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Keinen Bock auf Home-Office: Der Mythos der schönen neuen Arbeitswelt

Weniger Hierarchie, weniger Struktur, mehr Kreativität, mehr Flexibilität. Firmen, Gewerkschaften, Mitarbeiter - alle feilen an der Arbeitswelt von morgen. Doch nicht jeder will das.

Home-Office liegt nicht jedem

Home-Office liegt nicht jedem

Der Geist einer neuen Arbeitskultur durchweht die Büros der Republik. Zumindest in den innovativeren Firmen des Landes. Weniger Hierarchie, weniger Struktur, mehr Kreativität und mehr Flexibilität – sind einige der Leitlinien, die derzeit jeder moderne Manager drauf haben sollte. Es ist der Zeitgeist einer neuen Wirtschaftsepoche. Und fraglos eine notwendige Entwicklung, in einer Wirtschaftswelt, die von der digitalen Revolution umgepflügt wird, in der Organisationen agil, flexibel und innovativ sein müssen, um zu überleben.

Doch bei aller Innovationseuphorie - im Überschwang dieser radikalen Modernisierungsbewegung wird ein ganz wichtiger Punkt übersehen: Nicht zu jeder Firma und jeder Abteilung passt diese neue Arbeitsweise. Nicht jeder will in einem Fabrik-Loft mit Rohbeton-Wänden arbeiten. Nicht jeder ist der geborene Innovations-Entrepreneur.

Es gibt Menschen, die wollen nicht jeden duzen

Es gibt Menschen, die wollen keine Verantwortung tragen, hassen Veränderung und fühlen sich sehr wohl im Alltagstrott. Diese Menschen wollen eine Büropflanze im Zimmer und finden Licht aus Neonröhren ok, trinken gerne Filterkaffee und haben nichts gegen Zeiterfassung und Stechkarten. Weil es ihnen Halt gibt und eine feste Struktur.

Und ja, auch wenn es in Teilen Berlins schwer vorstellbar ist: Es gibt sogar Menschen, die wollen nicht jeden duzen. Und diese Menschen tragen im Büro vielleicht tatsächlich gern einen Anzug mit Krawatte. Und wenn es nur dafür ist, diese Krawatte zum Feierabend abzulegen.

Wenn man genau hinschaut, dann gibt es in vielen Abteilungen und Teams zwei Lager, zwei Geschwindigkeiten. Es gibt die, die voranpreschen, unternehmerisch sind, kreativ aufblühen, wenn man ihnen Freiheit und Selbstverantwortung gibt. Und es gibt die, die sich davon gestört fühlen, in die Ecke gedrängt, sogar überfordert. Ein bisschen „Stromberg“ existiert eben in jedem Büro.

10 Tipps: So klappt Homeoffice
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Unterschiedliche Charaktere respektieren

Bitte nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es viele Wege, Menschen noch mehr zu motivieren, noch mehr zu beflügeln, noch mehr aus ihnen rauszuholen als es in der alten Arbeitswelt der Fall war. Doch man wird dabei auch an Grenzen stoßen. Es wird immer diese unterschiedlichen Charaktere geben. Das muss man nicht nur akzeptieren, sondern auch respektieren.

Man wird nicht jeden Menschen zum superinnovativen Entrepreneur machen können. Und das ist auch gut so. Kein Team, keine Wirtschaft, keine Gesellschaft kann ausschließlich aus kreativen Freigeistern bestehen. Es braucht immer auch die, die verwalten, was andere erschaffen haben.

Es ist daher an der Zeit, nicht nur darüber zu reden, wie man in Konzernen Start-up-Kultur einführt und alle kreativer macht. Sondern auch darüber nachzudenken, wie man auch die mitnimmt, die das einfach nicht wollen. Beziehungsweise in welchen Bereichen Start-up-Kultur nicht einfach übergestülpt werden sollte, nur weil es gerade Zeitgeist ist.

Übrigens: Diese Frage betrifft letztlich nicht nur die Wirtschaftswelt. Sie hat eine viel größere, hochaktuelle Dimension. Diese Grundfrage steckt in allen derzeitigen Diskussionen rund um Donald Trumps Wähler, Populismus, den „Abgehängten“: Ein Teil der Gesellschaft ist offen und umarmt die neuen Freiheiten und Möglichkeiten, die sich durch Digitalisierung und Globalisierung ergibt. Ein anderer Teil ist von diesen sich auflösenden Strukturen überfordert, fühlt sich bedroht, zieht sich zurück. Und würde sich in der Folge am liebsten einmauern.

Umso wichtiger ist die Frage, wie man mit dieser Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse umgeht - in der Wirtschaft ebenso wie in der Gesellschaft insgesamt.

Der Artikel ist zuerst bei dem Wirtschaftsmagazin Capital erschienen. Weitere Kolumnen des Autoren Martin Kaelble: New Work vs. Old WorkInnovation-OverkillRaus aus dem BüroWas man von Start-Ups lernen kannSehnsucht nach OfflineJede Firma wird eine Tech-CompanyTanker vs. SchnellbootSorgt die Digitalisierung für mehr Ungleichheit? und Wo bleibt das deutsche Tesla?

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