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Konzern-Krise: Rätselraten um DaimlerChrysler

Nachdem DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche seinen ultra-harten Sanierungsplan mit Stellenstreichungen, Werksschließungen und einer eventuellen Konzernspaltung verkündet hatte, wartet nun alle Welt darauf, wie es mit dem Konzern weitergeht.

Einen Tag nach Ankündigung des harten Sanierungsprogramms für die angeschlagene US-Tochter Chrysler herrscht Rätselraten um die Zukunft des DaimlerChrysler-Konzerns. Bei der Pressekonferenz gestern hatte der sichtlich mitgenommene Vorstandschef Dieter Zetsche angekündigt, neben dem harten Sanierungsprogramm "weitere strategische Optionen" für Chrysler prüfen zu wollen und ausdrücklich betont, keine Option ausschließen zu wollen. Unter Analysten werden nun vor allem drei Szenarien durchgespielt: Ein Verkauf von Chrysler, eine Abspaltung als erneut eigenständiges Unternehmen und strategische Allianzen mit anderen Autobauern. In US-Medien geisterte am Donnerstag aber auch noch eine vierte, eine unausgesprochene Alternative umher: Das Aus für Chrysler.

Sowohl eine Abspaltung als auch das Ende sind im Augenblick eher theoretische Optionen. Chrysler wieder in ein eigenständiges Unternehmen zurückzuverwandeln, dürfte ausgeschlossen sein, da die meisten Experten das Unternehmen alleine nicht mehr für lebensfähig halten. Chrysler braucht einen starken Partner im Hintergrund, der einspringt, wenn es Ärger gibt. Als wahrscheinlicher gelten schon ein Verkauf oder Kooperationen mit anderen Autobauern, beispielsweise bei einzelnen Komponenten wie Motoren oder Getriebe bis hin zu kompletten Plattformen.

Werk in Newark wird dicht gemacht

Die Verkaufsgerüchte wurden noch am Mittwochabend befeuert. Presseberichten zufolge verhandelt Zetsche bereits mit dem Chef von General Motors (GM), Rick Wagoner, über einen Verkauf. Zetsche selbst wollte sich dazu nicht äußern, Branchenexperten halten dies aber für unwahrscheinlich. Der Fokus wird darauf liegen, Chrysler erst einmal profitabel zu machen, sagt Analyst Marc-Rene Tonn von M.M. Warburg. Bis dahin dürfte es ohnehin schwierig sein, einen Käufer zu finden. Bis 2009 will Chrysler 13 000 Arbeitsplätze abbauen. Ein Werk in Newark (Delaware) soll komplett dicht gemacht werden. Bereits im nächsten Jahr will Chrysler-Chef Tom LaSorda das angeschlagene Unternehmen wieder in die schwarzen Zahlen führen.

Chrysler kämpft mit ähnlichen Problemen wie der Rest der Autobranche in den USA. In den Boomzeiten der Autoindustrie hatten die Unternehmen ihren Mitarbeitern weit reichende Zugeständnisse bei der Kranken- und Rentenversicherung gemacht, die sie nun teuer zu stehen kommen. Hinzu kommt eine veraltete Modellpalette mit einem Schwerpunkt auf Sprit fressenden Pickups und Geländewagen. Mit dem Anstieg der Ölpreise wichen die Käufer zuletzt auf sparsamere Modelle der Konkurrenz aus Asien aus. Von diesem Trend ist auch GM nicht verschont geblieben, wenngleich der große Konkurrent aus Detroit das Absatzminus zuletzt mit wieder besseren Verkaufszahlen aus Europa dämpfen konnte. Chrysler ist weit weniger international aufgestellt.

Kooperation mit Renault-Nissan?

Keine besonders verlockenden Optionen für einen möglichen Käufer also. Dennoch betonen einige Experten auch den Charme eines Einstiegs bei Chrysler. "Wir wären nicht überrascht, wenn es lebhaftes Interesse an Chrysler gäbe", schreibt die Bank of America in einer Studie. Schließlich hätte der Käufer mit einem Schlag einen Fuß auf dem hart umkämpften, aber lukrativen amerikanischen Automarkt. Hinzu komme die Marke Jeep, die nach wie vor einen guten Klang habe. Neben möglichen Investoren aus Fernost wird hier vor allem die Karte Renault-Nissan gespielt, wenngleich es nach Einschätzung von Branchenkennern hier eher auf eine Kooperation hinauslaufen dürfte denn auf eine Übernahme.

Der Vorstandschef von Renault und Nissan, Carlos Ghosn, hatte im vergangenen Jahr bereits mit GM-Boss Rick Wagoner über eine mögliche Allianz der beiden Konzerne verhandelt. Wagoner allerdings hatte Franzosen und Japanern nach wochenlangen Verhandlungen den Laufpass gegeben. Der GM-Chef machte vor allem Unterschiede in der Unternehmenskultur geltend und monierte, dass Kernprobleme wie die Bewältigung der milliardenschweren Gesundheits- und Pensionsverpflichtungen durch ein Bündnis ohnehin nicht ausgeräumt worden wären. Mittlerweile hat auch Ghosn selbst abgewiegelt, Renault und Nissan haben im Augenblick schließlich selbst einige Probleme. Pläne für eine Erweiterung des Konzernbündnisses um einen der US- Anbieter wurden daher erst einmal auf Eis gelegt. "Erst müssen die Verkäufe von Renault wieder abheben", sagt Ghosn. " Es wäre gefährlich, vorher das Bündnis zu erweitern. Doch mit Zetsches Ankündigung vom Mittwoch könnte Ghosn doch schnell wieder ins Spiel kommen.

Michael Friedrich/DPA / DPA