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Schutz von Arbeitnehmern: Warum das Home-Office eigentlich gegen das Arbeitszeitgesetz verstößt

Flexibles Arbeiten soll Mitarbeiter entlasten und motivieren. Statt starr acht Stunden an den Bürostuhl gefesselt zu sein, ist Ort und Zeit frei gestaltbar. Was schön klingt, ist ein großes Problem für Unternehmen - denn sie verstoßen mitunter gegen das Arbeitszeitgesetz.

Wer zu Hause arbeitet, sollte die Arbeitszeiten im Blick behalten

Wer zu Hause arbeitet, sollte die Arbeitszeiten im Blick behalten

Getty Images

Statt erst um neun ins Büro zu schlurfen, sitzt der Mitarbeiter schon kurz nach acht an seinem Rechner. Die ersten Mails hat er eh schon beim Kaffee getippt. Die Mittagspause zieht er vor und macht Sport. Nachmittags unterbricht er die Arbeit und verbringt Zeit mit seinen Kindern, um dann später am Abend noch weiterzuarbeiten. Die schöne neue Welt im Home-Office macht es möglich.

Oder eben auch nicht, denn die spätabendliche Mail oder der noch schnell beendete Vertrag, der noch fertig werden musste, stellt Arbeitsrechtler vor ein Problem: Eigentlich müsste der Mitarbeiter nun elf Stunden die Arbeit ruhen lassen. So will es das Arbeitszeitgesetz. Doch bis zur morgentlichen Mail sind es deutlich weniger Stunden. Ein Verstoß.

Home-Office und Arbeitszeitgesetz

Das Arbeitszeitgesetz ist recht starr und war für den Büroalltag eindeutig. Acht Stunden am Tag darf gearbeitet werden, in Ausnahmen sogar auch mal zehn. Danach ist für elf Stunden Schluss. Mit der neuen Flexibilisierung des Arbeitsplatzes stößt das bisherige Recht an seine Grenzen. Das sehen auch Unternehmen so. Denn wer seine Angestellten im Home-Office regelmäßig über zehn Stunden arbeiten lässt oder die Ruhephasen nicht einhält, begeht Rechtsbruch. "Flexibles Arbeiten im Homeoffice ist ganz oben auf der Wunschliste vieler Arbeitnehmer, um Beruf, Familie und Freizeit besser zu vereinbaren. Allerdings stehen der selbstbestimmten Arbeitszeitgestaltung gesetzliche Hürden wie der zu starre Acht-Stunden-Arbeitstag und die elfstündige Mindestruhezeit entgegen", sagt Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer von Bitkom, dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien. "Durch die Mindestruhezeit setzt der Gesetzgeber Unternehmen und ihre Mitarbeiter massenhaft ins Unrecht. Es ist höchste Zeit, diese antiquierte Regel zu ändern." Der Verband hatte Arbeitgeber zum Thema Home-Office befragt. Rund jeder dritte befragte Chef gab an, dass die bestehenden Arbeitsschutzbestimmungen mit der Idee vom Home-Office kollidieren.

"Stechuhr hat ausgedient"

Arbeitgeber- und Industrieverbände klagen regelmäßig über die bestehenden Regeln. "Dieser Entwicklung müssen die geltenden Arbeitszeitregelungen angepasst werden. Die starren Grenzen des Arbeitszeitgesetzes wie zur täglichen Höchstarbeitszeit oder zur Sonn- und Feiertagsbeschäftigung passen nicht ins digitale Zeitalter. An die Stelle unflexibler gesetzlicher Regelungen müssen tarifvertragliche oder betriebliche Vereinbarungen treten", so die Position vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. "Stechuhr und Kernarbeitszeit haben in vielen Jobs längst ausgedient, die Erwerbstätigen möchten zunehmend flexibel und selbstbestimmt arbeiten", sagt Rohleder. "Eigenverantwortliches und projektorientiertes Arbeiten wird künftig immer wichtiger. Neue Technologien machen das heute schon möglich."

Tatsächlich legte die ehemalige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) auch ein Papier vor, das es Firmen ermöglichen sollte, flexiblere Arbeitszeitmodelle auszuprobieren. Durchsetzen konnte sie den Vorstoß nicht. Im neuen Koalitionsvertrag wurde die Nahles-Idee watteweich gespült. Ob sich politisch etwas tut, ist unklar.

Also einfach weitermachen wie bisher? Das könnte rechtlich heikel werden - spätestens dann, wenn sich ein Rechtsstreit zwischen Chef und Angestelltem abzeichnet. Denn hat ein Mitarbeiter nachweislich seine Ruhephase verkürzen müssen oder musste er länger als zehn Stunden arbeiten, kann das Konsequenzen für den Arbeitgeber haben.

Politik muss reformieren

Juristen empfehlen derzeit, eine Betriebsvereinbarung zu dem Thema aufzusetzen. Die regelt die Dokumentation der Arbeitszeit - aufgeweicht werden darf das Arbeitszeitgesetz aber nicht. Solange die Politik keine neue Regelung festlegt, bewegen sich Angestellte und Arbeitgeber in einer Grauzone. Im März hatte die FDP-Fraktion einen Gesetzesentwurf eingereicht. Der sieht vor, dass es statt starrer Stundenvorgaben pro Tag eine maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden gibt. Ähnliches hatten auch schon die Wirtschaftsweisen vorgeschlagen. "Der Arbeitnehmerschutz in Deutschland hat sich bewährt, aber er ist teilweise nicht mehr für unsere digitalisierte Arbeitswelt geeignet",sagte Christoph Schmidt, der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, der "Welt am Sonntag". "So brauchen Unternehmen beispielsweise Sicherheit, dass sie nicht gesetzwidrig handeln, wenn ein Angestellter abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und dann morgens beim Frühstück seine Mails liest. Dies würde nicht nur den Firmen helfen, sondern auch den Mitarbeitern, die mit der digitalen Technik flexibler arbeiten können."

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