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Armutsrisiko: Wenn der Lohn nicht zum Leben reicht: Ist die Mittelschicht eine Illusion?

Trotz Vollzeitjobs reicht das Geld in vielen Familien nicht. Sie können so gerade Miete, Energiekosten und Essen bezahlen - für Anschaffungen oder gar Altersvorsorge bleibt nichts übrig. Offiziell sind sie nicht arm.

Mittelschicht in der Krise

Deutschlands Mittelschicht steckt in der Krise.

Früher war das so: Der Vater ging arbeiten und brachte das Geld nach Hause. Mutti blieb daheim, kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Die Familie reiste mit dem Wagen nach Italien, die ersten Haushaltsgeräte zogen in die frisch gebauten Immobilien ein. Diejenigen, die zur Zeiten des Wirtschaftswunders aufwuchsen, lernten: Ein Gehalt pro Familie reicht für den kleinen Luxus. Doch auch wenn es den Eltern schon ganz gut ging, blieb ein Wunsch, den wohl unzählige Generationen von Müttern und Vätern hegen: Unseren Kindern soll es besser gehen als uns. 

Für Heiko Behrends aus Lüneburg ist das nicht eingetreten. Er arbeitete 42 Stunden in der Woche im Büro einer Baufirma, seine Frau Wiebke arbeitet 40 Stunden als Küchenhilfe in einer Klinik, berichtet der "NDR". Sie zählen zu Deutschlands Mittelschicht, die monatlich rund 1865 Euro netto zur Verfügung haben. Das ist nicht viel, bedenkt man die Kosten für Wohnen, Heizen und Essen. Für den kleinen Luxus im Alltag oder gar für eine ständige Altersvorsorge abseits der gesetzlichen Rente bleibt da kaum etwas übrig. 

Löhne stagnieren

Das größte Problem der Mittelschicht: Ihre Löhne stagnieren und das schon seit Jahrzehnten. Wie der "NDR" berichtet, habe es bei der Mittelschicht in den vergangenen 15 bis 20 Jahren keine Einkommenszuwächse gegeben. Laut dem Soziologen Sighard Neckel schrumpfe die Mittelschicht - und ein Teil davon gleite in die Unterschicht ab. 

Aber wenn Menschen wie die Behrends, die zur Mittelschicht gezählt werden, eigentlich kaum mit ihrem Geld auskommen - ist das nicht ein Zeichen für eine falsche Definition von Armut oder Mittelschicht? Wann ist man arm in Deutschland und wann gehört man zur Mittelschicht? 


Von Arbeitern und Angestellten

Früher war das einfacher, da gab es noch die sogenannte Kragenlinie. Sie unterteilte die Menschen in Arbeiter, die eher körperlich arbeiteten, und Angestellte, die mit Schlips und Kragen zur Arbeit gingen. Diese Unterscheidung ist seit über zehn Jahren vom Tisch. Heute gibt es eine Mindestanforderung an die Mittelschicht: ein Berufsabschluss. Bei Heiko Behrend reicht das nicht mehr aus.

Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln ist die Spanne im Fall der Behrends sehr weit gesteckt: Wer als dreiköpfige Familie zwischen 1475 Euro und 6145 Euro zur Verfügung hat, ist in der Mittelschicht. Doch das IW unterscheidet innerhalb dieser Schicht. Die wirkliche Mitte kann monatlich zwischen 2460 Euro und 3685 Euro ausgeben. Davon ist die Familie aus Lüneburg meilenweit entfernt.

Politische Entscheidungen belasten Mittelschicht

Dieses Dilemma teilt die Familie Behrend mit vielen anderen. Ob Niedriglohn, befristete Stellen, Zeitarbeit, Minijob oder Aufstockung: "Die meisten Entwicklungen, über die wir uns heute beklagen, sind keine wirtschaftlichen Sachzwänge, sondern gehen wesentlich auf politische Entscheidungen zurück, die in der Vergangenheit getroffen worden sind und die man heute wiederum revidieren oder verändern kann", sagt Soziologe Neckel dem "NDR".

Fragt man die Statistiken, wie es denn nun um die Mittelschicht bestimmt ist, wird es uneindeutig. Laut dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, ist der Anteil der deutschen Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung zwischen 1983 und 2013 von 69 Prozent auf 61 Prozent gesunken. "Die Mittelschicht schrumpft in Deutschland genauso stark wie in den USA. Wir können es uns nicht leisten, dass immer mehr Menschen abgehängt werden", so Fratzscher.

Grundlage der Untersuchungen waren Personen mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von 35.845 bis 107.000 Euro - also eine sehr weite Spanne, um die Mittelschicht zu definieren. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung sieht die Entwicklung drastischer. Der Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung habe zwischen 1997 und 2012 um 5,5 Millionen Menschen abgenommen. Das entspricht einem Minus von sieben Prozent auf 58 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Allerdings muss man auf die Feinheiten achten. Denn Experten widersprechen dem stetigen Schwund der Mittelschicht. "Im Vergleich zu den 60er-Jahren ist die Ungleichheit in Deutschland und auch den meisten Industrieländern größer, das ist eindeutig", sagt Georg Cremer, Generalsekretär des Caritasverbandes über sein Buch "Armut in Deutschland" zum "Deutschlandfunk". "Auch der Anteil der Bevölkerung im Armutsrisiko ist deutlich gestiegen - allerdings in der Zeit von 1998 bis 2005. Danach sind die Werte relativ stabil."

Bildung gegen Armut

Forscher sind sich allerdings einig, welche Menschen besonders gefährdet sind, in die Unterschicht abzurutschen: Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Menschen mit Migrationshintergrund und kinderreiche Familien. Was gegen den Abstieg hilft? "Eine bessere Förderung von Kindern in den Schulen, die Entwicklung von Stadtteilen, das Aufsuchen von Familien in prekären Lebenslagen, das sind alles Schritte, die erforderlich sind und die nicht befördert werden, wenn wir so tun, als ginge der Sozialstaat unter", sagte Cremer dem "Deutschlandfunk".

Aktion "Deutschlands Herzschlag": Mitten in Deutschland: Wenn Kinder in absoluter Armut aufwachsen