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Konjunktur: Die Inflations-Angst geht um

In Deutschland hat sich ein unbequemer Geselle eingeschlichen: die Inflation. Viele Preise haben in den vergangenen Monaten merklich angezogen. stern.de erklärt, warum die Preise so stark steigen und welche Folgen die Entwicklung für die Konjunktur und die Verbraucher hat.

Von Marcus Gatzke

"Lebensmittelpreise steigen immer schneller", "Rückkehr der Inflation", "Preise gefährden Aufschwung" - es ist fast täglich am Kiosk zu lesen: Das Gespenst der Inflation geht um in Deutschland. Gerade Güter des täglichen Bedarfs sind in den vergangenen Monaten erheblich teurer geworden.

Im November lag die Preissteigerung mit drei Prozent so hoch wie seit rund 13 Jahren nicht mehr. Für die Deutschen fast schon ein Horrorszenario, hat das Land doch schon einmal in seiner Geschichte eine Hyperinflation und Preise von vier Billionen Mark für ein Pfund Butter durchgemacht. Die Bürger sehen ihr Geld schwinden - von den in diesem Jahr deutlicher ausgefallenen Lohnerhöhungen bleibt kaum etwas übrig.

Viele fürchten um den Aufschwung in Deutschland und die Konsumenten halten sich im Weihnachtsgeschäft zurück. Aber wie schlimm ist es wirklich? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das Thema Inflation.

Welche Preise sind am stärksten gestiegen?

Das Statistische Bundesamt reagiert auf das steigende öffentliche Interesse an der Inflation und bietet auf ihren Internetseiten seit Juni 2006 einen Preismonitor an. Für wichtige Produkte des täglichen Bedarfs kann dort die Preisentwicklung nachvollzogen werden. Mit am stärksten ist demnach der Preis für Deutsche Markenbutter gestiegen. Im Vergleich zum Juni 2006 müssen Verbraucher im Oktober dieses Jahres 46 Prozent mehr bezahlen. Haltbare Milch kostet 20 Prozent und Edamer-Käse immerhin zwölf Prozent mehr.

An den Tankstellen haben die Preise auch deutlich angezogen. Im November mussten die Autofahrer für einen Liter Superbenzin 1,415 Euro bezahlen und damit 6,1 Cent mehr als im Oktober. Diesel verteuerte sich sogar um 10,8 Cent auf 1,308 Euro je Liter.

Es gibt aber auch einige wenige Produkte und Dienstleistungen, die günstiger geworden sind: Für Fernseher muss rund ein Viertel weniger ausgegeben werden und Übernachtungen mit Frühstück kosten zwei Prozent weniger als im Vergleichsmonat.

Wie wird Inflation überhaupt berechnet?

Das Statistische Bundesamt berichtet monatlich über die Entwicklung der Preise in Deutschland. Als Basis dient der so genannte Verbraucherpreisindex. Er misst die durchschnittliche Preisentwicklung für alle Waren und Dienstleistungen, die von privaten Haushalten gekauft werden. Der Aufwand zur Ermittlung des Index' ist enorm: Nach Angaben der Behörde erheben jeden Monat 560 Mitarbeiter Preise für rund 750 Waren und Dienstleistungen in 190 Gemeinden. Insgesamt werden rund 350.000 Einzelpreise festgestellt.

Jedes einzelne Produkt und jede Dienstleistung geht mit einer bestimmten Gewichtung in den Warenkorb zur Berechnung der Preissteigerung ein. Ein paar Beispiele: Fleisch und Fleischwaren fließen mit 2,2 Prozent ein, Waren zur Köperpflege mit 1,9 Prozent und alkoholische Getränke mit 1,6 Prozent. Alle fünf Jahre wird die Struktur des Warenkorbs neu ermittelt. Dafür wird eine Einkommens- und Verbrauchsstichprobe bei rund 62.000 Haushalten durchgeführt.

Wo liegen die Ursachen?

