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Studie: Armut in der Nachbarschaft - wie Gettos in Deutschland entstehen

Arm und Reich teilen sich immer weniger Stadtteile, hat eine neue Studie herausgefunden. Demnach bilden sich zunehmend Armen-Gettos, der Traum einer sozial gemischten Stadt scheint eine Illusion. Sozialwohnungen verstärken diese Entwicklung.

Das Kottbusser Tor in Berlin

Das Kottbusser Tor in Berlin gilt als sozialer Brennpunkt. 

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Das Kottbusser Tor in Berlin gilt als sozialer Brennpunkt. Drogen, Gewalt, Armut - die Ecke in Kreuzberg hat mit vielen Problemen zu kämpfen. "Auch durch die Drogenpolitik des Landes Berlin entwickelte sich das Kottbusser Tor zum Aufenthaltsort eines Teils der Berliner Drogenszene. Darüber hinaus zeigt das Gebiet deutliche Spuren mangelnder Pflege, Müll, Verwahrlosung, Graffiti und schlechtes Design breiten sich aus und führen insgesamt zu einer von vielen negativ bewerteten Situation", heißt es in einem Stadtentwicklungsbericht der Stadt Berlin. Dort leben viele Menschen in , ein überdurchschnittlicher Anteil der Mieten wird aus "Transfereinkommen" gezahlt, also vom Staat. Die Kaufkraft ist gering. Wer hier lebt, hat meist wenig - genauso wie der Nachbar.

Armut in Deutschland: Wie Gettos entstehen

Arme und reiche Menschen wohnen in Städten immer seltener Tür an Tür. Statt einer sozial gemischten Stadt bilden sich zunehmend Gettos, zeigt eine Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung. Die Forscher untersuchten für 74 Städte in Deutschland die Entwicklung der sozialräumlichen Segregation von 2005 bis 2014. Das Ergebnis: "In gut 80 Prozent der untersuchten Städte hat seit 2005 die räumliche Ballung von Menschen, die Grundsicherung nach SGB II beziehen, zugenommen – am stärksten dort, wo viele Familien mit kleinen Kindern (unter 6 Jahren) und viele arme Menschen leben", so die Studienautoren. Vor allem in ostdeutschen Städten wie Rostock, Schwerin, Potsdam, Erfurt, Halle und Weimar sei diese Entwicklung besonders stark. Aber auch in Kiel, Saarbrücken und Köln konnte man eine Gettoisierung beobachten. 

Arme Kinder haben weniger Chancen

"Dieses Niveau kennen wir bisher nur von amerikanischen Städten", sagt Marcel Helbig, einer der Autoren der Studie. Als "historisch beispiellos" bezeichnet er die Dynamik, mit der die sozialräumliche Spaltung der ostdeutschen Städte binnen weniger Jahre zugenommen habe. Eine gefährliche Entwicklung, denn wer in einem "Armenviertel" aufwächst, hat deutlich schlechtere Chancen im späteren Leben. "Diese Entwicklung kann sich negativ auf die Lebenschancen armer auswirken. Aus der Forschung wissen wir, dass die Nachbarschaft auch den Bildungserfolg beeinflusst", so die Forscherin Stefanie Jähnen.

Doch nicht alle Städte im Osten sind von dieser sozialen Spaltung betroffen. In Magdeburg und Dresden konnten die Forscher diese Entwicklung nicht beobachten. Die Begründung: Beide Städte seien im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört worden. Bei der Nachkriegsbebauung verteilten sich Neu- und Plattenbauten ausgewogen im Stadtraum. Das förderte auch die soziale Durchmischung. In anderen Städten entstanden die Hochhaus-Burgen am Stadtrand und befeuerten somit die Entstehung sozialer Brennpunkte nach der Wende.


Sozialwohnungen befeuern den Trend

Ausgerechnet Sozialwohnungen würden diesen Trend sogar befeuern. Denn sie würden in Vierteln entstehen, in denen bereits viele arme Menschen leben. So würden einkommensschwache Schichten in einigen Stadtteilen konzentriert. In anderen wurden Altbauquartiere - während der DDR-Zeit durch Verfall und ausbleibende Modernisierung kein nachgefragter Wohnraum - nach der Wende saniert und entwickelten sich zu nachgefragten Wohngebieten. Gut verdienende Familien, aber auch finanziell abgesicherte Rentner zieht es in die Innenstädte. Verstärkt wird dieser Effekt durch Wohnungen, die aus der sozialen Preisbindung fallen - und so zu deutlich höheren Preisen vermietet werden können.

Soziale Mischung der Städte gefordert

Die Forscher haben aber auch Lösungsansätze parat. "Ein Mittel, um soziale Segregation zu begrenzen, ist der Bau bzw. die Ausweisung von Sozialwohnungen. Wie wir in unseren Analysen gezeigt haben, bringt es jedoch wenig, den bloßen Anteil der Sozialwohnungen zu erhöhen", heißt es in der Studie. "Sozialwohnungen müssten auch dort entstehen, wo Arme typischerweise nicht leben. Eine größere Zahl an Sozialwohnungen in 'besseren' Wohnlagen könnten die Kommunen aus unserer Sicht über verschärfte Auflagen beim Bau neuer Wohnhäuser erreichen.


Dies würde allerdings erst langfristig Wirkung zeigen. "Um schneller auf die Gettoisierung von zu reagieren, schlagen die Forscher vor, in Bildung zu investieren. "Bildungseinrichtungen müssen in benachteiligten Nachbarschaften besonders gefördert werden – denn negative Effekte der räumlichen Ballung von Armut treffen speziell Kinder und Jugendliche", heißt es in der Studie. "Mittlerweile haben einige Bundesländer die Notwendigkeit erkannt, Schulen mit einer sozial benachteiligten Schülerschaft oder einem hohen Anteil von Migranten zusätzlich mit finanziellen Mitteln auszustatten." 

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