Japan 8.000 Euro für eine Jeans


Eine Erfolgsgeschichte im Krisenland Japan: Aus New York, London oder Deutschland kommen die Leute, um sich eine ganz besondere Jeans anfertigen zu lassen.

Toshikiyo Hirata wirkt nicht gerade wie ein Manager. Schon äußerlich sieht der 56-jährige Japaner im Vergleich zur breiten Masse der Geschäftsleute in seiner Heimat eher ein bisschen wie ein Freak aus. Statt im Anzug empfängt Hirata seine Kunden in Jeans. Genau deswegen aber kommen sie teils von weither, aus New York, aus London oder Deutschland - um sich von Hirata eine Jeans fertigen zu lassen. Und sie bringen viel Geld mit: Bis zu einer Million Yen (8.000 Euro) ist mancher bereit, für eine Hose zu zahlen.

Luxuriöse Einzelanfertigungen

«Wir stellen uns auf die Wünsche jedes einzelnen Kunden ein», sagt Hirata, während im Hintergrund deutsche Singer-Nähmaschinen schnurren. 130 Mitarbeiter beschäftigt Hirata in seiner Firma Capital Inc., die er 1985 in Kojima, einem kleinen Provinzort rund 760 Kilometer westlich von Tokio, gründete. Hier liegt das traditionelle Zentrum der japanischen Textilfertigung. Um die luxuriösen Einzelstücke als Maßanfertigungen kümmert sich der Meister persönlich. «Jedes Detail erfordert unterschiedliche Fertigungsschritte», erklärt Hirata.

Nieten aus Gold

Die Stoffe werden in Indigo getaucht, an der Luft getrocknet und wieder eingetaucht. Das ganze wird 48 Mal wiederholt. Für die Nieten verwendet Hirata auf Wunsch mancher Kunden 24-karätiges Gold, das er selber formt. Manche Kunden müssen schon mal sechs Monate warten. Im Jahr schaffe er etwa 150 bis 200 solcher Luxus-Jeans. Daneben fertigen seine Mitarbeiter monatlich weitere 3.000 Jeans, die dann in den eigenen Boutiquen für 28.000 Yen (rund 200 Euro) verkauft werden.

Werbung nicht nötig

Werbung hat der Mittelständler nicht nötig, sein Name hat sich längst herumgesprochen. Hirata ist Kult. Zu seinen Kunden zählen in- und ausländische Prominente aus Film und Fernsehen, Künstler aus New York oder London wie der mit ihm befreundete Modedesigner Paul Smith. Das Geheimnis seines Erfolges? «Mein Herz», sagt der Japaner und lächelt. Jede Jeans fertige er mit voller Hingabe seiner Seele.

Wirtschaftskrise für ihn kein Problem

Erfolgreiche Japaner wie Hirata widerlegen das im Westen weit verbreitete Pauschalurteil, wonach die Japaner in Folge der seit Jahren andauernden Wirtschaftsflaute unflexibel, überarbeitet und unfähig geworden seien, aus ihrer Krise herauszufinden. Für Hirata stellt die Wirtschaftskrise ebenso wenig ein Problem dar wie die billige Massenware aus China. «Wir betrachten Jeans nicht als Industrieprodukt», erklärt der stets bescheiden wirkende Japaner.

Textile Kunsthandwerker

Mit seinen vier Fertigungsstätten erzielt er einen jährlichen Umsatz von 850 Millionen Yen (6,6 Mio Euro). Seinen Nettogewinn gibt Hirata mit etwa 100 Millionen Yen an. Doch gehe es ihm nicht so sehr um das Geld verdienen, sagt Hirata, und er klingt dabei glaubwürdig. Vielmehr sieht er sich und seine Mitarbeiter als Kunsthandwerker an, die in der Leidenschaft für ihre Arbeit aufgehen. «Ich möchte, dass Menschen in der Welt von der japanischen Seele erfahren», sagt er.

Wandeln zwischen den Welten

Eigentlich ist Hirata von Haus aus Karatekämpfer, sein Vater besaß eine eigene Karateschule. In den 70er Jahren, als er das College verließ, wurde Hirata nationaler Karatemeister und ging nach Amerika, um den Kampfsport zu lehren. Doch das Leben zwischen beiden Kulturen war nicht leicht, sagt Hirata. Daher könne er nachempfinden, wie es seinem damaligen berühmten Trainingspartner Bruce Lee ergangen war. Der aus Hongkong stammende und inzwischen verstorbene Schauspieler sei daran letztlich gescheitert. Die Japaner hatten Hirata damals verübelt, dass er die fernöstliche Kampfkunst Westlern beibrachte.

Nachfolge gesichert

Noch heute schwärmt Hirata von Amerika, vor allem von der Kultur der «native americans» wie den Navaho, mit denen er am liebsten zusammenleben würde. Doch schon nach zwei Monaten musste er damals wegen Krankheit seine Karriere aufgeben und nach Japan zurückkehren. Zuvor war der Jazz-Liebhaber in Los Angeles erstmals auf Jeans gestoßen. «Ich dachte, ich sollte die nach Japan holen», erinnert er sich. Bald begann er zu lernen, Jeans selber zu fertigen. Heute sind sie sein Leben. Eines Tages wird Hiratas Sohn ihm nachfolgen.


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