Auch wenn die Abhängigkeit der Wirtschaft vom Öl nicht mehr so hoch ist wie noch vor 30 Jahren, ist der Rohstoff immer noch für die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft wichtig. Ein Barrel kostet inzwischen deutlich mehr als 90 Dollar - ein Preissprung von rund 30 Prozent allein in den vergangenen sechs Monaten. Eine so deutliche Erhöhung kann nicht ohne Folgen für andere Produktpreise und die Wirtschaft als Ganzes bleiben.

Auch die Politik hat ihren Beitrag für eine höhere Inflation geleistet: Die Anhebung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte Anfang des Jahres führte zwar nicht direkt zu einem nachlassenden Wirtschaftswachstum - die Konjunkturdelle fiel eher moderat aus. Die Steuererhöhungen sind aber nach Meinung des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel für einen Prozentpunkt der derzeitigen Inflation verantwortlich.

Hinzu kommt die wachsende Nachfrage aus boomenden asiatischen Ländern wie China und Indien. Sie verbrauchen nicht nur Unmengen von Öl und Stahl, der steigende Wohlstand sorgt auch für einen höheren Konsum - unter anderem bei Nahrungsmitteln. Die gestiegenen Preise für Milch und aus Milch hergestellten Produkten werden von Experten auch deshalb auf den Wirtschaftsboom in einigen asiatischen Ländern zurückgeführt.

Zudem bauen viele Landwirte ihr Getreide nicht mehr allein zur Nahrungsmittelproduktion an. Ein wachsender Anteil geht in die Herstellung von Bio-Energieprodukten. Das "International Food Policy Research Institute (IFPRI) geht nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" davon aus, dass diese Entwicklung zu einem zusätzlichen Preisanstieg von 25 Prozent bei Getreide führen wird.

Jede Entwicklung für sich würde die Preissteigerung insgesamt nicht so stark nach oben treiben - zusammen genommen bewirken sie jedoch einen deutlichen Preisschub.

Welche Gefahr besteht für die Konjunktur?

Bislang scheint die hohe Inflationsrate die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland nicht wesentlich negativ zu beeinflussen. Jüngste Daten der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg deuten jedoch darauf hin, dass die Verbraucher in ihrem Konsum zurückhaltender werden. Am ersten Adventssonntag waren die Kaufhäuser zwar gefüllt, die Erwartungen der Einzelhändler wurden aber bei weitem nicht erfüllt. Real - also unter Einbeziehung der Inflation - droht der Branche für 2007 erneut ein Umsatzminus.

Sollte der private Konsum entgegen den Erwartungen in diesem Jahr nicht zunehmen, könnte dies auch die bisher noch optimistischen Wachstumsprognosen der meisten Experten über den Haufen werden. Der Konsum hatte sich in den ersten Monaten des laufenden Jahres zu einer zweiten - wenn auch kleinen - Stütze des Aufschwungs entwickelt.

Die Deutschen beurteilen ihre Lage auch aber wie immer pessimistischer als sie in Wahrheit ist: Die gefühlte Inflation der Bürger liegt nach Ansicht der Deka-Bank nicht bei drei, sondern bei über sechs Prozent. Sie nehmen also die Entwicklung als viel schlimmer wahr als sie ist.

Dem entgegen steht die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt: Immerhin wurden in diesem Jahr 650.000 neue Arbeitsplätze geschaffen - 2008 könnten weitere 200.000 hinzukommen, prognostiziert die Deka-Bank.

Die zweite Stütze des Aufschwungs - der Export - gerät aufgrund des starken Euros unter Druck. Aber: Ein Großteil der deutschen Ausfuhren geht mittlerweile in Euro-Länder, was die negativen Effekte etwas abmildert.

Experten warnen deshalb vor zu viel Pessimismus: "Im kommenden Jahr wird die Wirtschaft immer noch um 1,7 Prozent zulegen", sagte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Die Binnenwirtschaft sei stark genug, um die höhere Inflation zu verkraften.

Wird der Anstieg sich 2008 fortsetzen?

