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Hauptversammlung ProSiebenSat.1: Sat.1 sucht den Superaktionär

Die Aktionäre des TV-Konzerns ProSiebenSat.1 sind nicht begeistert, dass Konzernboss Guillaume de Posch Stellen abbauen und Nachrichtensendungen streichen will. Und auch die Medienaufsicht ist hellhörig geworden und droht dem Sender nun mit Entzug der Sendelizenz.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Die erste neue Idee ist schon da. Manfred Klein, Aktionär bei der ProSiebenSat.1 Media AG, schlägt eine kunterbunte TV-Show vor mit dem Namen "Deutschland sucht den Superaktionär". Moderiert von Heidi Klum und Katharina Witt. Natürlich nur ein böser Seitenhieb, wie er viele austeilt am Dienstag bei der jährlichen Hauptversammlung der Sendergruppe in München. Adressat: Konzernboss Guillaume de Posch. Der täte vielleicht ganz gut daran, über die "Superaktionärs-Show" zumindest einmal nachzudenken. "Wir Aktionäre werde reihenweise flüchten, wenn die Herren so weiter machen", wettert Manfred Klein. Er stimmt damit ein in den Chor der vielen verärgerten Stimmen über die aktuellen Maßnahmen der ProSiebenSat.1 Media AG: 80 Mitarbeiter in München und 100 Mitarbeiter in Berlin - davon 80 mit befristeten Verträgen - werden bald ohne Job dastehen; die Formate "Sat.1 am Abend" und "Sat.1 News - Die Nacht" sollen demnächst aus dem Programm fliegen - und folgen so "Sat.1 am Mittag", das bereits ab Mittwoch nicht mehr ausgestrahlt wird.

Über das Warum besteht kein Konsens. Die verärgerten Stimmen, darunter die einiger Aktionäre, sagen: Gewinnmaximierung durch Stellenabbau. De Posch plant, wie es heißt, die Rendite in den nächsten Jahren von derzeit 22,2 Prozent auf bis zu 30 Prozent erhöhen - angeblich auf Druck der neuen Eigentümer, den Finanzinvestoren KKR und Permira. Ein langer, steiniger Weg. De Posch aber bestreitet, dass er von den Gesellschaftern losgeschickt wurde oder von der Beratungsfirma McKinsey, die den Konzern jüngst analysierte. "Die Entscheidung über sämtliche Maßnahmen - sowohl der Programmreform bei Sat.1 als auch der Sparmaßnahmen in der Gruppe - ist alleine vom Management dieser Gruppe getroffen worden", betonte de Posch während der Hauptversammlung. Der Grund dafür liege woanders: "Sat.1 hat bei den Zuschaueranteilen im vergangenen Jahr einen ganzen Prozentpunkt eingebüßt." Der neue Senderchef Matthias Alberti werde Sat.1 mit einem neuen Konzept wieder nach vorne bringen. Mittelfristig werde es in der ProSiebenSat.1-Gruppe wieder einen Aufbau von Stellen geben. Manfred Klein jedoch vermutet Augenwischerei. "Es kann nicht sein, dass das Programm baden geht, um die Rendite zu erhöhen", schimpfte er laut weiter.

Nachrichten suche der Zuschauer bei ProSiebenSat.1 nicht

Doch die geplanten Einsparungen von 80 bis 90 Millionen Euro sind offenbar dringend nötig, um die hohen Finanzierungskosten der Kredite zu stemmen. Obwohl 2006 ein Rekordgewinn von über 240 Millionen Euro eingefahren wurde, drücken über vier Milliarden Euro Schulden. Die ProSiebenSat.1 Media AG ist neuer Eigentümer der europäischen Senderkette SBS. Kaufpreis: 3,3 Milliarden Euro, zuzüglich Schulden der SBS-Gruppe von 1,24 Milliarden Euro. "Ein unverschämter Preis", sagt Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SDK). "Wie soll das denn bitteschön getilgt werden." Laut Schneiders Berechnungen werde es 14,7 Jahre dauern, bis sich die Sendergruppe finanziell wieder erholt habe. Mehr als einmal würde Ex-Nachrichtensprecherin Anne Will wohl ihre Augenbraue heben, wenn ihr folgendes zur Ohren käme: Der Aufsichtsrat genehmigte sich auf der Hauptversammlung trotzdem höhere Gehälter.

Gemäß dem Sendermotto "We Love to Entertain You" nun zum nächsten Aufreger: Ist es zu verantworten, dass ProSiebenSat.1 seine Informationssendungen einfach aus dem Programm nimmt? Ja, sagt Sat1-Unternehmenssprecherin Katja Pichler: "Der Zuschauer sucht bei uns etwas anderes." Deshalb warten schon 60 neue Programmideen, 40 Formate werden als Pilotsendungen laufen. Schwerpunkte: Fiction, Dokus, Unterhaltung. Und überhaupt, so Pichler weiter: "Wir streichen keine Nachrichten, wir streichen Infotainment-Formate." Auch Guillaume de Posch sagt: "'Sat.1 am Mittag' ist ein reines Boulevardmagazin." Die Hauptnachrichten um 18.30 Uhr blieben weiterhin erhalten, ebenso das Frühstücksfernsehen mit seinen News-Blöcken.

Ist es wirklich ein Verlust von Nachrichtensendungen?

Rolf Platho von der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) sieht hingegen Probleme kommen. Da zum lizenzierten Vollprogramm, wie es Sat.1 bislang zugesprochen wurde, ein gewisser Anteil an Informationssendungen gehört, käme der Sender nun in Bedrängnis. In der "Süddeutschen Zeitung" kündigte Platho an, die LMK werde genau überprüfen, ob die Lizenzanforderungen erfüllt blieben. Nur am Rande: Ob man bei Sat.1 wirklich von einem Verlust von Nachrichtensendungen sprechen sollte, wie es dieser Tage viele tun, bleibt allerdings dahin gestellt - je nachdem, was man heutzutage als Nachrichtensendung definiert.

Am Donnerstag soll in München ein standortübergreifendes Treffen mit allen Betriebsratsvorsitzenden und der Geschäftsführung stattfinden. Weit weg von dem Trubel in der Senderfamilie ist wohl nur einer: Moderator Thomas Kausch. Sat.1-Sprecherin Katja Pichler teilte mit, Kausch befinde sich "faktisch im Urlaub", sei vom Sender aber "nicht beurlaubt". Sie bestätigte, dass Kausch einen Tag vor Antritt seines Urlaubs sein Büro geräumt habe.

Das wäre doch sicher eine Meldung wert in "Sat.1 am Mittag" - wenn es die Sendung denn noch gäbe.

  • Sylvie-Sophie Schindler