Kirchentag Das heimliche Hauptthema lautet "Rotstift"


Auf dem Kirchentag zeigt der Protestantismus stolz Flagge, doch intern rumort es. Die Finanzzwänge setzen vielen engagierten Initiativen zu, die Kirchen drehen zunehmend den Geldhahn ab.

Im offiziellen Programm des diesjährigen Kirchentages in Hannover kommt das Thema Sparzwänge kaum vor, doch wer sich auf dem Messegelande umhört, stößt schnell auf Frustration - vor allem auf dem "Markt der Möglichkeiten", bei dem sich in Hannover 750 Gruppierungen präsentieren. Je mehr sie am Tropf der Landeskirchen hängen, desto mehr müssen um ihren Bestand fürchten.

Immer weniger Küster

Dramatische Folgen für seinen Berufsstand fürchtet Rudolf Schäfer vom Bund Europäischer Küster. "Jedes Jahr werden Stellen abgebaut und auf ehrenamtliche Kräfte verteilt." Zurzeit gebe es noch rund 6000 Küster in Deutschland, die meisten davon in Teilzeit. "Wir sind aber nicht nur die Hausmeister, wir sich auch die Empfangschefs der Kirchen", sagt Schäfer. "Wenn die Kirchen schmutzig und lieblos geschmückt sind, dann kommen die Leute doch auch nicht wieder."

Ähnlich sieht die Situation bei der Bahnhofsmission aus. "Rund 90 Prozent unseres Etats kommt aus Kirchensteuermitteln", erläutert Georg Hövermann. Etliche Standorte stünden in Frage. "In Hildesheim hat sich die katholische Kirche soeben zurückgezogen." Die Hoffnung ruhe jetzt auf dem guten Image der Bahnhofsmission. "Wir werden in Zukunft mehr auf Spenden setzen müssen."

Etatkürzungen für kirchliche Schulen

Auch kirchliche Schulen und Hochschulen müssen Etatkürzungen von zehn Prozent verkraften, sagt der Prorektor der evangelischen FH Berlin, Bodo Hildebrand. Auf katholischer Seite habe dies bereits erste Opfer gefordert: die Einrichtungen in Saarbrücken und Vechta. Auch über einigen der zehn evangelischen Hochschulen schwebe ein Damoklesschwert. "Wer die Schließung will, übersieht das identitätsstiftende Moment", sagt Hildebrand. Er weiß jedoch, dass der Druck auf seine Einrichtung zunehmen wird. "Das Gesicht der kirchlichen Werke wird sich ändern."

Etliche Gruppierungen leben in ständiger Unsicherheit wie die Lazaruslegion für Aids-Kranke in Hannover. "Wir leben von Zuschüssen der Stadt, des Landes und der Kirche und wissen nie genau, wie viel sie im nächsten Jahr noch zahlen", sagt Sabine Engel. Sicher sei nur, dass es weniger wird und Stellen gestrichen werden müssen. Nur indirekt spürt Frank Mischo von der Kindernothilfe den kirchlichen Sparzwang. "Unsere Kirchen-Zuschüsse haben wir bereits vor Jahren verloren und leben heute überwiegend von Spenden." Allerdings gehören viele Kirchengemeinden zu den Unterstützern, die Patenschaften für Kinder in aller Welt übernehmen. "Da merken wir schon, dass sie sich dieses Engagement zwei Mal überlegen."

Viele kleine Vereine überleben nur durch Spenden

"Wir haben es insofern gut getroffen, weil wir nie Geld von der Kirche bekommen haben", sagt Gerhild Specht vom Brunnenhof in Meschede, in dem traumatisierte Frauen aus Satanssekten und Kinderporno-Ringen betreut. "Allerdings müssen wir jedes Jahr um Spenden kämpfen und könnten dringend mehr Geld gebrauchen", bringt sie die Situation vieler kleiner Vereine auf den Punkt.

Der Bauorden aus Worms ist eine Reaktion auf die Finanznot. Rund 3000 freiwillige Helfer sanieren jedes Jahr Kirchen oder Behindertenheime in Europa - bislang vor allem im Osten, wo die Gemeinden wenig Geld besitzen. "Vielleicht werden wir bald verstärkt in Deutschland nachgefragt", sagt Eckhard Musch. Allerdings müssten sich die Gemeinden dann mit den örtlichen Bau-Unternehmern kurz schließen, um Konflikte zu vermeiden.

Macht die Kirchensteuer Sinn?

Hannes Bauer auf dem Stand der Auslandsgemeinden ist einer der wenigen, den keine Geldsorgen drücken. "Wir haben reichlich", sagt der Pfarrer der deutschen Gemeinde in Madrid mit einem Lachen. "Wir ziehen keine Kirchensteuer ein, und wer sich uns anschließt, erweist sich als großzügig." Von den rund 20.000 deutschsprachigen Familien in der spanischen Hauptstadt stünden 1000 zur Kirche. "Viele von ihnen geben tatsächlich den Zehnten, wie es in der Bibel steht." Auch die Kollekte sei höher als in Deutschland. "Seit ich dort arbeite, bin ich von der Kirchensteuer nicht mehr so überzeugt."

Ingo Senft-Werner/DPA DPA

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