Die Inflation als solche galt in den vergangenen Jahren schon als quasi ausgestorben. Die weitere Entwicklung ist nur äußerst schwer vorherzusagen und auch unter den Experten umstritten. Bei Lebensmitteln gehen viele Volkswirte von einem einmaligen Effekt aus. Beim Rohstoff Öl ist die Lage eindeutiger: Es wird nie wieder so billig sein wie Ende des vergangenen Jahrhunderts.

Entscheidend für die weitere Entwicklung ist das Verhalten der Europäischen Zentralbank (siehe dort) sowie das der Unternehmen und Gewerkschaften. Wie hoch wird die nächste Lohnrunde ausfallen? Werden die Gewerkschaften versuchen, aufgrund der höheren Inflation ein stärkeres Lohnplus durchzusetzen? Inwieweit werden die Unternehmen in der Folge gezwungen, die Preise weiter anheben? Bislang sind jedoch diese so genannten Zweirunden-Effekte nicht auszumachen.

Die amerikanische Wirtschaft befindet sich zudem in einer Abschwungphase -eine kleine Rezession im kommenden Jahr ist nicht ausgeschlossen. Kommt es dazu, wird die Nachfrage nach Energie und auch anderen Produkten gedämpft und damit der Druck auf Inflation geringer. Wichtige Preistreiber der vergangenen Jahre werden so an Kraft verlieren.

"Die Weltwirtschaft wird einen Gang zurückschalten und die Rohstoffpreise werden nicht in gleichem Tempo weiter steigen", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt bei der Deka-Bank stern.de. Er rechnet mit einer durchschnittlichen Preissteigerung von 2,4 Prozent im kommenden Jahr.

Wird die Europäische Zentralbank die Zinsen anheben?

Die Europäische Zentralbank steckt in einem Dilemma. Die Währungshüter haben die Zinsen für lange Zeit niedrig gehalten, um der schwächelnden europäischen Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Damit hat die Notenbank selbst die Grundlage für eine höhere Inflation gelegt. Der niedrige Preis des Geldes - der Zins - führte dazu, dass die Wirtschaft mit Geld nahezu überflutet wurde.

Ihr Ziel, das Wachstum in Europa zu stimulieren, haben die Währungshüter erreicht. Die zeitgleich zunehmende Inflation wäre für die EZB unter anderen Umständen ein Signal, die Zinsen wieder anzuheben.

Aufgrund der Unsicherheit an den Finanzmärkten - ausgelöst durch die Immobilienkrise in den USA - wird die Notenbank die Zinsen aber nicht so bald anheben. Für das kommende Jahr rechnet die Mehrheit der Experten mit einem unveränderten Niveau.

Die mittelfristigen Folgen der Immobilienkrise und die negativen Auswirkungen auf Deutschland sind noch nicht in Gänze absehbar. Schon jetzt spürt der Mittelstand die restriktivere Kreditvergabe deutscher Banken. Sollte die Konjunktur nachhaltig unter der Kreditkrise leiden, könnte die EZB sogar gezwungen sein, die Zinsen zu senken.

Was kann die Politik unternehmen?

Wenig. Bundsverbraucherminister Horst Seehofer warnte im stern-de-Interview vor einer möglichen Abzocke der Verbraucher. Viele Preissteigerungen seien nicht nachvollziehbar. So einfach ist die Lage aber dann doch nicht. Inwieweit die Unternehmen die Erhöhung der Mehrwertsteuer genutzt haben, mehr als nur die höheren Kosten an die Verbraucher weiterzugeben, ist nicht eindeutig nachweisbar.

Mehr als nur für eine Beruhigung der Verbraucher zu sorgen, ist von Seiten der Politik nicht möglich. "Ich bin nicht beunruhigt wegen der Inflation", sagt dementsprechend Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Der Minister fügte hinzu, die Konjunkturzahlen seien immer noch sehr gut, sowohl für Deutschland als auch für Europa und die ganze Welt. "Wir erwarten für 2008 gute Zahlen".