahlen vor, die beweisen sollen, dass es günstiger nicht geht. So machte die Handwerkskammer Stuttgart folgende Rechnung auf: Kassiert ein Handwerker 44 Euro pro Stunde, so entfallen nur 13 Euro auf den Arbeitslohn. 11,47 Euro sind Lohnzusatzkosten, 18,33 Euro verschlingt der Betrieb des Unternehmens. Bleibt als Gewinn: 2,20 Euro. Doch immer mehr Kunden beeindruckt diese Kalkulation nur mäßig. Sie sehen: 40 Euro für den Meisterbetrieb gegen 20 Euro für den polnischen Einzelflieser. Wie das ausgeht, ist klar.

Doch was bekommt man da für sein Geld? Er arbeite "schnell, sauber, gut", verspricht Bernadek. Vielseitigkeit hat der gelernte Automechaniker zu seiner Maxime erkoren: "Ich bin heute Fliesenleger, morgen Hausmeister." Woher er das alles kann? "Fliesenlegen ist nicht schwer, das habe ich in einer Woche gelernt. Wenn ich was nicht kann, gehe ich auf eine Baustelle und schaue mir ab, wie das gemacht wird."

Ein Selfmade-Mann

in Sachen Fliesenlegen ist auch Wojciech. "Ich habe nie gedacht, dass ich mal auf dem Bau arbeite", erzählt er. Im Import-Export-Geschäft und im Lebensmittelhandel war er tätig. "In unseren Wohnungen haben wir alles selber gemacht. Ein Architekt sagte mir, dass ich das gut mache." So geadelt fühlte er sich gerüstet für das Handwerk. Wojciech besucht nun deutsche Handwerksmessen, um sich fortzubilden, lädt sich aus dem Internet DIN-Normen runter. Nur an Weihnachten und zu Ostern fährt er die 680 Kilometer nach Polen zu Familienfeiern. "Was soll ich sonst dort? München ist mein Zuhause", sagt er. Von seiner Frau ist er geschieden, den Kontakt zu seinen beiden Söhnen, 16 und 19 Jahre alt, hält er per Telefon. "Für 2,7 Cent die Minute."

Sein Kollege Bykowski kann den Ärger deutscher Handwerker über die Ostkonkurrenz verstehen. "Wenn uns in Polen die Russen unterbieten, werden wir auch sauer. Aber, mein Gott, was will man machen?" Das sei halt eine der Folgen der Liberalisierung durch die EU. "Deutsche Supermarktketten haben halb Polen aufgerollt, wir polnischen Einzelhändler waren die Verlierer", erinnert sich Wojciech. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs war er oft in München. "Wir Polen haben doch nicht bis zum 1. Mai 2004 gewartet, um nach Deutschland zu kommen", sagt er und lacht laut bei der Frage, was das heißen soll. "Wir haben schwarz für deutsche Betriebe geschuftet."

Als Schuldige,

die patriotischen deutschen Kunden Niedrigstpreise aufzwängen, sehen sich die Osthandwerker jedenfalls nicht. "Die Kunden sind es doch, die um jeden Euro feilschen. Oft muss ich fünf oder sechs Angebote machen, bis ich den Zuschlag bekomme", erzählt Wojciech. Und es amüsiert ihn, dass er am Schluss auch noch drei Prozent Skonto einräumen soll. "Aber das mache ich natürlich auch."

Mathias Rittgerott / print