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Möbelhaus : Warum Ikea nur ganz langsam die deutschen Innenstädte erobert

Vor knapp vier Jahren eröffnete Ikea in Hamburg eine Filiale in einer Fußgängerzone. Das Geschäft galt als Test: Wie kann das schwedische Möbelhaus in der Innenstadt funktionieren? Dann passierte lange nichts. Bis jetzt.

Ikea in Hamburg-Altona

Die Filiale von Ikea in Hamburg-Altona gilt als Blaupause für weitere Geschäfte in Innenstädten.

Picture Alliance

Es war ein zähes Ringen für Ikea, als der schwedische Möbelhändler in die Hamburger Fußgängerzone ziehen wollte. Die Anwohner des Stadtteils Altona waren schnell auf den Barrikaden, sie fürchteten ein Verkehrschaos und explodierende Mietpreise durch den neuen Nachbarn. Ikea wurde zum Feind erklärt, zum Beschleuniger für Gentrifizierung und Verdrängung. 

Seit knapp vier Jahren läuft nun der Betrieb in Innenstadtlage. Die Befürchtungen sind nicht eingetreten. Rund 90 Prozent der Kunden kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß, die Einkäufe werden in Einkaufstrolleys oder mit Lastenfahrrädern, die man leihen kann, nach Hause gebracht. Die Ikea-Filiale in Hamburg-Altona hat der einst heruntergekommenen Fußgängerzone gut getan. "In der Zeit seit der Eröffnung hat sich die Stimmung in unseren Augen absolut positiv entwickelt. Tatsächlich hatte schon vor unserer Ansiedlung ein Veränderungsprozess begonnen. Unser Wunsch war, diese Wiederbelebung ein Stück weit mitzugestalten und wir glauben, dass das gut funktioniert hat", lässt Ikea den stern wissen. 

Ikea in der Innenstadt

Ikea vor der Haustür funktioniert - doch es überrascht, dass die Filiale in Hamburg bisher die einzige ihrer Art ist. Branchenkenner hatten schon vor der Eröffnung vermutet, dass kleinere, innenstadtnähere Geschäfte eine Ergänzung zu Ikeas üblicher Strategie - die großen Klötze auf der grünen Wiese - darstellen könnte. Doch nach der Eröffnung in Hamburg 2014 passierte lange nichts. Bis jetzt.

In München nehmen die Schweden nun ein ähnliches Projekt in Angriff. Zu den zwei bestehenden Filialen soll eine dritte kommen - und zwar mitten in der Stadt. Ikea beauftragte die Technische Universität München damit, mögliche Standorte zu untersuchen. "Wir können uns ein solches Einrichtungshaus beispielsweise gut in München vorstellen, wobei wir dort noch keine Standortauswahl getroffen haben", heißt es auf Nachfrage dazu von Ikea. Man denke über verschiedene Nutzungsmöglichkeiten, auch in Zusammenarbeit mit Partnern, nach, die "im innerstädtischen Kontext sinnvoll sind." Man denke darüber nach, Bereiche wie "Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Kultur" auf der Fläche zu kombinieren. "Das Ganze wäre also ein neues Format, das man so von Ikea noch nicht kennt", so eine Sprecherin des Möbelkonzerns.

Kritiker fürchten Ikea vor der Haustür

Eine multifunktionale Nutzung einer Ikea-Filiale könnte Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Sie fürchten - ganz ähnlich wie damals in Hamburg - eine steigende Verkehrsbelastung rund um die neue Ikea-Filiale. "Auch wenn Ikea auf einen innerstädtischen Standort und eine Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln setzt, werden doch etliche Kunden mit ihrem Auto an- und abfahren", sagt Anna Hanusch (Grüne), zur "Süddeutschen Zeitung".  "Wenn wir uns an einem neuen Standort ansiedeln, ist für uns nachvollziehbar, dass das für unsere zukünftigen Nachbarn durchaus auch mit Bedenken oder Befürchtungen verbunden ist. Wir haben die im Vorfeld aufgekommene Kritik an unseren Plänen in Hamburg-Altona sehr ernst genommen", so eine Ikea-Sprecherin.

In Hamburg hält sich das Verkehrsaufkommen in Grenzen. Vielmehr ist die Ikea-Filiale mit dem Stadtteil verschmolzen. Vielleicht schon zu sehr: Kein anderes Geschäft von Ikea in Deutschland kann sich über so viele Besucher freuen. Allerdings kaufen die wenigsten in Altona neue Küchen oder die Wohnzimmereinrichtung. Die meisten kommen, um zu essen. Lachsbrötchen, Köttbullar, Mandeltorte und dazu Kaffee zum unendlichen Nachfüllen. Einige nehmen vielleicht noch Servietten und Teelichter mit. Der Umsatz pro Kunde im Gastronomiebereich sprenge in Altona alle Rekorde, berichtete die "Zeit" schon ein halbes Jahr nach der Eröffnung.

Damit spiegelt der Innenstadt-Filiale den bundesweiten Trend: Die Umsätze steigen, die Gewinne eher nicht und das Geschäft mit den Restaurants und Snacks entwickelt sich deutlich erfreulicher als das mit Billy, Malm und Co. Ikea denkt inzwischen sogar laut darüber nach, auch außerhalb der Möbelmärkte Restaurants oder Cafés zu eröffnen.  

Ikea lernt durch die Hamburger Filiale

Weniger Möbel, mehr Hot Dogs: Offenbar stellt Ikea sich breiter auf. Waren die Restaurants lange Zeit nur eine nette Geste, um die Kunden länger in den Filialen zu halten, entwickelt sich der Bereich stetig. Kleinere Filialen mitten in den Städten, vielleicht sogar mit abgespecktem Sortiment und reduzierter Parkfläche, scheinen zwar nicht der Heilsbringer für den Möbelkonzern zu sein. Aber sich doch so sehr zu lohnen. Und: In Hamburg-Altona scheint Ikea eine Menge gelernt zu haben. Die angebotenen 730 Parkplätze etwa bleiben meist leer. "Bei einem nächsten Innenstadtbau würden wir nicht noch einmal so viele Parkplätze planen", sagte der Geschäftsführer des Einrichtungshauses, Christian Mollerus, rund sieben Monate nach der Eröffnung.

In München bleibt man skeptisch gegenüber dem Ikea-Vorhaben. Der Einzelhandel könnte unter der übermächtigen Konkurrenz von Ikea leiden, so eine der Ängst. "Dass Ikea-Kunden mit dem Radl oder der U-Bahn kommen, glaube ich irgendwie nicht", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" Ludwig Weidinger (CSU). Wohl kaum für eine neue Regallandschaft oder eine Einbauküche. Für einen Teller Hackbällchen, ein paar Zierkissen und neue Weingläser muss man aber nicht unbedingt ins Auto steigen, zeigen die Hamburger Ikea-Kunden.

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