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Tipps von der Caritas: Sollte ich Bettlern Geld geben?

Deutschland geht es gut und dennoch gehören Bettler zum Stadtbild dazu. Sie sind der sichtbare Beleg von Armut in unserer Gesellschaft. Die Reaktionen reichen von Mitleid bis Ablehnung, also, wie mit ihnen umgehen? Die Caritas hat ein paar Vorschläge.

Bettler auf der Straße

Bettler auf der Straße - unterstützen oder ignorieren?

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Was empfinden Sie, wenn Sie einen bettelnden Menschen sehen? Der kniend auf dem nass-feuchten Boden in Fußgängerzonen hockt? Mitleid? Oder doch eher ein mulmiges Gefühl? Spenden Sie etwas? Oder gehen Sie schnell weiter? 

Bettler führen uns recht deutlich vor Augen, dass Armut auch ein Teil unserer gesellschaftlichen Geschichte ist. Sie kauert mal still in der Innenstadt, mal geht sie bittend durch die Abteile der Bahnen. Über den Umgang mit bettelnden Menschen lässt sich trefflich streiten. Die Caritas hat nun pünktlich zur Vorweihnachtszeit ein paar Tipps zusammengestellt, die helfen sollen, mit Bettlern umzugehen.

1. Geld geben oder weitergehen?

"Die kaufen sich von deiner Spende doch eh nur Alkohol oder Drogen", so lautet eine Floskel auf die Frage, ob man bettelnden Menschen Geld geben sollte. Die Caritas ist da recht schonungslos. "Menschen, die auf der Straße leben, haben oft Suchtprobleme. Sie brauchen den Alkohol, um zu überleben, auch wenn sich das erst einmal paradox anhört. Ein kalter Entzug auf der Straße kann lebensbedrohlich sein", heißt es dort. Auch wenn man sich wünschen würde, dass die Menschen sich etwas zu essen kauften, beeinflussen kann man es nicht. 

2. Sind Sachspenden nicht viel besser als Geld?

Gegenfrage: Wenn man ungefragt dem bettelnden Menschen einen Kaffee und ein Brötchen spendiert, ist es vielleicht der zehnte Kaffee. Und eigentlich mag der Mensch gar keinen. Dann hilft die Spende wenig. Der Tipp der Caritas: Fragen Sie doch einfach mal, was der Bettelnde braucht. Socken? Rasierer? Neue Schuhe? Mit einem Gespräch signalisiert man neben einer möglichen Spendenbereitschaft auch Menschlichkeit. Wer sich schwertut, einfach Geld auf der Straße zu spenden, könne auch Vereine oder Initiativen unterstützen.

3. Warum sind Begegnungen mit Bettlern so unangenehm?

Diese Menschen, die dort auf dem Fußboden kauern, zeigen uns recht eindrücklich, dass sozialer Abstieg und bittere Armut in Deutschland sehr wohl möglich sind. "Viele Geschichten zeugen davon, wie schnell ein 'Abstieg aus der Gesellschaft' erfolgen kann. Keiner kommt obdachlos zur Welt. Meist sind es mehrere Schicksalsschläge, die zusammenkommen. Manches Mal reicht ein Moment aus, um eine ganze Kettenreaktion in Gang zu setzen: Jobverlust, Überschuldung, Trennung, Räumungsklagen, häusliche Gewalterfahrung in der Kinder- und Jugendzeit …", fasst die Caritas die Probleme zusammen. 

4. Es gibt ja immer mehr Menschen, die betteln ...

Die Caritas sagt, das stimmt. "Nicht nur subjektiv, auch objektiv haben Obdachlosigkeit und Armut zugenommen. Seit 2014 gibt es zum Beispiel keine Arbeitsbeschränkungen mehr für Menschen aus den südosteuropäischen Ländern der EU. Aufgrund extremer Verarmung in diesen Ländern machen sich die Menschen auf den Weg, um in Deutschland Arbeit und ein Auskommen zu finde", schreibt die Caritas. Darüber hinaus gebe es arme Menschen, denen man diese Armut nicht sofort ansieht.

5. Ist die Not der Menschen echt? Oder nur gespielt?

"Für jeden bettelnden Menschen gilt: Keiner lebt ohne Grund auf der Straße. Sie können für mich nachvollziehbar sein oder nicht. Es gibt immer Gründe, warum Menschen betteln oder auf der Straße leben", so die Caritas. "Auch bettelt keiner freiwillig. Das Leben eines Bettlers ist nicht leicht. Viele sind krank und werden von Passanten beschimpft." 

6. Aber niemand muss betteln in Deutschland.

Sind Sie sich sicher? Selbst mit mehreren Jobs gibt es inzwischen Arbeitnehmer, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Niedriglöhne oder Teilzeitfalle sind nur zwei Gründe, warum man trotz Job arm sein kann. "Das Zerstörerische solcher Vorurteile ist, dass sie eine eigene Art von Realität schaffen. Sie bilden den Boden für eine Stimmung, die dem Arbeitslosen selbst die Schuld für seine Arbeitslosigkeit zuschiebt. Damit schwindet das Bewusstsein der politischen Verantwortung für die Steuerung der strukturellen Rahmenbedingungen und das Bewusstsein der solidarischen Verantwortung für die Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Heute wird nur noch jede(r) elfte Hartz IV-Empfänger(in) mit einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme gefördert", so die Caritas.

7. Gibt es organisierte Bettel-Banden?

"Menschen aus Südosteuropa betteln, weil sie keine Arbeit in ihrer Heimat finden. Sie sind auf das Betteln als Einkommen für ihre Familien angewiesen. Die bittere Armut und die Ausweglosigkeit in ihrem Heimatland zwingen sie dazu. Ihre starke Familien- und Gruppensolidarität führt dazu, dass sie sich gemeinsam auf die Reise machen, gemeinsam wohnen und das Betteln gemeinsam organisieren. Die Gleichsetzung von 'organisiert' mit 'kriminell' ist nicht haltbar", schreibt die Caritas. "Und mal ehrlich: Sieht die bei Wind und Wetter auf dem Bahnhofsvorplatz sitzende Bettlerin osteuropäischen Einschlags im offenbar erbarmungswürdigen Zustand, mit dem Becher in der Hand und dem nach unten gerichteten Blick, wie eine Gewinnerin aus?"

Den gesamten Leitfaden finden Sie hier.

Fanny H. 

kg
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