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Volle Kitas im Lockdown "Dann muss man ehrlich sagen, dass die Kita-Situation nichts zum Infektionsschutz der Bevölkerung beiträgt"

Kita-Interview Sabine Kümmerle
Sabine Kümmerle ist Geschäftsführerin des Alternativen Wohlfahrtsverbands SOAL, der rund 200 Kitas in Hamburg vertritt
© Alternativer Wohlfahrtsverband SOAL e. V. (kleines Bild) / Getty Images
In vielen Bundesländern sind die Kitas trotz Lockdown offen. Sabine Kümmerle vom Wohlfahrtsverband SOAL berichtet vom täglichen Wahnsinn in den Einrichtungen und fordert klare Regeln, mehr Tests für Kinder und Erzieher - sowie Impf-Priorität für die Kita-Beschäftigen. 

Frau Kümmerle, trotz harten Lockdowns versuchen viele Bundesländer die Kinderbetreuung weitgehend aufrechtzuerhalten. In Hamburg, wo Sie als Verband rund 200 Kitas vertreten, sind zwar alle Eltern "dringend dazu aufgerufen, ihre Kinder zu Hause zu betreuen". Theoretisch kann aber jeder sein Kind in die Kita bringen. Wie voll sind denn die Einrichtungen tatsächlich?

In Hamburg liegt die Auslastung der Kitas derzeit offiziell bei knapp 50 Prozent. Es gibt da aber große Unterschiede. Einige unserer Kitas berichten, dass nur 30 Prozent der Kinder da sind, andere sind mit 80 Prozent Auslastung fast so voll wie immer. Das macht es natürlich schwer, Schutzmaßnahmen wie strikte Gruppentrennungen oder kleinere Gruppen einzuhalten. Viele Kitas fühlen sich von der Politik allein gelassen.

Weil die Regeln so wischiwaschi sind?

Es ist jedenfalls nicht gut für die Beziehung zwischen Kita und Eltern, dass die Kita-Leitung mit Engelszungen auf die Eltern einreden muss, wenn sie möchte, dass ihr Haus nicht zu voll wird. Entweder es braucht klare politische Vorgaben. Oder man muss ehrlich sagen, dass die Kita-Situation nichts zum Infektionsschutz der Bevölkerung beiträgt. 

Nehmen viele Eltern die Situation nicht ernst genug?

Das kann man nicht pauschal sagen, weil jeder seine Gründe hat, warum sein Kind betreut werden muss oder mit anderen Kindern spielen soll, was ja auch ein berechtigtes Interesse ist. Was die Einrichtungen aber in den Wahnsinn treibt, sind diese täglichen Erfahrungen, dass Eltern ihre Kinder in die Kita schicken, obwohl sie selbst unter Corona-Verdacht stehen. Dass Kinder in die Kita kommen, obwohl ihre Geschwister in Quarantäne sind. Dass symptomlose Kinder von den Behörden nicht getestet werden, obwohl man weiß, dass sie oft asymptomatisch infiziert sind. Und wenn sie doch mal getestet werden, schicken Kinderärzte sie erstmal wieder in die Kita, obwohl das Ergebnis noch offen ist. Das sind alles Erlebnisse, die zum Gefühl beitragen, dass überhaupt nicht ernst genommen wird, in welch engem Kontakt sich Erzieher und Kinder in den Kitas befinden.

Eine AOK-Studie fand kürzlich heraus, dass Beschäftigte in der Kinderbetreuung von allen Berufsgruppen am häufigsten an Covid-19 erkranken.

Das ist nicht überraschend. Die Kita ist das einzige Arbeitsfeld, wo Menschen aus vielen Haushalten ohne Maske in sehr engem körperlichen Kontakt sind. Deswegen fordern wir vehement mehr Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten.

Nämlich welche?

Zunächst einmal müssen mehr Kinder überhaupt getestet werden, wenn sie Kontakt zu Infizierten oder Kontaktpersonen haben. Da Kinder oft symptomlos sind, ist überhaupt nicht klar, ob sie andere Kinder oder Erwachsene anstecken, die Studien sind da einfach nicht eindeutig. Auch für das Personal braucht es mehr Testmöglichkeiten. Jeder Erzieher sollte einmal in der Woche einen Schnelltest bekommen. 

Was für praktische Maßnahmen sind in den Kitas denkbar? Masken für Erzieher sind keine Option, oder?

Frühpädagogik ist mit Maske extrem schwer umzusetzen. Gerade junge Kinder sind sehr auf Mimik angewiesen, sie müssen Sprache gut hören, wenn sie in der Spracherwerbsphase sind. Und wie kann ich ein Kind beruhigen, wenn mein Gesicht hinter einer Maske versteckt ist?

Was ist mit mehr und besserer Belüftung?

Auch schwierig. Viele Fenster lassen sich aus Sicherheitsgründen nicht ganz öffnen, damit kein Kind herausfällt. Selbst Kipp ist nicht immer einfach, weil man den Klemmschutz beachten muss. Filtergeräte sind in der Regel teuer und laut. Ich kenne Einrichtungen, die einfach die Tür aufmachen und einen Stuhl reinstellen, damit es wenigstens irgendwo durchzieht. Wir haben da keine ideale Lösung.

In Hamburg wurden die Betreuungszeiten – abgesehen von Ausnahmefällen – auf 8 bis 15 Uhr begrenzt. Was bringt das?

Das soll die Personalsituation entzerren. Dafür hat eine Kita mit 100 Kindern jetzt das Problem, dass sich um 15 Uhr 80 Eltern zum Abholen an der Tür oder in der Garderobe knubbeln. 

Wie stellt sich denn die Personalsituation dar? Gibt es viele Ausfälle zu beklagen?

Ganz unterschiedlich. In einigen Kitas ist die Situation angespannt, weil sich Krankheitsfälle oder Quarantänen häufen. Gerade vor Weihnachten mussten auch immer wieder Gruppen oder ganze Kitas geschlossen werden. Aber die Situation ist auch vor allem angespannt, weil die psychische Belastung bei den Beschäftigten als hoch erlebt wird. Sie müssen täglich mit dem Dilemma umgehen, einerseits die Kinder gut zu betreuen und andererseits Infektionsschutzmaßnahmen einzuhalten.

Und es steht zu befürchten, dass das noch eine Weile so weitergehen wird. Daher fordern Sie auch, Erzieher früher zu impfen?

Perspektivisch werden in den nächsten Wochen und Monaten wahrscheinlich nicht weniger sondern sogar mehr Kinder in den Kitas zusammenkommen. Daher fordern wir ganz klar, dass das Kita-Personal bei den Impfungen vorgezogen wird. Im Moment sind die Beschäftigten mit anderen Berufsgruppen wie Lehrern und Polizisten in Kategorie 3 eingeordnet. Aber Erzieher sind die einzigen, die ohne Abstand und ohne Maske arbeiten.


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